Qualität der Bewerber für NRW-Polizei oft mangelhaft

Unqualifiziert, fehlende Unterlagen, zu klein : Qualität der Bewerber für NRW-Polizei oft mangelhaft

Die Zahlen zeigen eklatante Schwächen für Bewerber bei der NRW-Polizei. Bei zehn Prozent fehlen die Unterlagen, gegen 5,5 Prozent läuft sogar ein Ermittlungsverfahren.

Bei der NRW-Polizei spricht man gerne über die hohe Anzahl an Bewerbern für die Ausbildung und von einem großen Pool, aus dem man schöpfen könne. 11.246 Kandidaten sind es fürs Einstellungsjahr 2018 gewesen, 2300 (864 Frauen, 1416 Männer) von ihnen wurden genommen. Dass aber von den 11.246 bereits viele nicht die einfachsten Anforderungen erfüllt haben, hört man eher selten. Allein schon 1143 Bewerber schieden aus, weil sie keine Unterlagen eingereicht haben – immerhin rund zehn Prozent. Besonders erschreckend: Gegen 5,5 Prozent der Gesamtbewerber, also rund 620, lagen Ermittlungsverfahren bei der Polizei vor.

Das geht aus dem Jahresbericht 2018 des Landesamtes für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten (LAFP) zur polizeilichen Einstellungskampagne hervor, der unserer Redaktion vorliegt. Bei eingehen der Betrachtung der übrig geblieben 10.103 Bewerbungen schrumpfte die Zahl derer schnell zusammen, die man geeignet hielt für eine Einstellung im gehobenen Polizeivollzugsdienst. „Es wird eigentlich nur die Quantität hervorgehoben, über die Qualität der Bewerber spricht man nicht so gerne öffentlich“, heißt es aus Polizeikreisen. „Hauptsache man kann am Ende sagen, man habe wieder die geforderte Anzahl an qualitativ guten Polizeischülern gefunden.“

Von den 10.103 Bewerbern reichten 3284 nur unzureichende Unterlagen ein – da waren es vor dem ersten der beiden Einstellungstests nur noch 6256. Durch den ersten Test fielen dann weitere 1628, 258 bestanden den zweiten Test am Computer nicht. 1424 sortierte der Polizeiarzt anhand der Aktenlage aus: 86 Frauen waren kleiner als die in NRW geforderte Mindestgröße von 1,63 Meter. Bei der ärztlichen Untersuchung erfüllten weitere 737 die Anforderungen nicht. Die übrigen wurden ins Assessment-Center geladen, wo dann weitere 592 aussortiert werden mussten. „In persönlichen Gesprächen stellte sich bei manchen heraus, dass sie charakterlich nicht geeignet sind für die Polizeiarbeit, so dass man mit Ach und Krach die 2300 für die Ausbildung zusammenbekommen hat“, so der Insider. Dem Bericht zufolge wurden bei 198 Bewerbern charakterliche Mängel festgestellt.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sieht zwar noch keine Bewerbernot, warnt aber davor, dass sich das künftig ändern könnte. „Bis 2020 sieht es gut aus. Danach wird es immer schwerer, ausreichend qualifiziertes Personal zu finden“, sagt Michael Maatz, stellvertretender Landesvorsitzender der GdP, der beim LAFP tätig ist. „Wir stehen in einem immer größeren Wettbewerb mit der freien Wirtschaft. Außerdem kommen dann geburtenschwache Jahrgänge.“ Man dürfe aber nicht den Fehler machen, die Einstellungskriterien herabzusetzen. Doch schon jetzt bereitet die jährliche wachsen de Abbruchquote zunehmend Sorgen. „Manche brechen ab, weil sie lukrativere Jobs bekommen. Für andere wiederum stellt sich heraus, dass die Polizeiarbeit nichts für sie ist“, sagt Maatz.

