Prozess gegen rechtsradikalen Wehrhahn-Bomber beginnt in Düsseldorf

Düsseldorf : Bombenanschlag gegen Juden: Ralf S. gibt sich redselig und „unschuldig“

Ja, nach dem Bombenanschlag vor fast 18 Jahren sei er, angelockt vom Hubschrauberlärm, zum Tatort gelaufen, habe mit einem Polizisten geplaudert und den Beamten vor Ort Cola spendiert. So sei er halt, sagt Ralf S. Der 51-Jährige redet schnell und stundenlang, ständig schweift er ab.

Über den Sex im Besucherraum seines Gefängnisses plaudert er ebenso wie über eine schmutzige Auseinandersetzung mit seiner Ex-Freundin und das „Sokratesschwert, das seit Jahren über mir schwebt“.

Gemeint ist das Damoklesschwert des sogenannten Wehrhahn-Verfahrens, das ihn lebenslang hinter Gitter bringen könnte. Seit Donnerstag sitzt der Ex-Soldat wegen zwölffachen versuchten Mordes auf der Anklagebank des Düsseldorfer Landgerichts.

Er soll der rechtsradikale Bomber sein, der im Juli 2000 am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn eine selbst gebaute Rohrbombe ferngezündet hat — in dem Moment, als eine Gruppe überwiegend jüdischer Zuwanderer den in einer Tüte versteckten Sprengsatz passierte. Wären die 250 Gramm TNT nicht verunreinigt gewesen, hätte es Tote gegeben, sagte Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück.

Eher Student statt „harte Nuss“

Bei der Explosion werden vor mehr als 17 Jahren zehn Menschen verletzt, einige von ihnen lebensgefährlich. Ein ungeborenes Baby stirbt durch einen Metallsplitter im Bauch seiner Mutter. Eine junge Frau verliert ein Bein. Fünf der Opfer treten im Prozess als Nebenkläger auf, sind aber nicht im Saal. Er habe den Anschlag nicht begangen und wisse auch nicht, wer es gewesen sei, beteuert der Angeklagte eindringlich.

Kariertes Hemd, gemustertes Halstuch, schwarze Brille und Haartolle — rein äußerlich wirkt er am Donnerstag eher wie ein Langzeit-Student und nicht wie die „harte Nuss“, als die er sich Ermittlern zufolge selbst bezeichnen soll: ausgebildeter Scharfschütze bei der Bundeswehr, Detektiv, Personenschützer, Militaria-Händler.

Er habe keinen Streit mit den späteren Opfern gehabt, nicht einmal gewusst, dass gegenüber von seinem Militaria-Laden eine Sprachschule gewesen sei, behauptet er. Ärger habe er nur mit der Antifa gehabt, denen sein Laden ein Dorn im Auge gewesen sei.

Er habe auch nicht den Neonazi Sven Skoda, der mit einer Heinsbergerin verheiratet ist und als eine der einflussreichsten Personen in der rechtsextremen Szene im Rheinland gilt, nach einem Alibi gefragt. Schon gar nicht habe er einem Mitgefangenen 2014 im Gefängnis Castrop-Rauxel gestanden, „an einem Bahnhof Kanaken weggesprengt“ zu haben, wie dieser behauptet.

Als wenige Stunden nach dem Anschlag öffentlich bekannt geworden war, dass die Opfer überwiegend jüdische Einwanderer aus den ehemaligen GUS-Staaten waren, gingen im Sommer 2000 etliche Hinweise auf Ralf S. bei der Polizei ein. Auch aus der Neonazi-Szene, der er damals zuzurechnen, in der er aber nicht besonders beliebt war. Auch im Stadtteil wies man auf den Mann mit dem Rottweiler hin, der sich gern als „Sheriff“ im Viertel aufspielte und „Ausländer raus“ auf Laternenpfähle klebte. Zusammengefasst als „Spur 81“ galten die Hinweise früh als vielversprechend und S. als Beschuldigter.

Ob er sich denn seine damals mitgeschnittenen Telefonate einmal angehört habe, will der Vorsitzende Richter Rainer Drees wissen. Dabei sollen zahlreiche fremdenfeindliche Äußerungen zu hören sein. „Ja“, sagt der Angeklagte. „Ich habe halt kein Abitur.“ Ein wenig wie Alfred Tetzlaff alias „Ekel Alfred“ habe er wohl geklungen.

Die Staatsanwaltschaft verweist auf jede Menge verräterische Äußerungen des Angeklagten, belastende Zeugenaussagen und Fundstücke aus seiner Wohnung wie den Splint einer Handgranate und die Bauanleitung für einen Zünder — einen, wie er für den Anschlag verwendet worden sein soll. Das Landgericht hat bis Juli knapp 40 Verhandlungstage für den Indizien-Prozess angesetzt. Es könnte aber auch ein Jahr dauern, sagt ein Prozessbeteiligter.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Der Wehrhahn-Prozess: Bombenanschlag auf Juden

(dpa)
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