Proteste und Polizeieinsatz im Hambacher Forst gehen weiter

Tag drei im Hambacher Forst : Den Aktivisten im Tunnel geht die Luft aus

Zwei Braunkohlegegner halten sich im Bereich der Baumhaussiedlung „Oaktown“ im Erdreich versteckt. Das Waldstück wurde zum Sicherheitsbereich erklärt, bereits seit dem frühen Nachmittag haben Journalisten keinen Zutritt mehr.

Eine Verbindungsperson hat mittlerweile Kontakt zu den beiden Aktivisten aufgebaut. Ob sie unter der Erde fixiert sind, ist derzeit nicht bekannt. Weil die Feuerwehr bei Luftmessungen feststellte, dass in dem Tunnel die CO2-Konzentration gestiegen war, wurde die unterirdische Höhle mit einem Kompressor belüftet.

Laut Informationen unserer Zeitung befinden sich die beiden Aktivisten mehrere Meter tief im Erdreich. „Wir beraten jetzt, wie es weitergeht. Wir versuchen, die beiden schonend dort rauszuholen“, erklärte Ralf Johnen von der Feuerwehr Aachen, die vor Ort die Feuerwehren aus Kerpen und Merzenich unterstützt. In die Beratungen sind auch Geologen und Grubenexperten involviert.

Die Kölner Berufsfeuerwehr hatte zum Orten der verschütteten Personen ein Erdsonar in den Wald gebracht. Die Feuerwehren Kerpen und Merzenich setzten zudem eine Endoskopkamera ein, die bis zu 30 Meter in das Tunnelsystem hineinschauen kann. „Wir tasten uns vorsichtig Meter für Meter vor. Es ist eine mühsame Arbeit“, erklärte Ralf Johnen.

Der Brandamtsrat ist eigentlich ein leitender Feuerwehrmann bei der Aachener Berufsfeuerwehr. Die hat am Samstag den Einsatzleitwagen 3 und zahlreiche Leute in den Forst entsandt, die an ihrem eigentlich dienstfreien Tag ihre Kollegen unterstützen.

Nach Informationen unserer Zeitung hatte die Polizei die Räumung unterbrochen, nachdem eine Luke am Erdboden entdeckt worden war. Schon am Freitag hatten die Aktivisten die Beamten davor gewarnt, mit schwerem Gerät in den Wald zu fahren, da sich Menschen unter der Erde befänden. Diese Warnung hat sich nun bestätigt, die Polizei hat sich zurückgezogen und der Feuerwehr das Feld überlassen. Aus der Räumung ist zumindest an einer Stelle ein Rettungseinsatz geworden, ein Notarzt ist vor Ort.

Derweil hatte die Polizei am Samstag nicht nur mit Aktivisten im Wald zu kämpfen. Bei Merzenich sei ein ziviles Auto mit Unbeteiligten attackiert worden. Die Polizei schritt ein, dabei seien auch Schlagstöcke eingesetzt worden, bestätigte ein Sprecher am späten Nachmittag.

Hambacher Forst: Polizisten räumen Baumhausdorf "Oaktown"

Die Polizei beendete zudem nach mehreren Stunden die Blockade von Baggern und zwei Förderbändern im Braunkohlekraftwerk Niederaußem in der Nähe des Hambacher Forstes. Der Betrieb des Kraftwerks wurde zeitweise behindert. Rund 500 Menschen folgten am Samstag einem Demonstrationsaufruf der Aktion Unterholz und protestierten mit Sitzblockaden gegen die geplante Rodung des Forstes. Der Protest geht auch am Sonntag weiter. Umweltaktivisten wollen Hunderte von Jungbäumen in bereits gerodetem Gebiet pflanzen. Die kleinen Bäume sollen zwischen die Waldgrenze und die Tagebaukante gesetzt werden.

Auf beiden Seiten der Autobahn 4 zogen Demonstranten auf. Vereinzelt sei es dabei zu Versuchen gekommen, Polizeiabsperrungen zu durchbrechen. Auch hier gingen die Beamten mit Schlagstöcken vor, auch Pfefferspray kam zum Einsatz.

Einer Gruppe gelang es durch ein Feld, in den Hambacher Forst zu gelangen. Teile dieser Demonstranten seien mittlerweile im Wald eingekreist worden, heißt es von Seiten der Polizei.

Was die Räumung angeht, waren die Fortschritte am Samstag überschaubar. Vier Aktivisten holte die Polizei im „The North“ genannten Teil des Waldes aus den Bäumen. Zwei von ihnen hatten sich mit einem sogenannten Lock-On angekettet.

Die Einsatzkräfte wollten bis zum Einbruch der Dunkelheit weiter räumen, sagte ein Polizeisprecher am Samstag auf Anfrage. Der Wald werde auch in der Nacht so weit wie möglich gesichert und beleuchtet. „Wir werden mit allen Mitteln verhindern, dass neue Bauten errichtet werden.“ Die Räumung werde auch am Sonntag „ohne Pause“ weitergehen.

Insgesamt wurden laut Polizei im Laufe des Samstags bis 18 Uhr bislang 35 Personen in Gewahrsam genommen. und 13 der schätzungsweise 60 Baumhäuser abgebaut. Mehrere Hebebühnen waren im Einsatz. An einem Baumhaus betonierten Aktivisten laut Polizei ihre Hände in einem Betonquader ein.

Tausende Polizisten beginnen mit Räumung im Hambacher Forst

Polizeieinsatz läuft seit drei Tagen

Am Donnerstagmorgen hatte die Polizei im Auftrag der zuständigen Baubehörden begonnen, diese zu entfernen. Die Behörden begründen die Aktionen unter anderem mit dem fehlenden Brandschutz in den Baumhäusern. Diese gelten als Symbol des Widerstands gegen die Kohle und die damit verbundene Klimabelastung. In dem Wald stehen Jahrhunderte alte Buchen und Eichen.

Die Baumhäuser befinden sich in 20 bis 25 Metern Höhe, was eine Entfernung erschwert. Die Polizei rechnet mit einem tagelangen Einsatz.

Die Räumung des Forstes belastet auch die Arbeit der sogenannten Kohlekommission in Berlin, obwohl sie offiziell kein Mandat für den Wald hat. Die Kommission, die den Ausstieg aus der Kohleverstromung beschließen soll, komme mit konkreten Ausstiegsvorschlägen gerade in Fahrt, teilte die Umweltorganisation Germanwatch mit. NRW und RWE dürften die Arbeit des Gremiums „nicht weiter gefährden, indem sie versuchen, im Hambacher Wald Fakten zu schaffen“.

Nach einem Bericht des Magazins „Der Spiegel“ könnte sich in der Kommission ein Kompromiss beim Ausstieg aus der Kohleverstromung abzeichnen. Demnach könnten die letzten Kohlekraftwerke zwischen 2035 und 2038 geschlossen werden. Umweltorganisationen fordern einen Aufschub der Rodung im Hambacher Forst bis zu einer Entscheidung der Kommission.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Tausende bei Demonstration gegen Hambach-Rodung

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