Einige Polizeischüler sollen nach Informationen unserer Redaktion auch absichtlich durch die Klausuren fallen, um die Polizeischule vorzeitig verlassen zu können. „Sie haben die Ausbildung nur angetreten, weil sie eine gewisse Zeit überbrücken müssen bis zum Beginn eines anderen Jobs oder eines Medizinstudiums“, erklärt ein Insider „Bei der Polizei bekommen sie für die ,Wartezeit’ monatlich Geld und zusätzlich noch interessante Einblicke in die Polizeiarbeit.“ Wenn sie die Klausuren nicht bestehen, müssen sie auch nichts zurückzahlen. „Für uns als Polizei ist das natürlich sehr ärgerlich.“

Dem Bericht zufolge ist der durchschnittliche NRW-Polizeischüler des 2018er Jahrgangs zwischen 18 und 23 Jahre alt und hat sich vor allem bei den Ausbildungszentren im Ruhrgebiet und Rheinland beworben. So entfallen 262 der 2300 Polizeischüler auf Dortmund, 235 auf Duisburg und 283 auf Gelsenkirchen. In Düsseldorf sind es 172, in Köln 229 und Bonn 118. Rund 80 Prozent haben Abitur, knapp 20 Prozent die Fachhochschulreife. Viele Bewerbungen, knapp 1000, gingen auch aus anderen Bundesländern ein, am meisten aus Niedersachsen (389, davon wurden 33 genommen) gefolgt von Rheinland-Pfalz (184, 30) und Hessen (136/10). Laut Bericht schnitten die Bewerber aus NRW bei den Tests deutlich besser ab als die Konkurrenz aus anderen Bundesländern.

Bei den Kandidaten soll angeblich auch darauf geachtet werden, dass sie keine Verbindungen zu kriminellen Familienclans haben. „Wir wissen, dass die Clans das versuchen“, sagt der Insider. Beim LAFP wollte man sich nicht konkret zu Clans äußern, betonte aber, dass die Bewerber genau durchleuchtet werden. „Zur Feststellung der charakterlichen Eignung werden auch gegebenenfalls vorhandene Erkenntnisse aus strafrechtlichen Ermittlungsverfahren und auch Datenbeständen der Sicherheitsbehörden wie Verfassungsschutz und Landeskriminalamt einbezogen“, erklärte LAFP-Sprecher Victor Ocansey. Im aktuellen 2018er Jahrgang, so steht es in dem Bericht, gibt es von den 2300 Studierenden nur eine Frau mit arabischen Wurzeln, eine Syrerin.

Um mehr ernsthafte Bewerber zu bekommen, fordert die Deutsche Polizeigewerkschaft bereits seit längerem, auch Realschüler zur Ausbildung zuzulassen. „Wir betrachten das als ein probates, den Kreis der Bewerber zu vergrößern, um so eine bessere Auswahl – ohne Senkung der Standards – unter den qualifizierten Bewerbern zu erzielen“, sagt Landeschef Erich Rettinghaus. Ähnlich wie in Rheinland-Pfalz sollte ein zweijähriger, auf NRW bezogener Studiengang an einer Berufsfachschule eingerichtet werden, der mit dem Erwerb der Fachhochschulreife ende und so für das Bachelor-Studium an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung berechtige. „Wer sich so zwei Jahre lang gezielt auf das Bachelor-Studium vorbereitet und Praktika absolviert, wird hochmotiviert und gut vorbereitet das Studium beginnen und absolvieren“, meint Rettinghaus.

Von dem 2018er Jahrgang sind bereits im ersten Jahr mindestens 47 Studierende ausgeschieden, 36 davon auf eigenen Wunsch. Die Zahl dürfte weiter steigen, weil noch Nachschreibeklausuren anstehen. Demnach sind laut LAFP bereits 1500 sogenannte Prüfungsleistungen (Klausuren) nicht bestanden worden. Und eine Klausur darf im ersten Ausbildungsjahr nur einmal wiederholt werden. Sollte diese nicht bestanden werden, muss das Studium abgebrochen werden. „Dadurch gehen uns leider auch gute Leute verloren, nur weil sie vielleicht in einem Fach Schwierigkeiten gehabt haben“, sagt GdP-Sprecher Stefan Hegger.

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