Teufelskreis: Pädagoge Thomas Hax-Schoppenhorst über Einsamkeit und ihre Folgen

Teufelskreis : Pädagoge Thomas Hax-Schoppenhorst über Einsamkeit und ihre Folgen

Ist Einsamkeit eine Krankheit? Ein Leiden, das ansteckend ist und sogar tödlich verlaufen kann? Der sehr meinungsstarke Ulmer Psychiater Manfred Spitzer behauptet das in seinem Buch „Einsamkeit, die unerkannte Krankheit“.

Seine These: Wer einsam ist, erkrankt häufiger an Krebs, einem Herzinfarkt, Schlaganfall, an Depressionen oder Demenz. Zudem breite sich Einsamkeit aus wie eine Epidemie. Andere Psychologen wollen nicht so weit gehen, aber klar ist: Einsamkeit ist ein großes Thema, gerade in einer Gesellschaft wie Deutschland, in der heute schon jeder Fünfte, 2060 vermutlich sogar jeder Dritte über 65 Jahre alt ist. Der Dürener Pädagoge und Autor Thomas Hax-Schoppenhorst hat ein Buch herausgegeben, das das Thema in allen Facetten beleuchtet: „Das Einsamkeitsbuch“. Mit ihm sprach unser Redakteur Hermann-Josef Delonge.

Herr Hax-Schoppenhorst, jeder ist mal allein und fühlt sich vielleicht sogar gut dabei. Wo also liegt das Problem?

Hax-Schoppenhorst: Wir müssen unterscheiden. Für das Alleinsein kann ich mich freiwillig entscheiden, wenn ich mal Zeit der Ruhe, Zeit für mich selbst brauche. In der Regel ist das ein begrenztes Zeitfenster. Einsamkeit hingegen ist nichts Freiwilliges.

Wie würden Sie Einsamkeit definieren?

Hax-Schoppenhorst: In der Forschungsliteratur wird sie als „quälender Abstand zu anderen Menschen“ bezeichnet, den man erlebt, weil man keinen Kontakt aufbauen kann oder weil man meint, keinen Kontakt aufbauen zu können. Der Begriff „quälender Abstand“ ist dabei sehr treffend. Die Betroffenen leiden, sie fühlen sich ohnmächtig, werden zunehmend verzweifelter. Und je länger dieser Zustand andauert, desto schwieriger wird es, das Heft wieder in die Hand zu nehmen, Initiative zu ergreifen.

Einsamkeit ist also ein Gefühl, und nicht die Beschreibung einer sozialen Verortung?

Hax-Schoppenhorst: Genau. Dieses Gefühl wird als Bedrückung, Traurigkeit, Unzulänglichkeit empfunden. Und das hat Folgen. Die völlige soziale Isolation wäre die schlimmstmögliche Entwicklung. Die Betroffenen zweifeln an sich, trauen sich zunehmend weniger zu. Ein Teufelskreis, der unter Umständen auch in die Depression münden kann.

Äußert sich das auch körperlich?

Hax-Schoppenhorst: Man hat festgestellt, dass Menschen, die über einen längeren Zeitraum einsam sind, ein höheres Schmerzempfinden haben. Einsamkeit schmerzt tatsächlich, und sie verursacht Stress in einem hohen Maße. Das macht mittelfristig krank. Wir kennen das alle: Anhaltender Stress ist ungesund für Herz und Kreislauf, für den Bewegungsapparat.

Es heißt, Einsamkeit sei so schädlich wie der Konsum von täglich 15 Zigaretten.

Hax-Schoppenhorst: Ich plädiere dafür, vorsichtig mit solchen Vergleichen zu sein. Sie sind sehr plakativ und tun der Diskussion über dieses Thema nicht gut. Sagen wir es lieber so: Einsamkeit ist auf lange Sicht unzweifelhaft gesundheitsschädlich.

Wie viele Menschen in Deutschland leiden unter Einsamkeit?

