Lehrer, Trainer, Prinz und jetzt Stolberger Bürgermeister: Patrick Haas und die Geschichte eines Quereinsteigers

Lehrer, Trainer, Prinz und jetzt Stolberger Bürgermeister : Patrick Haas und die Geschichte eines Quereinsteigers

Patrick Haas war Lehrer, Judo-Trainer und Karnevalsprinz. Jetzt ist der 38-jährige Herr über eine Verwaltung mit etwa 800 Mitarbeitern und einem Etat von etwa 200 Millionen Euro. Ob er das kann?

Irgendwann hatte der Judo-Verband den „Abtaucher“ verboten. Es ist eine besondere Technik, mit der der Gegner ausgehoben wird. Seit 2010 sind die „Kata-Guruma“ bei offiziellen Wettkämpfen nicht mehr zugelassen. Für Patrick Haas war das ein ziemliches Problem, denn der „Abtaucher“ war seine favorisierte Technik, mit der er jahrelang erfolgreich auf den Matten der Republik unterwegs war. Der Judoka  musste umlernen, seine anspruchsvolle neue Technik heißt nun „Sumi Gaeshi“, der „Eckenwurf“. Das klingt nach einem einfachen Tausch, ist aber vergleichbar, als wolle man einem Rechtshänder nach 20 Jahren das Schreiben mit links beibringen. Es bedarf Übung, tausendfacher Wiederholung, bis das Ergebnis zufriedenstellt.

„Was Patrick auszeichnet, ist sein Arbeitsethos: Er setzt sich ein Ziel, und dem wird alles untergeordnet“, sagt Frank Heynen. Der 48-Jährige ist ein Urgestein im Judo-Klub Hertha Walheim. Mit Haas betreut er die erste Mannschaft in der Bundesliga. Die beiden Kämpfer kennen sich seit mehr als zwei Jahrzehnten. Haas habe vielleicht nicht das größte Talent für den Sport, aber den größten Ehrgeiz. „Niemand hätte es für möglich gehalten, dass er einmal so erfolgreich in der Bundesliga-Mannschaft kämpft und sie trainiert“, sagt Heynen.

Und trotzdem wird er Haas in der nächsten Saison nicht mehr an seiner Seite haben. Patrick Haas wird das Amt niederlegen, weil er gerade das nächste Ziel erreicht hat, dem er alles untergeordnet hat. Der 37-Jährige ist nun der Bürgermeister von Stolberg für die nächsten sechs Jahre – wenn nichts dazwischen kommt. Wenn er an diesem Dienstag vereidigt wird, wird der Sozialdemokrat die Bürgermeisterkette umgehängt bekommen wie eine große Medaille.

Patrick Haas im Sportlerdress als Judoka ... Foto: Dagmar Meyer-Roeger

Haas ist ein „Quereinsteiger“. Das klingt auch ein bisschen nach einer  Judo-Technik, ist aber inzwischen politische Realität in der Kommune. Der Gymnasiallehrer für Biologie und Chemie übernimmt eine Verwaltung mit etwa 800 Mitarbeitern und einem Etat von etwa 200 Millionen Euro. Ob er das kann? Er hat die Frage schon vor Monaten für sich beantwortet. „Ich traue mir das zu.“ Das nächste Ziel, das er ehrgeizig angeht. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht.

An diesem warmen Julitag sitzt Haas in einem Freiluft-Café gegenüber vom Rathaus. In der Mittagspause ist er mal nicht mit dem E-Bike hinüber zu seiner Frau und den drei Kindern geradelt. Die Familie wohnt in der Altstadt, nur ein paar Meter vom Rathaus entfernt. In der Fußgängerzone herrscht mäßiger Betrieb, man kann die Probleme der Stadt auf einen Blick erkennen. Merkwürdige Verkehrsführung, hoher Leerstand der Ladenlokale, wenig Kaufkraft. Themen, die auch ein Verwaltungschef einer hoch verschuldeten Kommune nicht schnell ändern kann. Die meisten Passanten rufen ihrem neuen Bürgermeister etwas Freundliches zu. So, als müsse man ihm für die neue Aufgabe noch mal Mut zusprechen. Haas lacht meistens freundlich zurück. „So viel Verantwortung hatte ich noch nie.“

Im monatelangen Wahlkampf selbst ging es neben ein paar harten Fakten auch um die Psychologie. Haas und auch sein Herausforderer Andreas Dovern von der CDU bemängelten häufig den fehlenden Stolz. „Es tut schon weh, wie einzelne Menschen über unsere Stadt reden“, sagte Dovern. Stichwahl-Sieger Haas will das nun ändern, den Stolbergern ein neues Selbstbewusstsein einpflanzen und das ganze vorleben. Ein Jahr, bevor der Wahlkampf begann, war er als Patrick I. unterwegs. Der Stolberger Karnevalsprinz ließ es eine Session lang durchaus krachen, richtungsweisendes Motto damals: „Wir alle zusammen sind Stolberg.“ Das war programmatisch gemeint, auch wenn damals seine Kandidatur noch nicht absehbar war.

Stolbergs Erster Bürger ist oft unterschätzt worden in seiner Karriere. Eine große Judo-Karriere hatte ihm anfangs keiner zugetraut. Als Haas Referendar für die naturwissenschaftlichen Fächer war, fand sein Ausbilder, das Kraftpaket sähe eher aus wie ein angehender Sportlehrer. Er meinte das wenig wertschätzend. Und als der SPD-Mann in den Wahlkampf zog, galt er nicht nur in CDU-Kreisen als Außenseiter – so groß war der Amtsbonus von Vorgänger Tim Grüttemeier (CDU), der Anfang des Jahres als Chef zur Städteregion gewechselt war.

