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Prognose für NRW: Über eine Million neue Wohnungen bis 2040 nötig

Laut Prognose : Über eine Million neue Wohnungen bis 2040 in NRW nötig

Der Bedarf an neuen Wohnungen bleibt auch in den nächsten Jahrzehnten groß in NRW – vor allem an bezahlbaren seniorengerechten Angeboten. Forscher halten die Herausforderung aber für machbar.

Bis zum Jahr 2040 werden in Nordrhein-Westfalen über eine Million neue Wohnungen gebraucht. Das geht aus einer Prognose eines Wohnungsforschungsinstituts für das nordrhein-westfälische Bauministerium hervor. Die Forscher gehen davon aus, dass der notwendige Neubau in den nächsten beiden Jahrzehnten gedeckt werden kann, wenn es gelingt, das Niveau der vergangenen drei Jahre im Durchschnitt zu halten.

„Wir brauchen ein Mehr an Wohnungsbau und damit auch ein Mehr an Wohnungsraum in unserem Bundesland“, sagte Bauministerin Ina Scharrenbach (CDU) am Donnerstag bei der Vorstellung der Prognose. Dazu gehöre auch mehr Bauland. 2019 hätten die NRW-Kommunen mehr als eine halbe Milliarde Euro in Böden investiert.

Eine große Versorgungslücke klafft der Prognose des GEWOS Instituts zufolge bei altersgerechten Wohnungen: Schon für das Jahr 2018 sei sie bereits mit fast 439.000 Wohneinheiten zu beziffern. Das seien rund 29 Prozent aller Seniorenhaushalte, die derzeit noch in ihren angestammten Ein- oder Zweifamilienhäusern lebten, aber potenziell Bedarf an altersgerechten Angeboten hätten. Bis 2040 ergebe sich wegen der Bevölkerungsentwicklung ein zusätzlicher Bedarf von rund 234.000 Wohnungen für Seniorenhaushalte.

„Alle Kreise und kreisfreien Städte sind mit einer steigenden Zahl älterer Haushalte konfrontiert“, heißt es in dem Gutachten. Wenn die Nachfrage nach altersgerechten, attraktiven und bezahlbaren Angeboten gedeckt werde, müssten durch den Umzug der Senioren künftig deutlich weniger Ein- und Zweifamilienhäuser neu gebaut werden. Nach Ansicht der Grünen sollte überall bedarfsgerecht barrierefreier Wohnraum entstehen, damit ältere Menschen „nicht auf Jahre in unmodernisierten und viel zu großen Einfamilienhäusern festsitzen“. Umgekehrt könnten junge Familien dann die frei werdenden Einfamilienhäuser sanieren. Ministerin Scharrenbach sagte, der Ansatz „Altes Haus sucht junge Familie“ solle in den Regionen verstärkt werden.

In den vergangenen drei Jahren wurden in NRW jährlich rund 46.000 Wohnungen neu gebaut. Wegen des Nachholbedarfs und wachsender Haushaltszahlen sei bis 2025 zunächst noch eine höhere Bauleistung erforderlich, prognostiziert das Institut für Stadt-, Regional- und Wohnforschung. Zu rechnen sei etwa mit 51.000 notwendigen Neubauten pro Jahr. Bis 2040 werde der Bedarf wieder auf rund 46.000 abflachen.

„Wachstumskerne“ bleiben Düsseldorf, Köln, Münster und Bonn. Quantitativ müssten sie – ebenso wie Leverkusen und Wuppertal – deutlich mehr bauen als bisher, um die Nachfrage zu befriedigen. Dabei müssten auch Ausweichbewegungen einkalkuliert werden: Das knappe Wohnungsangebot, steigende Mieten und Immobilienpreise schwächten den zuletzt hohen Zuzug in die Wachstumskerne ab. „Die Städte strahlen zwar weiterhin eine hohe Attraktivität aus, allerdings sind die Wohnkosten mittlerweile so hoch, dass sich die Bevölkerung nach Alternativen im Umland umschaut.“

Verstärkt werden könnte dieser Trend durch eine fortschreitende Digitalisierung in der Arbeitswelt. Die Corona-Pandemie habe die Akzeptanz für Telearbeit steigen lassen. GEWOS-Geschäftsführerin Carolin Wandzik sah zwei Szenarien: Mit der Corona-Krise werde Wohneigentum mit mehr Fläche und etwas Grün beliebter. Außerdem gehe corona-bedingt die Zuwanderung aus dem Ausland zurück, was zu einer zeitweisen Entspannung in den Wachstumsregionen führe. „Wir werden auf jeden Fall eine Delle 2020/21 haben.“ Das werde sich aber ändern, sobald man die Pandemie in den Griff bekomme.

Ein Großteil der Kreise kann seine Neubautätigkeiten der Prognose zufolge allerdings getrost zurückfahren. Unerlässlich seien hingegen Bestandspflege und Entwicklung für „ländliche Schrumpfungsregionen“, wo das Angebot längst nicht mehr dem Geschmack der Wohnungssuchenden entspreche. Ohne Investitionen in Qualität, teilweise aber auch Abriss nicht mehr nachgefragter Bestände, werde der Leerstand in einigen Landesteilen weiter ansteigen, mahnen die Forscher. Wachstumspotenzial sehen sie in den Kreisen Rhein-Sieg, Rhein-Erft und im Rhein-Kreis Neuss.

Die Problematik fehlenden bezahlbaren Wohnraums werde weiter zunehmen – vor allem in den verwöhnten Wachstumsregionen. „Vor dem Hintergrund des Anstiegs der Arbeitslosenzahlen und der Zahl der Beschäftigten in Kurzarbeit in der Corona-Krise ist davon auszugehen, dass sich die finanzielle Situation vieler Haushalte anspannt“, bilanzieren die Experten.

Der Deutsche Mieterbund (DMB) NRW beklagte, dass Menschen mit geringeren Einkommen aus den Städten verdrängt würden. Das Land müsse den Schwerpunkt stärker auf den Neubau von preisgebundenen Mietwohnungen legen. Die SPD kritisierte, dass die Zahl der neu geschaffenen und mietpreisgebundenen Wohneinheiten seit 2016 um rund 41 Prozent zurückgegangen sei.

Die Mietkostenbelastung ist dem Gutachten zufolge in den Großstädten am höchsten. Gleichzeitig seien hier die Durchschnittswohnungen am kleinsten. So sei die geringste durchschnittliche Wohnfläche in Gelsenkirchen zu finden (74,8 Quadratmeter), gefolgt von Duisburg (75,8) und Düsseldorf (76,3). Demgegenüber seien Durchschnittswohnungen im Kreis Höxter 109,9 Quadratmeter groß, gefolgt vom Kreis Coesfeld (109,3) und vom Kreis Steinfurt (108,8).

(dpa)