Pro oder Kontra: Weihnachten mit allem Drum und Dran?

Pro und Kontra : Weihnachten mit allem Drum und Dran?

Jedes Jahr geht es um dieselben Rituale zum Fest: Und jedes Jahr gibt es in den Familien Diskussionen darüber. Braucht man Adventskalender? Soll man sich beschenken? Die Christmette besuchen?

Soll man festlich essen? Darf man an Heiligabend ausgehen? Fünf Pros und Kontras aus der Redaktion.

Ein großes Festessen

Foto: dpa-tmn/Tobias Hase

Pro von Andrea Zuleger

Ein paar Tage vor Weihnachten schwamm früher ein Karpfen in unserer Badewanne. Ich weiß nicht mehr, wer ihm den Garaus machen musste, aber wenn es nach gekochtem Fisch und polnischer Sauce roch, war die Bescherung nicht mehr weit. Lecker fand ich den Karpfen nicht, aber es ist bis heute eine meiner prägendsten Erinnerungen an das Weihnachten meiner Kindheit.

Dieselben Kinder, die heute lieber Nuggets mit Ketchup an Heiligabend essen würden, erinnern sich zehn Jahre später an den zarten Duft von Gambas in Kräutern, an das erdige Aroma von Roter Bete oder an die fruchtige Füllung der Gans. Essen verbindet auf wunderbare Weise, ist archaisch und zugleich immer wieder neu.

Natürlich gibt es wichtigeres als die Menüfrage an Weihnachten. Aber sie ist auch nicht zu unterschätzen. Nicht, um sich besonders viel Luxus zu leisten oder Kochkunst zu demonstrieren, sondern um mit anderen zusammen zu sein. Gemeinsames Essen bedeutet Gespräch und Genuss, in manchen Häusern auch Gebet. „Hauptsache satt“ mag an vielen Tagen im Jahr okay sein, aber wenn man feiern möchte, schließt das für mich ein feierliches Essen ein. Und sollte die Familie dabei nicht ganz so harmonisch um den Tisch sitzen wie erhofft, kann ein guter Braten auch eine kleine Rettung sein.

Kontra von Andreas Herkens

Es ist nun nicht so, dass ich nichts von Essen halte. Wirklich nicht. Im Gegenteil. Ich esse gerne – gesund, abwechslungsreich. Und manchmal auch, ich gebe es zu, ungesund. Besonders gerne habe ich Nachtisch, Schoko-Kreationen in jeder Form. Süß muss es schon sein, wenn auch nicht zu süß. Zu Weihnachten gehört natürlich auch Essen, dagegen habe ich ja gar nichts. Aber warum muss es immer so aufwändig sein, so viel Arbeit machen – vorher und nachher?

Auch unsere Familie trifft sich zu Weihnachten – so viele Gelegenheiten gibt es im Jahr nicht. Wir reden viel, tauschen uns aus, lachen, singen sogar was zusammen. Das ist immer schön! Aber vorher: stundenlanges Werkeln in der Küche. Hinterher: fast ebenso langes Säubern und Aufräumen. Das macht nicht jedem Spaß. Ich brauche das jedenfalls nicht. Seit Jahren versuche ich schon, etwas ganz Einfaches anzubringen: Kartoffelsalat mit Würstchen etwa (okay, für Fleischgegner könnte es auch ruhig eine andere Beilage sein). Aber ohne Erfolg. Es gibt schon Überlegungen für dieses Jahr. Und ich weiß schon: Auch diesmal werde ich mich nicht durchsetzen. Tja.

Adventskalender

Foto: imago/STPP/imago stock&people

Pro von Kristina Toussaint

Eben haben wir noch den überraschend langen Spätsommer im Biergarten genossen, schon werden im Supermarkt die Lebkuchen in die Regale geräumt, und kurz darauf brennt die erste Kerze auf dem Kranz. Jedes Jahr scheint das schneller zu gehen. Der Dezember ist voll mit Familienfeiern, Weihnachtseinkäufen und Glühweinverabredungen. Und zack! – ist der 23. Dezember da. Jetzt schnell rein in die Besinnlichkeit und die Feiertage genießen.

