Tag 5 der Räumung: Pfarrer verteidigt seine Sitzblockade im Hambacher Forst

Tag 5 der Räumung : Pfarrer verteidigt seine Sitzblockade im Hambacher Forst

Bevor die Räumung der Baumhäuser im Hambacher Forst am Donnerstag begann, musste zuvor eine erste Sitzblockade geräumt werden. Eine Gruppe von evangelischen Pfarrern der evangelischen Gemeinde zu Düren hatte sich auf dem Boden niedergelassen.

Die Gemeinde ist mit etwa 24.000 Mitgliedern die größte der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Unter den Seelsorgern war Martin Gaevert, zuständig für den Bezirk Kreuzau-Nideggen, der nun zum ersten Mal in seinem Leben weggetragen wurde. Unser Redakteur Christoph Pauli unterhielt sich mit dem Pfarrer, kurz bevor jener zu einer Mahnwache aufbrach.

Wie ist es zur Blockade gekommen?

Gaevert: Unser Pfarrkolleg tagt jeden Donnerstag um 9 Uhr. Wir haben am Vorabend spontan beschlossen, dass wir in den Wald gehen, um vielleicht auch Hemmungen zu reduzieren, Gewalt auszuüben. Wir wollten beobachten und bei Bedarf deeskalierend wirken. Unterwegs haben wir am frühen Morgen noch drei junge Gemeindemitglieder getroffen. Außer uns war an diesem Morgen kaum ein Zivilist unterwegs. Die Blockade war dann eine spontane Idee, für uns der richtige Ausdruck des zivilen, gewaltfreien Ungehorsams.

Eine Premiere?

Gaevert: Ja. Es hat sich so angefühlt, dass wir das Richtige gemacht haben. Unsere Personalien sind registriert worden, dann gab es einen Platzverweis für einen Tag. Es war eine Solidaritätsadresse für die jungen Menschen, die wir teilweise kennen, die ihre Arbeit aufgegeben haben, um aus tiefer Überzeugung im Wald zu leben. Sie wollen einen anderen Umgang mit der Natur mit einer Energiewende.

Wie hat Ihre Gemeinde reagiert?

Gaevert: Es gab nur positive Rückmeldungen. Die großen Gefechte, die eine Gemeinde spalten können, sind ausgefochten, und es hat sicher damals auch Austritte gegeben. Die Gemeinde hat eine sehr lange Geschichte mit dem Tagebau. 1988 gab es hier in der Christuskirche eine Messe unter dem Motto „Im Norden schreit die Erde“, als es um Garzweiler ging. RWE hat damals mit der Belegschaft den Gottesdienst gestürmt. Der Tagebauleiter hat sich das Mikrofon geschnappt und Gericht gehalten über die Anmaßung der Gemeinde. Seit drei Jahrzehnten gibt es diesen Konflikt mit den immer gleichen Argumenten. Alle Synoden versuchen seitdem, Kurskorrekturen zu erwirken, die mit dem Hinweis auf die Arbeitsplätze stereotyp weggewischt werden. Es gibt kein Einlenken oder neues Denken. Es geht nur um Gewinnorientierung und nicht um Gemeinwohlorientierung.

Ruhige Räumung des Baumhaus-Dorfs "Gallien"

Die Polizeigewerkschaft kritisiert auch massiv solche Blockaden. Wie weit darf Widerstand aus Ihrer Sicht gehen?

Gaevert: Es gibt keine andere Möglichkeit des Protests beim zivilen Ungehorsam. Das hat eine lange Tradition. Wir können einfach nicht so weitermachen — auch auf Kosten der Jugend. Ziviler Ungehorsam ist notwendig — auch aus Sicht der Kollegen.

Verurteilen Sie die Übergriffe und Straftaten, die es gegeben hat?

Gaevert: In aller Form, die Grenze ist es, dass es einen passiven gewaltlosen Widerstand geben muss. Aber mich stört auch massiv, dass alle Waldbewohner kriminalisiert werden. Auch Politiker stufen diese engagierten jungen Menschen pauschal als Terroristen ein, ohne dass sie jemals das Gespräch gesucht haben. Diese Verhetzung führt dazu, dass auch unberechtigte Ängste geschürt werden.

Die Gemeinde hat sich auf den Tag der Räumung lange vorbereiten können. Sind es trotzdem noch sehr emotionale Tage?

Gaevert: Sicher, auch wenn jetzt nur der Zeitpunkt überraschend war. Der Grad der Emotion ist sicher unterschiedlich. Für unsere Gemeindejugend gab es in der Christuskirche am Freitag ein Konzert. Es gibt sehr viele, die wirklich betroffen sind. Daran werden sie zu knabbern haben, und wir werden sie ein bisschen begleiten müssen.

Vermutlich werden alle Baumhäuser in den nächsten Tagen schon verschwunden sein. Wie geht der Protest weiter?

Gaevert: Wir werden uns absprechen, wie wir friedlichen Protest auch mit den anderen Bündnispartnern organisieren können. Wir werden da sein, wenn es tatsächlich zu den Rodungen im Oktober kommen sollte.

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