Region: Race Across America: Senioren aus der Region radeln quer durch die USA

Region : Race Across America: Senioren aus der Region radeln quer durch die USA

Amerika ist knapp zehn Meter lang und 30 Zentimeter breit. 3000 Meilen oder 4800 Kilometer quer durch die USA, von West nach Ost, ausgerollt: das Streckenprofil des „Race Across America“ (RAAM), des härtesten Radrennens der Welt. Und genau heute in zwei Wochen geht’s für vier Herren im gesetzteren Alter auf die Piste.

Zusammen bringen es Rolf Nett aus Buchholz im Westerwald, Ulrich Reich aus Hennef, der Stolberger Professor Roland Fuchs und Paul Thelen aus Würselen immerhin auf 280 Jahre Lebenserfahrung, was denn auch erklärt, warum sie ihr Team „Alter hat Klasse“ getauft haben.

Alle vier haben ein Alter erreicht, in dem andere längst aufs E-Bike umgestiegen sind — wenn sie sich denn überhaupt noch irgendwie sportlich betätigen. Aber sie wissen, was sie sich da vorgenommen haben. Der 65-jährige Rolf Nett etwa ist das Rennen schon vier Mal im Viererteam gefahren und hält seit 2011 einen Streckenrekord in der Klasse Ü 50-59/Mixed: Damals fuhr er mit seiner Frau Waltraud, Gerry Hoffmann und Klaus Käfer als „Team Buchholz“ nach sechs Tagen, 13 Stunden und 57 Minuten über die Ziellinie — gute sechs Stunden schneller als die bisherigen Rekordhalter.

Schon 200 Radmarathons

Insgesamt geht Nett, der mehr als 200 Radmarathons, also Distanzen von 200 Kilometern und mehr, bestritten hat, in diesem Jahr schon zum siebten Mal beim RAAM an den Start, bereits vier Mal spulte er die 4800 Kilometer im Viererteam herunter.

Auch Roland Fuchs kennt den RAAM-Zirkus aus eigener Anschauung. Im vergangenen Jahr startete der Mediziner (74) noch in einer Achter-Mannschaft. „Die Herausforderung ist diesmal viel größer“, sagt er. „Aber ich habe auch noch nie so viel trainiert.“ Wobei Fuchs seinen Weg zur Arbeit praktischerweise immer als Teil des Trainings versteht: Die Strecke von Stolberg-Büsbach zum Aachener Uniklinikum und retour legt der Krebsspezialist am liebsten im Rennradsattel zurück.

Ulrich Reich, ein pensionierter Berufsschullehrer, ist dagegen zum ersten Mal dabei, wenn am 16. Juni an dem Pier im kalifornischen Oceanside der Startschuss fällt. Aber auch der 67-Jährige kennt Freud und Leid des Dauerkurbelns zur Genüge. Neunmal steht die legendäre „StyrkeprØven“ (etwa: Härtetest) Trondheim-Oslo über 550 Kilometer in seinem Tourenbuch, auch ein 24-Stunden-Rennen auf dem (alten) Nürburgring ist er schon gefahren. Wie Rolf Nett spult Reich im Jahr 12.000 bis 14.000 Kilometer auf dem Rennrad herunter.

Und auch Paul Thelen, der das Quartett komplettiert, ist ein „Rookie“, also ein Greenhorn beim RAAM. Deswegen hat sich der passionierte Marathonläufer und Bergsteiger auf das Abenteuer USA minutiös vorbereitet.

Seit Monaten arbeitet der Perfektionsfreak seinen Trainingsplan ab, zweimal unterzog sich der ehemalige Unternehmensberater aus Würselen einem umfangreichen Leistungscheck bei Kölner Sportwissenschaftlern, wöchentlich simuliert Thelen eine der vielen RAAM-Etappen. Ergebnis: sieben Kilo weniger auf den Rippen, maximale Sauerstoffaufnahme 3,7 Liter/Minute, Körperfettanteil bei zehn Prozent — nicht schlecht für einen 74-Jährigen. Zum Abschluss sind Paul Thelen und Roland Fuchs in Südtirol unterwegs. Auf der legendären Sellaronda in den Dolomiten holen sie sich den letzten Schliff, bevor es ab in die USA geht.

Also die Form stimmt. Aber wie geht das eigentlich, ein Nonstop-Radrennen zu viert? Thelen und Fuchs, Reich und Nett bilden jeweils ein Team. Gefahren wird in Schichten, immer abwechselnd eine Stunde lang. Zuerst geht Team A auf die Strecke, nach acht Stunden ist Team B an der Reihe, und so geht es nonstop weiter, natürlich auch nachts.