Was helfen kann, nicht so vom plötzlichen Weihnachtsfest überrascht zu werden? Bei mir ist es ein Adventskalender. Ab dem ersten Dezember lädt täglich ein Stück Schokolade oder ein kleines Präsent dazu ein, morgens kurz innezuhalten und sich zu erinnern, worum es einem in der Adventszeit eigentlich geht – und wie viele Tage noch bleiben, um alles zu erledigen, was am Heiligen Abend erledigt sein will.

Kontra von Werner Breuer

Ein Countdown ist die Adventszeit ohnehin: Mit jedem Tag steigt bei Kindern die Vorfreude und bei Erwachsenen der Blutdruck. Weihnachten löst Stress aus, und ein Adventskalender kann den noch steigern. Er erinnert  täglich daran, dass die Zeit für die Organisation von Geschenken, Festessen und Christbaum wieder etwas knapper geworden ist. Und das gilt nur für die gekaufte Variante, wo jeden Tag ein anders geformtes Stück Schokolade überraschen soll.

Noch schlimmer ist die selbst gemachte Variante:  Wer seine Lieben damit beglücken will, muss erstens einigen Aufwand betreiben, diesen zweitens zwecks Überraschung geheim halten, und kann drittens nicht zuverlässig Freudentränen erwarten. So konnte ich vor Jahren nicht viel anfangen mit einem kunstvoll verpackten Radiergummi, weil ich gar nicht mit Bleistift schreibe. Den Stift bekam ich ein paar Tage später, weil bei der Nummerierung etwas schiefgelaufen war.

Beides liegt seither unbenutzt im Arbeitszimmer – aber es ist immerhin nicht als Plastikmüll im Meer gelandet. Das ist vermutlich das Schicksal der meisten dieser kleinen Geschenke. So vermüllen wir die Ozeane immer mehr, und das liegt nur an diesen Adventskalendern, ganz bestimmt. Wenn wir darauf verzichten, wird alles wieder gut.

Geschenke für alle

Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Pro von Claudia Schweda

Nichts verschenken zu müssen, ist bequem. Klar. Aber nichts verschenken zu dürfen, ist traurig. Mir ist der Preis für die Bequemlichkeit zu hoch. Es entgehen einem wunderbare Momente und herrliche Geschichten. Wunderbar sind die Momente, wenn man sinniert, was ihm oder ihr wohl gefallen könnte. Wenn man stundenlang etwas selbst heimlich bastelt, vorbereitet oder einfach nur im Weihnachtsstress besorgt. Zu jedem Geschenk gibt es eine Geschichte. Und niemals im Jahr bin ich so nah bei denen, die mir lieb sind, wie in diesen Momenten.

Als Beschenkte bleiben viele Geschichten, besonders schöne und besonders besondere Geschichten, die man erzählen kann – so wie die unzähligen Handtücher im Stil der 80er Jahre, die meine Patentante mir in der Pubertät zu jedem Geburtstag und jedem Weihnachtsfest „für die Aussteuer“ meinte schenken zu müssen. Ich habe sie noch heute. Originalverpackt. Auch wenn diese Tante meinen Geschmack nicht getroffen hat. Egal. Ich weiß: Sie hat sich was dabei gedacht. Und jedes Mal, wenn ich die Handtücher im Wäscheschrank sehe, denke ich an diese Tante. Ist das nicht herrlich?

Kontra von Nadine Tocay

Weihnachten ist das Fest der Liebe, nicht das Fest des Kommerzes. Ja, beschenkt zu werden, ist schön, Geschenke zu verteilen vielleicht sogar noch schöner. Aber nicht an den Festtagen. Für eine kurze Zeit im Jahr sollten materielle Dinge nicht im Vordergrund stehen – dazu gibt es schließlich genug andere Gelegenheiten.

