Region: Orkan „Friederike” trifft die Region: Schwerverletzte, Unfälle und Schäden

Region : Orkan „Friederike” trifft die Region: Schwerverletzte, Unfälle und Schäden

Auf den Tag genau elf Jahre nach dem Orkan „Kyrill” traf am Donnerstag „Friederike” die Region. Die traurige Bilanz: zwei Schwerverletzte, etliche Unfälle und hohe Schäden. In NRW starben drei Menschen, fast 60 wurden verletzt, der Sachschaden geht in die Millionen. Die Bahn stellte bundesweit den Zugverkehr ein, auf vielen Straßen brach der Verkehr zusammen; an Schulen fiel der Unterricht aus.

Die schlimmsten Folgen in der Region waren in Hückelhoven im Kreis Heinsberg zu beklagen: Dort stürzte gegen 11 Uhr an der Kreisstraße 26 nahe Schaufenberg ein Baum auf zwei Fußgänger. Die beiden schwer verletzten Männer im Alter von 24 und 37 Jahren mussten von Feuerwehrleuten mit Hilfe von Kettensägen befreit werden. Der Rettungsdienst versorgte sie vor Ort, ehe sie in die Krankenhäuser von Heinsberg und Erkelenz gebracht wurden.

Zu einem tödlichen Unfall kam es in Emmerich im Kreis Kleve. Dort starb ein 59-jähriger Mann auf einem Campingplatz am Rhein, als ein Baum auf ihn stürzte. Er war nach Polizeiangaben sofort tot. In Lippstadt im Kreis Soest kam ein 68-jähriger Lkw-Fahrer bei einem sturmbedingten Verkehrsunfall ums Leben. Insgesamt wurden in Nordrhein-Westfalen mindestens 10 Menschen bei witterungsbedingten Verkehrsunfällen schwer, 31 leicht verletzt. Bei anderen Sturmeinsätzen wurden 16 Menschen verletzt.

Umgekippte Lastwagen, zerquetschte Autos

Bis zur offiziellen Aufhebung der Unwetterwarnung durch den Deutschen Wetterdienst DWD gegen 14.50 Uhr hatten die Einsatzkräfte in der Region alle Hände voll zu tun.

In Aachen zählte die Polizei 44 sturmbedingte Einsätze. So kippte auf der Wilhelmstraße ein Baum gegen ein Haus. Die Feuerwehr musste mehrere Fahrspuren zwischen Normaluhr und Kaiserplatz sperren, es kam zu einem Verkehrschaos auf dem südöstlichen Alleenring. Auch auf dem Prager Ring sorgte ein umgestürzter Baum für Behinderungen.

An der Jülicher Straße durchschlug ein Baum das Dach eines Hauses, in dem sich ein Getränkemarkt befindet. Das Ladenlokal musste geschlossen werden. In Eilendorf fiel in einem Wohngebiet ein Baum auf ein geparktes Auto, in Haaren stürzte ein Baum auf eine Straße.

Die Aachener Stadtverwaltung ließ sämtliche städtischen Schulen schließen. Die Schüler wurden nach Hause geschickt oder, wenn sie nicht von den Eltern in Empfang genommen werden konnten, in den Schulgebäuden weiter betreut. Die Wochenmärkte vor dem Rathaus und auf dem Severinusplatz in Eilendorf wurden abgesagt. Auch die Müllabfuhr wurde eingestellt.

Bis in den frühen Nachmittag waren rund 200 Einsätze abgearbeitet. Insgesamt waren rund 250 Helfer von Feuerwehren, Polizei, Stadtverwaltung im Einsatz. Die Sturmwarnung für Aachen wurde schließlich gegen 14 Uhr aufgehoben, das eigens eingerichtete Lagezentrum bei der Berufsfeuerwehr beendete seine Arbeit.

In Stolberg gab es ebenfalls mehrere Einsätze wegen umgestürzter Bäume. Auch dort wurde ein Auto zertrümmert. Die Schulen und Kindertagesstätten blieben aber geöffnet. „Die Kinder sind dort sicher untergebracht“, sagte ein Sprecher der Feuerwehr Stolberg.

In Eschweiler musste das Entsorgungszentrum geschlossen werden, nachdem starke Windböen das Planendach der Papierdeponie abgerissen hatten. Altpapier war daraufhin vom Sturm über das gesamte Gelände gewirbelt worden. Erst nach dem Sturm „Burglind“ war das Dach geschweißt worden - nun muss es wohl erneuert werden. In Würselen stürzte ein Baum auf zwei Autos. In einem davon saß eine Frau, sie kam mit dem Schrecken davon. Das Schwimmbad Aquana wurde ebenso geschlossen wie in Alsdorf das Museum Energeticon,

Auch in der Nordeifel stürzten zahlreiche Bäume um, Verkehrsschilder flogen umher und Straßen mussten gesperrt werden. Darunter war auch die Himmelsleiter (Bundesstraße B258). In Monschau stürzte nahe der Jugendherberge ein Baum auf die Straße, auch in Roetgen, Lammersdorf, Rurberg mussten mehrere Bäume von den Straßen entfernt werden.