Dabei kommt es entscheidend auf die Begleitcrew an: Von den beiden Wohnmobilen — rollendes Basislager, Schlafplatz, Küche und Werkstatt in einem — muss immer eines pünktlich am nächsten Wechselpunkt zur Stelle sein, sonst gerät das ausgefeilte Timing ins Wanken. Überhaupt ist ein Racer nie allein: Immer folgt ein Begleitwagen, der ihn per Funk quer durch die Staaten lotst und für Notfälle und Unglücke bereitsteht. Davon gibt es in der Geschichte des RAAM erstaunlich wenige.

Dokumentiert sind nur zwei Todesfälle: 2003 starb Brett Malin beim Zusammenprall mit einem Lkw, zwei Jahre später kollidierte der Teilnehmer Bob Breedlove mit einem Auto. Dafür gibt es immer wieder tierische Begegnungen, die zuweilen brenzlige Bremsmanöver erzwingen: Vom Gürteltier über unfreundliche Hunde bis zum ausgewachsenen Wapiti-Hirsch kann den Fahrern allerlei Getier in die Quere kommen.

Käffer, Hitze, Eiseskälte

Die Route von Küste zu Küste hat sich im Laufe der Zeit oft geändert. Seit einigen Jahren ist der Verlauf jedoch relativ gleich. Es geht durch zwölf Bundesstaaten — Kalifornien, Arizona, Utah (wenige Meilen), Colorado, Kansas, Missouri, Illinois, Indiana, Ohio, West Virginia (wieder nur wenige Meilen), Pennsylvania und Maryland. Es geht über drei Gebirge — die Coast Range in Kalifornien, die Rocky Mountains (mit dem Wolf Creek Pass auf 3300 Metern Meereshöhe als dem Dach der RAAM-Tour) und die Appalachen.

Es geht über pfeilgerade Straßen, auf denen erst nach 40 Meilen die nächste Kurve kommt, durch gottverlassene Nester, in denen nachts nicht eine einzige Glühbirne brennt, durch Backofenhitze und Eiseskälte, es geht vorbei am Salton Lake, der 60 Meter unter dem Meeresspiegel liegt, und durch ein Kaff namens Congress in Arizona, von dem man nicht glauben sollte, es befinde sich „in the middle of nowhere“. Denn Congress liegt 37 Meilen südwestlich von Nowhere, 39 Meilen südöstlich von Nothing, 89 Meilen östlich von Somewhere und 67 Meilen hinter Hope — alle diese Orte, kein Scherz, existieren tatsächlich.

Aus den bescheidenen Anfängen 1982, als gerade einmal vier radsportverrückte Typen von Los Angeles nach New York fuhren (wofür sie neun Tage und 20 Stunden brauchten), entwickelte sich das Race Across America zu einem straff organisierten Großereignis auf zwei und vier Rädern. 300 Racer starten in unterschiedlichen Klassen, mal solo, mal in der Gruppe, mal als Mixed-Team, aber immer begleitet von einem rund 1000-köpfigen Begleittross aus Betreuern, Fahrern, Physiotherapeuten und Offiziellen.

Das Gear Book, so etwas wie die Bibel des RAAM, ist ein dicker Wälzer, in dem praktisch jede der rund 3000 Meilen penibel aufgelistet ist, bis hin zur kleinsten Kreuzung und zur letzten Ampel. Und wehe dem Team, das gegen eine der zahllosen Regeln verstößt oder beim Tricksen auffliegt: Dann setzt es saftige Zeitstrafen.

Treibstoff Gummibärchen

Keine Frage — wer radelt, der verbrennt tüchtig Körner. Um den Kalorienbedarf zu decken, stehen vor allem drei Gerichte auf dem Speiseplan: Pasta, Pasta und Pasta. Aber auch mit Studentenfutter, Gummibärchen und Trockenobst haben RAAM-Veteranen wie Rolf Nett beste Erfahrungen gemacht. Und natürlich: no alcohol!

Am Samstag, 16. Juni, Punkt 12 Uhr Ortszeit, geht es los für die vier. So viel steht fest. Aber wann wollen sie eigentlich ankommen in Annapolis, Maryland? „Sieben Tage und zwölf Stunden“, das haben sie jedenfalls so verabredet. Also dann: On to the east, boys — und happy cycling! Am guten Ende des außergewöhnlichen Roadtrips gibt es wieder ein Bier. Und ein Bett.

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