... als Prinz Karneval in Stolberg in der Session 2017/2018 ... Foto: ZVA/Jürgen Lange

Wenn man sich vier Wochen nach der Wahl mit dem CDU-Kandidaten Andreas Dovern unterhält, fällt immer noch kein böses Wort über den politischen Gegner. Der Mammut-Wahlkampf ist fair verlaufen, es ging niemals unter die Gürtellinie in dem halben Jahr. Die beiden sind per du: „Patrick“ und „Andi“ wollen sich demnächst mal beim Bier über die letzten Monate austauschen. Das Verhältnis ist ein bisschen delikat.

Aus den Wahlkämpfern sind Chef und Mitarbeiter geworden. Dovern ist Stolberger Feuerwehrchef und somit dem neuen Bürgermeister berichtspflichtig. Das bleibe unkompliziert, versichern beide. „Wie im Wahlkampf gilt: Es geht um Stolberg“, sagt Dovern. Es gibt das Gerücht, dass er bald in Richtung Städteregion wechseln werde. Der CDU-Mann sagt, das sei völliger Unsinn.

Die Programme der beiden Spitzenkandidaten haben sich nicht sonderlich unterschieden, wohl aber die Charaktere. „Bürgermeisterwahlen sind Personenwahlen“, sagt Amtsleiter Dovern. Auf der einen Seite der CDU-Kandidat, der als „typischer Beamter“ wahrgenommen werde, auf der anderen Seite der SPD-Kandidat, der schon seit zehn Jahren als stellvertretender Bürgermeister oder SPD-Ratsherr in der Stadt unterwegs ist. Die Popularität wird am Ende den Ausschlag gegeben haben. Er könne gut auf die Leute zugehen, attestieren Haas auch politische Gegner. Mit Nähe habe er nie ein Problem gehabt, sagt Haas. „Judo ist doch auch ein Kontaktsport“, grinst er.

... und als Sieger der Bürgermeisterwahl im Juni 2019. Foto: ZVA/Sonja Essers

Judo wird übersetzt mit „der sanfte Weg“. Der Sport dient nicht nur der Leibesertüchtigung, er ist auch Lebensschulung. „Ich wäre nicht der, der ich bin, ohne diesen Sport“, sagt der Träger des schwarzen Gürtels. Respekt, Disziplin und Teamfähigkeit sind Tugenden, die auch jenseits der Trainingshalle gelten. Wenn Haas sein neues Büro bezogen hat, wird dort die Leidenschaft sichtbar sein, vielleicht wird er den Judo-Anzug, den er beim Bundesliga-Aufstieg trug, dort aufhängen.

Schon im ersten Wahlgang fehlten Haas nur rund 150 Stimmen zur absoluten Mehrheit. Das war schon deshalb überraschend, weil Haas auf dem Ticket der SPD segelte. Bei den Europawahlen an diesem Abend verloren die Sozialdemokraten fast 16 Prozent, sackten auf 27,1 Prozent ab. Der Trend war auch in Stolberg nicht gut für die Partei, aber Bürgermeisterwahlen sind Personenwahlen. Das Parteibuch verliert an Bedeutung.

Haas gewann  die Stichwahl  deutlich mit 58,57 Prozent gegen den CDU-Kandidaten Dovern (41,43). Er war vermutlich nicht wegen der SPD-, sondern trotz der SPD-Mitgliedschaft so erfolgreich. „Ich habe gewonnen, weil wir so unterwegs waren, wie die SPD sein sollte: Mit vielen Ideen, nah an den Themen und den Menschen – und nicht mit sich selbst beschäftigt.“ Am Ende hatte er flächendeckend alle Briefwahlbezirke, zudem 17 von 22 Bezirken und auch viele Stimmen aus dem anderen Lager gewonnen.

Mit seinem Erdrutschsieg hat der neue Bürgermeister im Grunde sechs Jobs gegen einen getauscht: Er war Vollzeitlehrer, gewählter Schülervertretungslehrer, Partei- und Fraktionsvorsitzender, Vorsitzender des Sozialausschusses und Judo-Bundesligatrainer. Die Koordinierung der Aufgaben ist nun einfacher, das Pensum vorerst nicht. Der Bürgermeister ist häufig zwölf Stunden an seinem Arbeitsplatz, sagen Kollegen. In den nächsten Wochen gönnt sich Haas dann doch einmal eine Auszeit.

Andreas Dovern von der CDU hatte das Nachsehen. Foto: Jürgen Lange

Traditionell fährt er wieder auf die Nordseeinsel Föhr, wo er ziemlich genau vor einem Jahr auch heimlich geheiratet hat. „Wir müssen mal durchschnaufen“, sagt er. Die letzten Wochen waren auch für einen konditionsstarken Politiker durchaus kraftraubend.

Der Bürgermeister hat keine Versprechungen gemacht, die er schnell wieder kassieren muss. Er will das dritte Kita-Jahr beitragsfrei stellen, möchte, dass die Erstklässler ein Jahr lang beitragsfrei in einem Sportverein unterkommen. Sportfan Haas will die Jugend bewegen. Er will die Stadt als Standort für Start-up-Unternehmen etablieren. Und mittelfristig will er die Innenstadt autofrei gestalten. Mittelfristig. Bislang arbeitet nicht einmal ein Verkehrsplaner in der Verwaltung.

Am Tag der Stichwahl hat sich Haas die lange Wartezeit auf der Matte verkürzt. Es war vorerst sein letzter Kampf. Der Gegner war immerhin Westdeutscher Meister und er traf auf einen 37-Jährigen, der monatelang in seiner Elternzeit primär um Stimmen gekämpft hatte. Doch der Westdeutsche Meister fand an diesem Tag seinen Meister. Haas war mal wieder unterschätzt worden. Ein Fehler.

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