Interview mit Arno Keusch: Polizisten mit Rechtsdrall?

Interview mit Arno Keusch : Polizisten mit Rechtsdrall?

Arno Keusch ist Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei Aachen. Mit unserem Redakteur Joachim Zinsen spricht er über die Warnung des ehemaligen Unionsfraktionschefs Friedrich Merz, viele Polizisten würden zu rechtsnationalen Parteien abdriften.

Herr Keusch, der ehemalige Unionsfraktionschef Friedrich Merz hat am Wochenende vor einem Abdriften vieler Polizisten hin zu rechtsnationalen Parteien wie der AfD gewarnt. Beobachten Sie bei ihren Kollegen im Raum Aachen solch eine Tendenz?

Arno Keusch: Die Polizei ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Von daher geben sicherlich auch im Raum Aachen einige Kollegen bei Wahlen ihre Stimme der AfD. Aber eine breitere Bewegung von Polizisten hin zu dieser Partei kann ich bei uns nicht feststellen. Es handelt sich um eine Minderheit.

Warum orientiert sich diese Minderheit nach rechts?

Keusch: Grund ist ein Vertrauensverlust. Als Polizisten stehen wir für den Rechtsstaat. Im Zuge der Einreise von Migranten ist bei manchen Kollegen der Eindruck entstanden, dass der Rechtsstaat nicht mehr richtig funktioniert. Dadurch sind sie empfänglich geworden für die rechten Parolen der AfD.

Inwiefern spielt dabei auch die oft beklagte Arbeitsüberlastung der Polizei eine Rolle?

Keusch: Eine Arbeitsverdichtung trägt dazu bei, dass sich manche Kollegen von der Politik alleingelassen fühlen. Die Landesregierung in NRW hat es über viele Jahre nicht geschafft,  die Personalstärke der Polizei zu halten. Im Gegenteil, trotzt erhöhter Einstellungszahlen  schwindet sie noch viele Jahre weiter. Dadurch schwindet natürlich auch das Vertrauen in die Politik.

Was empfehlen Sie Polizisten, die mit Kollegen zusammenarbeiten, die immer weiter nach rechts abdriften?

Keusch: Als Gewerkschaft der Polizei haben wir die klare Maxime: Rechte Parteien wie die AfD sind unwählbar. Wir suchen deshalb den Dialog mit den Kollegen und sind für jeden von ihnen jederzeit ansprechbar.

Besteht die Gefahr, dass Polizisten rechtsnationalistische Tendenzen einzelner Beamte aus falsch verstandenem Korpsgeist verschweigen?

Keusch: Diesen Korpsgeist gibt es kaum noch. Die Polizei stellt inzwischen junge Kollegen ein, die alle ein Abitur haben und ein Studium absolvieren. Sie sind politisch sehr gut gebildet und mündig genug, Vorfälle zu melden.

Haben Behördenleitungen für Beschwerden über rechte Tendenzen ein offenes Ohr? Oder wird dort manchmal nach dem Motto verfahren: Was nicht sein darf, kann auch nicht sein?

Keusch: Letzteres wäre nicht nur traurig, sondern fatal. Aber diese Erfahrung habe ich noch nicht gemacht.

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