Wenn man in der Adventszeit von Geschäft zu Geschäft hetzt oder ständig zum Paketshop rennt, um Kleidung, Bücher oder den neuesten Elektroschnickschnack für Familie und Freunde zu besorgen, geht die Besinnlichkeit flöten. Und genau um diese sollte es in der Weihnachtszeit doch gehen: Innehalten und sich bewusst machen, dass das Wichtige im Leben nicht auf der Einkaufsliste steht. Also warum nicht mal die Geschenke weglassen – und statt sich darüber zu ärgern, dass unterm Weihnachtsbaum nicht genau das Teil liegt, das man unbedingt haben wollte, den Fokus darauf legen, dass man geliebte Menschen um sich herum hat? Denn das wichtigste Geschenk ist die Zeit, die man miteinander verbringt.

Besuch der Christmette

Foto: imago/Jörg Schüler/Jörg Schüler

Pro von Peter Pappert

In der Regel ist die Christmette voll, sehr voll, oft zu voll. In manchen Kirchen gibt es einen wenig festlichen, sondern eher verbissenen Kampf um die Sitzplätze. In manchem treuen Kirchgänger staut sich sogar Ärger auf, dass diejenigen sich breit machen, die sonst das ganze Jahr über nie im Gottesdienst zu sehen sind. Ja, an Heiligabend kommen sie, und Gott sei Dank kommen sie. Gott sei Dank ist es in der Kirche sehr voll. Die Menschen brauchen diese wunderbare biblische Geschichte, wenigstens einmal im Jahr diese gefühlvolle Stimmung.

Die Gemeinde hört das Lukasevangelium, die alte bekannte Erzählung von Maria, Josef, von den Hirten und den Engeln und singt die alten bekannten Lieder, die nach wie vor viele auswendig kennen – Weihnachtsstimmung, die so niemand zu Hause erleben kann. Wahrscheinlich sind auch jene dabei, die die Christmette nur zur Dekoration ihres festlichen Abends brauchen. Sie könnten sich jedoch jede festliche Deko, sinnliches, akustisches und optisches Frohlocken auch anders beschaffen. Aber sie kommen in die Christmette, weil sie spüren, dass sie hier etwas Echtes erleben.

Man kann den Heiligen Abend wunderschön und ganz im Sinne der Geburt Jesu Christi ohne Christmette feiern. Und trotzdem tut es jedem gut, sich gemeinsam mit vielen anderen des Ursprungs zu vergewissern, dessen, wie alles angefangen hat. Der Wunsch nach Liebe und Frieden und die Wärme des Glaubens sind mit Händen zu greifen. Dass der Funke hier und da überspringt, ist zumindest eine Chance. Ob sie glauben oder nicht oder zweifeln: Wenn Menschen von einem besonders schrecklichen Ereignis, von furchtbarem Unglück betroffen sind oder größtes Glück feiern, wenn sie Leid oder Freude teilen wollen, gehen sie in Kirchen. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

Kontra von Madeleine Gullert

Ohne Jesus, Maria und Josef würden wir gar nicht Weihnachten feiern. Schon klar. Vielleicht hätte sich ohne das Christentum aber einfach das römische Fest des Sonnengottes am 25. Dezember bis heute etabliert, und wir hätten trotzdem einen Feiertag. Doch darum geht es hier nicht. Für viele Menschen gehört die Weihnachtsmesse dazu, auch wenn sie sonst nie in die Kirche gehen.

Ein Hamburger Pastor hat den hübschen Begriff des Weihnachtsmesse-„Touristen“ erdacht. Es mag überheblich klingen, aber diese 72-Stunden-Besinnlichkeit von Heiligabend bis zum zweiten Weihnachtstag ist scheinheilig. Kirche ist kein Event. Wer in die Messe fürs „schöne Gefühl“ geht, nimmt sie nicht ernst. Ich gehe nicht jeden Sonntag in die Kirche, warum also sollte ich das plötzlich am 24. machen? Ich habe gar keine schlechten Erfahrungen mit der Kirche als Institution. Sogar die Katholiken haben mich evangelisches Heidenkind einen Weihnachtsengel spielen lassen. Danke für die Bühne. Aber die habe ich schon länger verlassen.

