Verschwundene Beweisstücke im Fall Lüdge: Polizei- und Missbrauchsskandal wird Bewährungsprobe für Reul

Verschwundene Beweisstücke im Fall Lüdge : Polizei- und Missbrauchsskandal wird Bewährungsprobe für Reul

Der Polizeiskandal um verschwundene Beweisstücke zum Kindesmissbrauch in Lügde wird zum Belastungstest für Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU).

In 18 Monaten schwarz-gelber Landesregierung hatte sich der 66-Jährige mit harter Hand gegen Kriminelle und öffentlichkeitswirksamen Aktionen als „Paradepferd“ im Kabinett von Armin Laschet (CDU) erwiesen - trotz seiner lockeren Zunge. Nach den schrecklichen Missbrauchsfällen von Lügde und ständig neuen Enthüllungen über weitere Opfer, Täter und Behördenversagen steht Reul nun aber unter Druck, sich als Chefaufklärer zu beweisen.

Noch agiert die Opposition mit angezogener Handbremse. Rücktrittsforderungen erhebt sie bislang nicht. Alle fünf Fraktionen haben sich vorgenommen, das Thema Kindesmissbrauch nicht parteipolitisch auszuschlachten. Lediglich die AfD drohte am Freitag bereits mit einem Untersuchungsausschuss, kann den alleine aber nicht durchsetzen.

In einer Landtagsdebatte über Kindesmissbrauch platzierten die Oppositionsfraktionen aber zahlreiche kritische Fragen. Sie verlangen vor allem Aufklärung, wie 155 Datenträger aus Polizeiräumen über Wochen unbemerkt verschwinden konnten. Der Innenausschuss des Landtags soll nächste Woche in einer Sondersitzung mit der Aufarbeitung beginnen.

Polizeianwärter sichtete Beweismaterial

Im Fall des vielfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde ist ein Polizist in Ausbildung mit der Auswertung von sichergestelltem Datenmaterial beauftragt worden. Es handele sich um einen Kommissaranwärter, der mit der Sichtung der Beweismittel betraut gewesen sei, sagte eine Sprecherin des nordrhein-westfälischen Innenministeriums. „Dieses Vorgehen verstößt zwar nicht gegen Dienstvorschriften, ich halte es aber trotzdem für unverantwortlich - gerade in einem derart anspruchsvollen und sensiblen Fall“, sagte Landesinnenminister Herbert Reul (CDU).

Der Fall des Kindesmissbrauchs in Lügde im Kreis Lippe hat sich zu einem Polizeiskandal entwickelt. Reul hatte am Donnerstag eingeräumt, dass 155 Datenträger, die als Beweismaterial gelten, seit Wochen verschwunden seien. Ein Sonderermittler mit vier Mitarbeitern des Landeskriminalamts soll den Verbleib der Datenträger klären. Die Beamten überprüften nun auch den Einsatz des Polizeianwärters, sagte die Ministeriumssprecherin am Freitag. Sie machte keine Angaben, ob weitere Ermittler mit der Sichtung der großen Datenmengen betraut gewesen seien.

Sexueller Missbrauch an Kinder

Seit 2008 waren den bisherigen Erkenntnissen zufolge auf einem Campingplatz im lippischen Lügde mindestens 31 Kinder im Alter von 4 bis 13 Jahren in mehr als 1000 Fällen Opfer sexuellen Missbrauchs geworden. „Es ist für mich unfassbar, was Menschen Kindern antun können“, sagte Reul. Er sei aber ebenso fassungslos, dass Datenträger aus einem Raum für Beweismittel bei der Kreispolizeibehörde Lippe verschwinden konnten.

„Das ist mein Projekt. Das wird aufgeklärt, soweit es geht. Hundertprozent“, versprach er. Diese „verdammte Pflicht“ verspüre er nicht nur als Minister, sondern auch als Vater dreier Töchter.

Mit dieser Zusage wirft der 66-Jährige sein ganzes Gewicht als Minister in die Waagschale. In den vergangenen Monaten profilierte sich der ehemalige Lehrer - sehr zum Ärger der Opposition - als unbeugsamer Sheriff gegen Übeltäter. Zuletzt sorgte er mit einer großen Razzia gegen Clankriminalität im Ruhrgebiet bundesweit für Schlagzeilen und ist seitdem gerngesehener Experte in Talkshows.

Anlass für einige deutliche Nadelstiche der SPD. Ihr Abgeordneter Hartmut Ganzke hinterfragte mit Verweis auf über 1000 Polizisten bei der Clan-Razzia, ob das Personal richtig eingesetzt werde: „Ist der Schutz unserer Kinder nicht das Wichtigste?“ Zudem warf er die Frage auf, wieso Reul als Behördenchef laut eigener Aussage erst am Montag erfahren habe, dass schon seit dem 20. Dezember Beweismaterial fehle.

Ursache: Personalmangel?

Aufgefallen war das laut Bericht des Innenministers erst am 30. Januar. Die Landesregierung habe doch versprochen, den Fall mit Hochdruck aufzuklären, hakte Ganzke nach. Nun stelle sich aber heraus: „Die Ermittlungsbehörden wollten die 155 Dateien über sechs Wochen nicht einmal anfassen.“

Für den Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) gibt es dafür eine klare Ursache: Personalmangel. „Seit mehreren Jahren weisen meine Kollegen in Lippe darauf hin, dass sie am Limit arbeiten“, sagte Sebastian Fiedler, Bundes- und NRW-Vorsitzender des BDK dem WDR. „Die Polizei ist total unterversorgt“, räumte Reul ein. „Verstanden habe ich es, aber schuld bin ich nicht.“

2018 registrierte die polizeiliche Kriminalstatistik allein für NRW 2422 versuchte oder vollendete Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern - ein Anstieg um 3,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die allermeisten Opfer waren zwischen sechs und 14 Jahre alt und weiblich. 340 Jungen und Mädchen waren noch jünger.

Reul versucht nun mit einer Transparenz-Offensive die Flucht nach vorne und bietet den Abgeordneten eine „ständige Arbeitsgruppe“ an, um sie unverzüglich über Erkenntnisse im Fall Lügde aufzuklären. Schnellstens will er Gerüchte überprüfen lassen, dass möglicherweise auch Polizisten mit den Tatverdächtigen unter einer Decke stecken könnten. „Da wird jeder Stein umgedreht.“ Nächste Woche erwarte er einen ersten Bericht. Die Arbeit von 50 000 Polizei-Beschäftigten in NRW dürfe nicht generell in Misskredit gebracht werden.

Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) bedankte sich ausdrücklich, dass das Thema nicht parteipolitisch instrumentalisiert worden sei. In ganz Deutschland werde beobachtet, wie und in welchem Klima der Fall aufgearbeitet werde, mahnte er.

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