Aachen/Berlin: Pille zum Schutz vor HIV lässt hoffen

Aachen/Berlin : Pille zum Schutz vor HIV lässt hoffen

Anfang der 80er Jahre wurde Aids als eigenständige Krankheit erkannt und benannt. Damals wäre man mit der Behauptung, ein Medikament zu haben, das vor der Ansteckung mit dem HI-Virus schützt, wohl für verrückt erklärt worden. Unter dem Namen Prä-Expositionsprophylaxe gibt es genau das aber mittlerweile. Hinter dem Namen — kurz einfach „PrEP“ genannt — stecken Tabletten, die vor der Ansteckung mit HIV schützen sollen.

In Deutschland waren sie bis vor wenigen Wochen kaum erschwinglich. Das hat sich geändert. Allerdings sind sie immer noch lange nicht für jeden geeignet. Die große Frage lautet nun: Stecken sich durch das Medikament künftig weniger Menschen mit HIV an?

Apotheker Moritz Wallat von der Aachener Blondel Apotheke bietet als einziger in der Region das HIV-Präventionsmedikament an. Foto: Harald Krömer

Ein hoher Schutz

Das Präparat selbst ist seit Jahren in der Therapie Infizierter zugelassen, seit etwas mehr als einem Jahr in Deutschland auch zur Prävention. „PrEP“ enthält Wirkstoffe, die die Virusvermehrung in den Zellen hemmen. Wird es regelmäßig eingenommen, bietet es einen hohen, wenn auch keinen 100-prozentigen Schutz.

„Der Schutz ist ähnlich einzuschätzen wie durch Kondome“, sagt Sozialarbeiter Karl-Georg Rinkleff von der Aids-Hilfe Aachen. Das zumindest gilt für die Ansteckung durch ungeschützten Geschlechtsverkehr. Bei der Ansteckung über Blut, wenn zum Beispiel Drogenabhängige Spritzen teilen, wirkt das Medikament ebenfalls. In welchem Maß ist bislang allerdings noch unklar. Das müssen medizinische Studien klären.

Vor dem vergangenen Oktober musste man in Deutschland schon tiefe Taschen haben, um sich „PrEP“ leisten zu können. Pro Monat waren mehr als 800 Euro fällig, um sich mit dem Medikament zu versorgen. Wer es unbedingt haben wollte, bestellte im Ausland — zum Beispiel in Indien — und musste nicht nur hoffen, das versprochene Medikament zu erhalten, sondern auch, bei der illegalen Einfuhr nicht erwischt zu werden. Seit wenigen Wochen nun gibt es die Tabletten hierzulande für einen Monat für 50 Euro.

Das Medikament kann nur über eigens geschulte Ärzte und 20- bis 30-minütige Beratungen in einer der Apotheken bezogen werden, die sich an einem Pilotprojekt beteiligen — bislang rund 60 an der Zahl, wie der Initiator Erik Tenberken aus Köln sagt. Eine der Apotheken ist die Blondel Apotheke in Aachen. Es ist die einzige in der Region, die sich derzeit an dem Pilotprojekt beteiligt. Apotheker Moritz Wallat hat bisher zwar zwei Anfragen, jedoch noch kein Rezept zu Gesicht bekommen. Es müsse sich erst herumsprechen, sagt er. Außerdem richte sich das Medikament ja doch an eine Zielgruppe überschaubarer Größe.

Rund 750 HIV-Infizierte

In der Städteregion Aachen gibt es laut Schätzung der Aids-Hilfe Aachen derzeit etwa 700 bis 750 Menschen, die sich mit HIV infiziert haben. Auch dort habe es bereits einige Informationsanfragen gegeben. Bundesweit sind laut HIV-Forscher Hendrik Streeck von der Universität Duisburg-Essen, der eine Begleitstudie leitet, bereits mehr als 1000 Rezepte seit dem Start als Vorsorge-Medikament eingelöst worden.

Beim Kauf bekommen Kunden auch den Hinweis zu Streecks Studie. Bislang seien es eher Menschen mit überdurchschnittlichem Einkommen, die sich die „PrEP“ leisteten, sagt Streeck. Sie hätten sie teils schon aus dem Ausland bezogen, teils aber auch noch keine Erfahrung damit.

„,PrEP‘ ist wertvoll, keine Frage. Aber es macht keinen Sinn so zu tun, als sei es für jeden das richtige“, sagt Sozialarbeiter Karl-Georg Rinkleff von der Aids-Hilfe Aachen. Zielgruppe sind vor allem die Hochrisikogruppen: homosexuelle Männer und Frauen, die oft mit wechselnden Partnern ungeschützten Geschlechtsverkehr haben. Das Medikament hat sich bisher zwar als sehr umgänglich herausgestellt, kann aber dennoch Nebenwirkungen haben. So können die Nieren durch die Einnahme in Mitleidenschaft gezogen werden.

Außerdem müssen Menschen, die das Medikament nutzen wollen sicher sein, sich nicht bereits angesteckt zu haben — mit HIV oder Hepatitis B. Wäre das nämlich der Fall, könnten sich Resistenzen bilden. Und: die Tabletten schützen nicht vor anderen Geschlechtskrankheiten. All das müssen „PrEP“-Nutzer mit regelmäßigen Tests überwachen lassen und das bedeutet: alle drei Monate zum Arzt. Dadurch entstehen weitere Kosten, weil das Monitoring nicht von den Krankenkassen übernommen wird.

In Großbritannien wurde im Zusammenhang mit „PrEP“ bereits ein Rückgang von Neuinfektionen registriert. Rinkleff von der Aachener Aids-Hilfe nimmt das auch für Deutschland an: „,PrEP‘ wird einen Effekt haben. Vielleicht keinen riesigen, aber es wird vor allem in den Hochrisikogruppen einen Effekt haben.“ In spätestens einem Jahr will Streeck seine Studie auswerten und eine Bilanz in Deutschland ziehen. Dann soll sich zeigen, wie viel Potenzial zur Verhinderung von HIV-Neuinfektionen in „PrEP“ wirklich steckt.