Brutale Kindsentführung: Pflegemutter leidet bis heute

Brutale Kindsentführung : Pflegemutter leidet bis heute

Im Prozess um zwei aus ihrer Pflegefamilie entführte Kleinkinder hat es am Aachener Landgericht am Montag weitere Aussagen von Zeugen und den vier Angeklagten gegeben.

Diese gaben zu, im Februar dieses Jahres mit Pfefferspray, Elektroschock und Schreckschusspistole eine Familie in Jülich überfallen zu haben, um die Kinder der Mitangeklagten leiblichen Mutter Sarah Marie G. zu entführen. Sie müssen sich nun wegen Freiheitsberaubung, Kindesentführung und gefährlicher Körperverletzung vor Gericht verantworten. In dem Prozess steht der Hauptangeklagte Marc G. zudem im Verdacht des schweren sexuellen Missbrauchs an einem dritten Kind, das mittlerweile in einer anderen Familie untergebracht ist.

Sarah Marie G. und die Mitangeklagte Janine T., welche den Fluchtwagen gefahren haben soll, versuchten indes, mit ihren Einlassungen ihre Rolle bei der Entführung zu beleuchten. So berichteten beide von anfänglicher Naivität, sich auf den Plan des 31-jährigen Stiefvaters einzulassen und die Kinder mit Gewalt aus der Obhut der Pflegefamilie zu holen. Als ihnen zusehends unwohl wurde bei der Sache, sei Marc G. ihnen gegenüber immer bedrohlicher und gewalttätiger aufgetreten.

Von den Vorbereitungen zu der Tat wollen sie jedoch nichts mitbekommen haben, woran die Vorsitzende Richterin Regina Böhme starke Zweifel äußerte. Immerhin seien zuvor eigens zwei Wohnwagen im belgischen Spa als Zuflucht nach der Entführung eingerichtet worden – mit Babynahrung, Kinderkleidung und Spielzeug. Und auch ihre bisherige Wohnung in Solingen habe auf den Beweisbildern den Eindruck erweckt, als ob sie kurz vor dem Aufbruch gestanden hätten.

Aus einer ganz anderen Perspektive schilderte die Pflegemutter aus Jülich die Vorgänge. Sie berichtete vom jämmerlichen Zustand, in der die anfangs drei Kinder in ihre Obhut gegeben wurden. Insbesondere das erste Kind, das mittlerweile fünf Jahre alt ist, habe immer wieder konkrete Andeutungen zu sexuellem Missbrauch durch Marc G. gemacht und sei deswegen später in eine heilpädagogische Behandlung übergeben worden. Die beiden anderen, anderthalb und zwei Jahre alt, seien entwicklungsverzögert zu ihr gekommen, hätten jedoch bis zur Entführung gute Fortschritte gemacht. Diese seien nun wieder dahin, und auch sie selbst benötige seit dem gewalttätigen Überfall psychologische Hilfe, wie sie sagte.

Der Hauptangeklagte selbst schwieg weitestgehend an diesem Verhandlungstag. Zu Beginn musste er allerdings einräumen, in seinem Lebenslauf falsche Angaben gemacht zu haben. Dort schwadronierte er von einer Karriere bei der Bundeswehr und einem Einsatz im Irak, wo er angeblich verletzt worden sei. Das Gericht ließ die Aussagen überprüfen, jedoch wusste man bei der Bundeswehr nichts von seiner Laufbahn. Stattdessen hatte er sich durch mehrere Briefe hervorgetan, in denen er den Mitarbeitern des Jugendamts Solingen drohte, nachdem diese der Familie die Kinder entzogen hatten. Darin mahnte er, dass es sicherlich „gewisse Gruppen“ gebe, deren Hass auf das Jugendamt so groß sei, dass diese gewalttätig werden könnten. Als Drohung, so erklärte er vor Gericht, wolle er das aber nicht verstanden wissen.