Polizeipräsident zum Widerstand im Hambacher Forst

Hambacher Forst: Der Tag, an dem „Beechtown“ gefallen ist

Am Dienstag ist das höchstgelegene Baumhausdorf im Hambacher Forst geräumt worden, es heißt „Beechtown“. Erstmals äußerte sich Aachens Polizeipräsident Dirk Weinspach ausführlich zu dem seit fast zwei Wochen laufenden Einsatz.

Er sagt: „Ich verstehe nicht, dass sich der friedliche Teil des Widerstandes nicht deutlicher vom gewalttätigen distanziert.“

Der Kran zog vier Polizisten an einem Seil nach oben, ganz hoch, noch über die Kronen der alten Buchen hinaus, so hingen die Polizisten eine Weile in 40, 45 Metern Höhe und überblickten die Lage in „Beechtown“, dem höchsten Baumhausdorf im Hambacher Forst. Die Baumhäuser sind durch Hängebrücken miteinander verbunden, so bildet „Beechtown“ einen in sich geschlossenen Kreis. Jemand schlug vergangene Woche auf Twitter vor, „Beechtown“ mit einem Architekturpreis auszuzeichnen, dann geschah die Katastrophe. Eine der Brücken gab nach, Steffen M., 27, Blogger und Aktivist aus Leverkusen, hatte keine Chance und stürzte ab. Wenig später erlag er schwersten inneren Verletzungen, und am Dienstag sechs Tage später, machte sich die Polizei daran, „Beechtown“ abzureißen. Der Kran ließ die vier Polizisten ab, die Arbeit begann.

Die ersten 13 Tage

Die Räumung im Hambacher Forst dauert einschließlich der Trauerzeit nach Steffen M.s Tod nun fast zwei Wochen, und Aachens Polizeipräsident Dirk Weinspach, dessen Behörde den Einsatz zu leiten hat, ist in vielerlei Hinsicht zwiegespalten. Zunächst einmal hat er diesen Einsatz gar nicht angeordnet, sondern, wenigstens mittelbar, das nordrhein-westfälische Bauministerium. Weinspach sagt: „Das ist nicht mein Einsatz“, sondern, aber das sagt er natürlich nicht, in erster Linie der Einsatz der Landesregierung. Einerseits ist er erleichtert, dass „schlimmste Widerstandsszenarien nicht eingetreten sind“. Es gab anfangs Angriffe mit Steinen und auch Molotowcocktails auf seine Polizisten, in den vergangenen Tagen aber gab es nichts dergleichen mehr zu berichten. Weinspach spricht von nur noch passivem und technischem Widerstand, den die Beamten in den Baumhäusern erleben.

Andererseits ist Weinspach entsetzt darüber, dass bislang 43 Polizisten mit Fäkalien überschüttet worden sind. „Das ist so erniedrigend und menschenverachtend, dass man es kaum in Worte fassen kann“, sagt Weinspach. Doch auch der letzte Fäkalienvorfall stammt von vergangener Woche Freitag, seitdem läuft der Einsatz ruhiger. Am Dienstag Abend waren etwa 50 Baumhäuser geräumt und nicht viel weniger abgerissen, gut 20 Baumhäuser sind nach bisheriger Zählung noch übrig.

„Davor habe ich Respekt“

Für die Polizei läuft es nicht schlecht, und, wenn man es an der Zahl der Unterstützer ausmachen will, die täglich wächst, läuft es für die Waldbesetzer auch nicht schlecht.

Weinspach ist dieser Tage öfters im Hambacher Forst, aber er war auch schon früher dort. Er hat unter den Waldbesetzern „engagierte Menschen“ kennengelernt, „das achte ich, davor habe ich Respekt“, sagt Weinspach. „Was mich irritiert, ist, dass der friedliche Teil des Widerstandes den militanten nicht klarer ausgrenzt.“ Einige Initiativen würden sich zwar bei Facebook von Gewalt distanzieren, um dann bei den Sonntagsspaziergängen den Teilnehmern zu erklären, dass im Wald friedliebende Menschen leben würden. Und der friedliche Teil der Waldbesetzer würde dem gewalttätigen „immerhin Rückzugsräume bieten“.

Die Waldbesetzer und ihre Unterstützer hoffen nach wie vor darauf, dass ein Gericht, die Politik, dass irgendwer dafür sorgt, dass ihr Ziel noch erreicht wird: Rettung des Hambacher Forsts, schneller Ausstieg aus der Braunkohle. Einer von Greenpeace gerade vorgelegten Studie, die die Überflüssigkeit der schnellen Rodung des Restwaldes belegen soll, hielt RWE am Dienstag entgegen, sie entspreche der Argumentation des BUND in dem Eilverfahren, das vor dem Oberverwaltungsgericht Münster anhängig ist. Eine Entscheidung wird am 14. Oktober erwartet.

Eine bewegende Szene

Als am Mittag die am Kran hängenden Polizisten nach „Beechtown“ herabgelassen wurden, gingen zwei Waldbesetzer, die sich Frodo und Wo nennen, ein junger Mann und eine junge Frau, auf die Brücke, durch die Steffen M. gebrochen war. Sie setzten sich und sangen ein Lied, jedenfalls sah es aus der Ferne so aus. Danach gingen sie zurück in ihr Baumhaus, räumten ihre Sachen zusammen und ließen sie in einer Tasche aus dem Baumhaus ab. In dem Moment, als der erste Polizist das Dach des Baumhauses erreichte, seilten sich Frodo und Wo langsam aus dem Baumhaus ab, das ihr Zuhause war, eng umschlungen, sie weinten. Unten warteten Polizisten auf sie.

Eine von vielen kleinen, sehr berührenden Szenen, die in diesen Tagen im Hambacher Forst zu beobachten sind, und die die erhitzten Diskussionen um Wald und Braunkohle für Momente in den Hintergrund treten lassen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Räumung im Hambacher Forst wird fortgesetzt

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