Jülich: Pfarreien gehen die Organisten aus

Jülich: Pfarreien gehen die Organisten aus

Dass der Kirche der Priesternachwuchs ausgeht, ist bekannt. Jetzt gesellt sich noch der Nachwuchs an der Orgel hinzu: Die Zahl der Kirchenmusiker nimmt immer weiter ab: Die Statistik des deutschen Musikinformationszen­trums besagt, dass es derzeit bundesweit mit 3300 rund ein Viertel weniger gibt als noch im Jahr 2002.

Christof Rück (36), Kirchenmusiker der Gemeinde Heilig Geist in Jülich, braucht nicht lange nachzudenken, um Erklärungen zu finden. Zum einen fehle vielen der persönliche Hintergrund. „Wer keinen Bezug zur Kirche hat, wird Kirchenmusik höchstwahrscheinlich auch nicht studieren“, sagt Rück. Ein weiterer Grund sei die berufliche Perspektive. Da immer mehr Menschen aus der Kirche austreten, müsse man sich fragen: „Was mache ich in 20 Jahren?“

Ein Profi für 16 Gemeinden

Rück selbst hat das nicht davon abgehalten, diesen Beruf zu ergreifen. Seit einem halben Jahr ist er hauptamtlicher Kirchenmusiker der Pfarrgemeinde Heilig Geist. Ursprünglich gab es in Jülich und dem Umkreis 16 eigenständige katholische Gemeinden. Im vorigen Jahr sind sie zu der neuen großen Gemeinschaft der Gemeinden fusioniert. Rück kommt deshalb eine besondere Aufgabe zu: Als Kirchenmusiker ist er nicht nur für eine Gemeinde zuständig, sondern im Grunde für die 16 früheren Gemeinden. Die Fläche der neuen großen Gemeinde hat dabei einen Durchmesser von etwa zwölf Kilometern.

„Für einen so großen Bereich zuständig zu sein, bedeutet viel Verwaltungsarbeit“, sagt Rück. Nur so kann er den unterschiedlichen Bedürfnissen der einzelnen Gemeinden gerecht werden. Also schreibt er Dienstpläne und begleitet die Ausbildung von nebenberuflichen Kirchenmusikern. 13 ehrenamtliche und nebenberufliche Kirchenmusiker stehen ihm vor allem für Organistendienste zur Seite. „Momentan reicht das an Personal“, sagt Rück, „sobald aber ein oder zwei Musiker ausfallen, ist es schon problematisch, alle Gottesdienste mit Organisten zu besetzen.“

Dabei gehört heute zum Berufsbild des Kirchenmusikers viel mehr als nur die Messbegleitung. „Man sollte mit Kindern ebenso wie mit älteren Menschen arbeiten können“, sagt Rück. Schließlich gehören auch die Leitung von Chören und der Umgang mit den Gemeindemitgliedern zum Berufsalltag.

Kirchenmusik, sagt Michael Hoppe, Kirchenmusikreferent im Bistum Aachen, sei einer der anspruchsvollsten Studiengänge im Bereich der musikalischen Fächer. Trotzdem sei die Bezahlung im Vergleich zur Schulmusik schlechter. Ein Kirchenmusiker mit einem Master-Abschluss hat ein Einstiegsgehalt von rund 47 000 Euro brutto pro Jahr. Darin sieht Hoppe einen der Gründe für das nachlassende Interesse am Beruf Kirchenmusiker. Und weil ihm dieser Zustand im Bistum Aachen schon lange ein Dorn im Auge ist, hat er sich für eine Veränderung stark gemacht. Jetzt gebe es Aussicht auf Besserung. „Es hat sich einiges entwickelt“, sagt Hoppe. „Die Gespräche laufen noch, aber wahrscheinlich werden die Gehälter für die Kirchenmusiker im neuen Jahr angehoben.“

Im Bistum Aachen sind derzeit rund 40 hauptamtliche Kirchenmusiker beschäftigt, die eine volle Stelle haben. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an ehrenamtlichen und nebenberuflichen Kirchenmusikern, die jedoch in aller Regel nur eine geringe Stundenzahl haben. „Es besteht ein Mangel“, sagt Hoppe deutlich. „Wenn mal jemand ausfällt, wird es schon sehr eng.“ Damit keine Messe ohne Orgelbegleitung auskommen muss, soll sich bald etwas ändern. Anfang des Jahres sollen Gespräche darüber geführt werden, wie ein neues System aussehen könnte, das den Einsatz der Kirchenmusiker besser regelt. Ein neues Modell für das gesamte Bistum könne ähnlich aussehen, wie das von Christof Rück in Jülich, sagt Hoppe. Fest steht das aber noch nicht.

Bedauernswert findet Hoppe den Mangel an Kirchenmusikern nicht nur, weil deswegen nicht alle Gottesdienste mit Organisten besetzt werden können. Er sieht darin noch ein ganz anderes Problem: „Kulturell geht vieles verloren.“ Denn neben dem Staat habe auch die Kirche eine große kulturelle Verantwortung in Sachen musikalischer Bildung. Christof Rück sieht das ganz ähnlich: „Singen hat erwiesenermaßen einen positiven Einfluss auf die Entwicklung von Kindern, und es hilft, Emotionen zu fördern und zu transportieren.“