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Unfall mit fünf Toten: Prozess gegen Marvin H. beginnt im Januar

Unfall mit fünf Toten : Prozess gegen Marvin H. beginnt im Januar

Fast ein Jahr ist der schreckliche Unfall her, bei dem kurz vor Weihnachten 2018 bei Aachen-Verlautenheide fünf Menschen starben. Das Verfahren gegen den Unfallverursacher Marvin H. beginnt nun im Januar. Dass die Anklage „nur“ beim Amtsgericht gelandet ist, wird durchaus kontrovers diskutiert.

Anfang nächsten Jahres muss sich Marvin H. aus Herzogenrath vor dem Amtsgericht in Aachen verantworten. Die Termine sind nun festgelegt. Der 20-Jährige hatte kurz vor Weihnachten einen katastrophalen Unfall zwischen Stolberg und Verlautenheide verursacht, bei dem fünf Menschen starben. Die Staatsanwaltschaft hält ihm „fahrlässige Tötung, einen schweren Eingriff in den Straßenverkehr und ein verbotenes Kraftfahrzeugrennen mit Todesfolge“ vor.

Einen Mord hatten die Ermittler schon früh ausgeschlossen. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft liege kein vorsätzliche Tötung vor, lässt der Anklageführer Wilhelm Muckel ausrichten. Vielmehr habe der Beschuldigte fahrlässig gehandelt.

An dem Verfahren gibt durchaus Kritik, sowohl in Polizisten- als auch in Juristenkreisen. Die Verwunderung ist groß, dass ein so schwerer Fall nur bei der untersten Instanz, dem Amtsgericht, gelandet ist. Regelmäßig kümmern sich bundesweit die Landgerichte um Raser. Eine Anklage vor dem Amtsgericht könnte bedeuten, dass der Fall auch nach Berufung und Revision erst nach Jahren juristisch abgeschlossen ist.

Die Vorgehensweise lässt den Rückschluss zu, dass die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass die zu erwartende Strafe für Marvin H. unter vier Jahren Haft liegt. Denn bei einer höheren Straferwartung wäre das Landgericht zuständig.

„Wir sind nicht glücklich, dass so ein umfangreiches Verfahren bei uns landet. Fakt ist aber, dass die Staatsanwaltschaft die Anklage beim Amtsgericht erhoben hat“, sagt auch die Sprecherin des Amtsgerichts, Sabine Schafranek.

Das Verfahren beginnt am 24. Januar und könnte nach insgesamt fünf Verhandlungstagen am 12. Februar mit einem Urteil des Jugendschöffengerichts enden. Geladen sind bislang 25 Zeugen. Wegen der vielen Verfahrensbeteiligten - Sachverständige und Nebenkläger - war die Terminfindung aufwendig. Die Staatsanwaltschaft hatte immer den Herbst als wahrscheinlichen Zeitraum für das Verfahren genannt.

In Stuttgart wurde gerade ein Raser verurteilt. Der Fall hat in Bezug auf die Angeklagten durchaus Parallelen zum Aachener Verfahren. Der Prozess dort fand allerdings nicht an einem Amtsgericht, sondern vor der Jugendkammer des Stuttgarter Landgerichts statt.

Angeklagt wegen Mordes war Mert T., 20 Jahre alt. Auch er ein Raser, der einen Unfall mit zwei Toten verursacht hat. Mert T. und Marvin H.. sind gleich alt, Autofreaks und angehende Kfz-Mechatroniker. Sie sind in einem Milieu zu Hause, in dem dicke, aufgemotzte Autos viel zählen. Marvin H. wird zum Beispiel zur regionalen Tuningszene gerechnet.

Mert T. war am 6. März dieses Jahres in einem gemieteten Jaguar (550 PS) mit 165 Stundenkilometern in der Innenstadt unterwegs. Er musste bremsen auf einer Straße, auf der nur 50 Stundenkilometer erlaubt sind, weil ein entgegenkommendes Fahrzeug nach links abbog. Der Jaguar geriet ins Schlingern und prallte auf einen Kleinwagen, der an einer Tiefgaragenausfahrt stand. Die beiden Insassen starben an der Unfallstelle. Mert T. und sein Beifahrer überstanden den Zusammenprall weitgehend unverletzt. Erste Hilfe am Unfallort leisteten sie nicht.

Der Unfallverursacher kam in Untersuchungshaft. Verurteilt wurde er am Ende nicht wegen Mordes. Für ein „verbotenes Kraftfahrzeugrennen mit Todesfolge“ und „vorsätzliche Gefährdung des Straßenverkehres“ erhielt er eine fünfjährigen Haftstrafe. Anschließend bleibt der Führerschein noch weitere fünf Jahre eingezogen.

„Dieser Unfall beruht auf einer hirnlosen Raserei“, hielt die Richterin im Urteil fest. Die Kammer sprach von einem „Vorsatz-Fahrlässigkeits-Delikt“. Mert T. habe vorsätzlich die Gefahr herbeigeführt, die zu dem Crash führte. Man habe ihm aber nicht nachweisen können, dass er den Tod anderer Menschen dabei in Kauf genommen hätte. Er habe geglaubt, dass er sein geliehenes Fahrzeug beherrschen könne, durch „vorsätzlich schnelles Fahren“ habe er seine Kumpels beeindrucken können. Die Opferfamilie geht unverändert von einem Tötungsvorsatz aus und deutet Revision an.

Genau wie Mert T. kannte auch Marvin H. die Unfallstrecke mit ihren Gefahrenstellen. Der Herzogenrather wusste also, dass dort nur Tempo 70 vorgesehen ist. Das hielt ihn nicht davon ab, die Fahrbahn zu wechseln, um einer Radarmessung zu entgehen. So wurde die furchtbare Kollision ausgelöst. Marvin H. soll eine Höchstgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern gefahren sein.

Jahrzehntelang wurden Verursacher von Unfällen, bei denen Menschen starben, wegen „fahrlässiger Tötung“ zu maximal fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Die Rechtsprechung hat sich erst im Februar 2017 geändert, als das Landgericht in Berlin zwei 24 und 26 Jahre alte Männer wegen eines Rennens auf dem Kurfürstendamm wegen Mordes zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt hatte.

Bei dem Autorennen hatten sie mit 160 Kilometern mehrere rote Ampeln überfahren, bis es an einer Kreuzung knallte. Der Fahrer eines Jeeps kam ums Leben. Das Urteil war ein Wendepunkt in der Rechtsprechung. Aus Rasern wurden seitdem zuweilen Mörder.

Beantworten muss das Gericht immer die Frage: Hat der Täter vorsätzlich oder nur fahrlässig gehandelt? Hat der Raser den Tod eines Menschen „billigend in Kauf genommen“. Nur dann wäre der Tatbestand des Mordes erfüllt. Das Mordmerkmal wäre die Benutzung eines „gemeingefährlichen Mittels“, in dem Fall eines Autos.

Ob die Öffentlichkeit in Aachen in dem Verfahren überhaupt zugelassen wird, weil gegen den angeklagten Marvin H. möglicherweise nach Jugendstrafrecht verhandelt wird, wird erst am ersten Verhandlungstag entschieden.