Weihnachten steht für Nächstenliebe. Diese Idee kann man auch leben, ohne in die Kirche zu gehen. Nächstenliebe ist nämlich zunächst menschlich und nicht exklusiv christlich. Natürlich ist die Weihnachtszeit verführerisch, aber man sollte sich selbst nicht verraten. Auch wenn sogar der Atheist Jean-Paul Sartre 1940 eine Weihnachtsgeschichte geschrieben hat, die er später nicht zum Gesamtwerk gezählt wissen wollte. Sartre sagte aber etwas sehr Richtiges: dass Weihnachten ein Fest der Freude ist, dass nur zu wenig gelacht werde. Bei uns wird regelmäßig an Weihnachten gelacht, bei unserem traditionellen „Gebet“ vor dem Essen. Mein muslimischer guter Freund hat es an einem Heiligabend erfunden. „Happy Birthday, Jesus! Amen.“ Mehr Besinnlichkeit braucht es für meinen Bedarf nicht.

Die Partygänger

Foto: imago/Ikon Images/Veronica Grech

Pro von Annika Thee

Für viele ist Heilig Abend für die Familie reserviert – Kochen, Gottesdienstbesuch, Essen und Bescherung. Dann stehen Besuche bei den lieben Verwandten auf dem Programm, was meistens ziemlich ähnlich abläuft. Auch hier wird vor dem obligatorischen Austausch der Geschenke viel zu viel gegessen. Was bei traditionellen Familien schon stressig ist, ist bei Patchwork-Familien eine organisatorische Meisterleistung – denn im Zweifelsfall müssen doppelt so viele Familien besucht und beschenkt werden.

Nach Ruhe und Sinnlichkeit sehnt man sich vergebens. Da kann die Vorfreude auf ein abendliches Treffen mit den alten Schulfreunden ein wahrer Lichtblick sein. Denn zu Weihnachten kehren eben viele längst weggezogene Menschen zu ihren Familien zurück. Es ist ein idealer Zeitpunkt für ein Treffen und die Möglichkeit, dem trauten Kreis der Familie für ein paar Stunden zu entfliehen, frische Luft zu schnuppern und Weihnachten auf seine eigene Weise zu feiern – mit den Menschen, die man lieb gewonnen hat, auch ohne dass sie zur Familie gehören. Es ist Zeit zum Durchatmen, bevor am nächsten Tag weitere Familienbesuche die Nerven und den Hausfrieden auf eine Zerreißprobe stellen.

Kontra von Vivien Nogaj

Es gibt sie an wenigen Tagen im Jahr jedes Mal aufs Neue, die Diskussion darüber, ob man ausgehen darf oder nicht. Oder besser gesagt, ob es schicklich ist, feiern zu gehen. Denn handelt es sich bei den „stillen Feiertagen“ wie Karfreitag oder Allerheiligen um ein gesetzliches Tanzverbot, ist es an Weihnachten eher eine moralische Frage, ob man die Familie nach dem Dessert zurücklässt, um noch um die Häuser zu ziehen.

Denn – sei es mal dahin gestellt, ob man tatsächlich die Geburt Jesu Christi feiert oder einfach nur aus Tradition mit der Familie zusammenhockt – Weihnachten ist eben doch immer das Fest der Besinnlichkeit, der Ruhe und der Nächstenliebe. Zeit, sich im Kerzenschein über die vergangenen Kindertage zu unterhalten, endlose Runden Rummikub zu spielen und sich der großzügigen Oma zuzuwenden, für die man sonst so wenig Zeit hat.

Da passt es einfach nicht, mit dem dritten Gin Tonic auf der Tanzfläche eines düsteren Technoclubs zu stehen oder die Männer vom Kegelclub in der Stammkneipe zu treffen. Nicht an Heiligabend! Zeit, die Freunde zu sehen, hat man zwischen Jahren noch genug. Und Silvester steht ja schon vor der Tür ...

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