Hax-Schoppenhorst: Nach einer Studie der Psychologie-Professorin Maike Luhmann liegt der Anteil der Menschen, die angeben, dass sie sich zumindest manchmal einsam fühlen, quer durch alle Altersgruppen bei zehn bis 15 Prozent. Bei den Menschen über 85 sind es sogar 20 Prozent. Aber: Auch bei den 30- bis 40-Jährigen gibt es erhöhte Werte.

Krankheit, eingeschränkte Mobilität, weniger Sozialkontakte, weil der Partner und die Freunde nicht mehr da sind: Bei den älteren Menschen fällt die Erklärung leicht. Bei den jüngeren müssen Sie uns helfen.

Hax-Schoppenhorst: Das ist noch ein weites Forschungsfeld. Ich erkläre mir das so: Viele Menschen in dieser Altersgruppe laufen dem Erfolg hinterher, orientieren sich dabei aber vielleicht an Vorbildern, die nicht realistisch sind. Sie leben wie in einer Rushhour des Lebens. Darunter können die sozialen Beziehungen leiden.

Welche Rolle spielen dabei die Sozialen Medien?

Hax-Schoppenhorst: Das muss man sehr differenziert sehen. Entscheidend ist für mich die Frage, welchen Stellenwert die Sozialen Medien einnehmen. Wenn man sie in die tägliche Kommunikation einbaut und dabei die anderen Facetten des Austauschs und Miteinanders nicht vernachlässigt, dann können sie bereichernd sein. Wenn jemand aber völlig fixiert darauf ist, können die Sozialen Medien zum Problem werden.

Nimmt das Phänomen Einsamkeit generell zu?

Hax-Schoppenhorst: Es gibt noch keine Studie, die das explizit belegt, aber in der Forschung wird die Befürchtung geäußert, dass das so ist. Wenn man genau hinschaut, wer von Einsamkeit besonders betroffen ist, also die Alten, die sozial Ausgegrenzten und unter Armut Leidenden, psychisch oder chronisch Kranke, dann liegt diese Befürchtung nahe. Denn auch in diesen Gruppen steigen die Zahlen messbar.

Können sich Menschen, die unter Einsamkeit leiden, selbst davon befreien?

Hax-Schoppenhorst: Ich bin da skeptisch. Man kann den Betroffen ja nicht einfach sagen, sie sollen mal vor die Tür gehen oder sich einem Verein anschließen. Aus der Einsamkeits-Spirale mit eigener Energie herauszukommen, ist sehr schwierig. Das Vertrauen auf die eigenen Ressourcen hat bei diesen Menschen zu sehr gelitten. Wer chronisch unter Einsamkeit leidet, sollte versuchen, Menschen ins Vertrauen zu ziehen und sich professionell beraten lassen.

Sind Therapeuten und Psychologen denn darauf vorbereitet? Spielt das Thema in deren Ausbildung eine genügend große Rolle?

Hax-Schoppenhorst: Das Problem ist: Einsamkeit ist keine Diagnose, sondern eine Befindlichkeit, die zu Irritationen oder Störungen führen kann. Ein guter Therapeut ahnt sehr schnell, wo das Problem liegt, und kann dann entsprechend reagieren.

Das Thema stand zuletzt auch auf der politischen Agenda. Auslöser war vor allem die Entscheidung der britischen Premierministerin Theresa May, einen Ministerposten für den Kampf gegen die Einsamkeit zu schaffen. Was halten Sie von solchen Bestrebungen?

Hax-Schoppenhorst: Nicht sonderlich viel. Für mich stellt sich die Frage, ob man da nicht den eigentlichen Problemen ausweichen will: dass immer mehr Menschen aufgrund von Armut von der sozialen Teilhabe ausgeschlossen sind, dass es Probleme bei der Pflege und Versorgung von alten Menschen gibt. Man kann nicht das Symptom zum Thema machen, die Probleme, die dahinterstecken, aber unter den Tisch fallen lassen.

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