Überall in der Städteregion Aachen kümmerten sich die Einsatzkräfte um umgekippte Bäume, herabfallende Äste, umgestürzte Baustellenschilder, losgerissene Plakatwände und Fassadenteile sowie umherfliegende Dixie-Klos (Zitat Pressesprecher Paul Kemen: „Saß keiner drauf“). Insgesamt kam die Polizei auf rund 100 sturmbedingte Einsätze, knapp die Hälfte in der Stadt und je ein Viertel und Nord- und Südkreis.

Hunderte Bahnreisende gestrandet

Am Bahnhof von Düren „strandeten“ rund 250 Fahrgäste. Sie wurden mit Getränken versorgt. In der Dürener Innenstadt drohte am Morgen ein Baum umzufallen. Die Veldener Straße wurde deshalb bis etwa 8 Uhr gesperrt. Auch auf der Landesstraße 327 musste ein umgestürzter Baum beseitigt werden. Die Grundschule in Derichsweiler, die Anne-Frank-Gesamtschule und die Heinrich-Böll-Gesamtschule schickten ihre Schüler nach Hause.

Aus dem Jülicher Land wurden ebenfalls Unfälle gemeldet: Auf der Bundesstraße 56 bei Dürboslar wurde ein Kleintransporter regelrecht von der Straße geweht und stürzte um. In der Jülicher Römerstraße fiel ein Baum um, weitere Bäume sollen an der Autobahnanschlussstelle Jülich-West umgestürzt sein. Die Stadt Jülich schloss mehrere Schulen, ebenso den Brückenkopf-Park.

Die Leitstelle des Kreises Düren in Stockheim hatte bis 13.30 Uhr 115 Einsätze zu verzeichnen. Laut Teamleiter Stefan Nepomuck waren dabei in den 15 Kommunen des Kreises 260 Einsatzkräfte im Einsatz. Personenschäden seien nicht zu verzeichnen gewesen, Einsatzgründe waren in der Hauptsache entwurzelte Bäume und lose Dachpfannen.

Auch im Kreis Heinsberg musste alleine die Polizei bis zum Nachmittag zu 60 Einsätzen ausrücken. Die Feuerwehren verzeichneten bis Mittag insgesamt 80 Mal mussten die Wehren bis Mittag im Kreisgebiet ausrücken, erklärte die Leitstelle im Erkelenzer Feuerschutzzentrum.

So kippte gegen 11 Uhr zwischen Geilenkirchen und Übach-Palenberg auf der Landesstraße 164, der früheren B221, ein Lastzug um. Der Fahrer, ein 62-Jähriger, erlitt leichte Verletzungen. Die Straße musste voll gesperrt werden, bis ein Kranwagen den Lastwagen gegen 14 Uhr wieder auf seine Räder gestellt hatte. In Heinsberg stürzte im Stadtteil Schafhausen Teile eines Baums auf ein geparktes Auto.

In Eupen wurde das Dach eines Wohnhauses komplett abgerissen, wie die ostbelgische Tagsezeitung Grenz-Echo berichtet. In Köln traf es das Wahrzeichen der Stadt: Die direkte Umgebung des Doms wurde am Donnerstag teilweise abgesperrt. Auch der Kölner Zoo wurde geschlossen. Im Kreis Euskirchen musste die Landesstraße 204 zwischen Nettersheim-Marmagen und Milzchenhäuschen wegen umgeknickter Bäume gesperrt werden.

Züge fahren nicht, Flugzeuge heben nicht ab, Autos stehen im Stau

Auf zahlreichen Autobahnen und anderen Straßen kam es zeitweise chaotischen Staus und Behinderungen. In Duisburg drohte ein Lkw von einer Brücke der Autobahn 59 zu stürzen. Die Autobahn wurde voll gesperrt.

Auf der Autobahn 555 bei Köln wurde in Höhe von Wesseling ein Lkw vom Sturm erfasst und über alle drei Fahrstreifen gefegt. Die Feuerwehr befreite den eingeklemmten Fahrer und brachte ihn und seine verletzte Beifahrerin in ein Krankenhaus. Die A555 wurde in Fahrtrichtung Bonn für mehrere Stunden komplett gesperrt. Welche Strecken von den Staus betroffen waren, lesen Sie hier.

Von der Einstellung des Zugverkehrs in NRW - und schließlich im gesamten Bundesgebiet - seien sämtliche Verbindungen für den Regional- und den Fernverkehr betroffen, teilte die Bahn am Morgen mit. Die Sperrung sollte bis Betriebsschluss um 3 Uhr nachts am Freitag andauern. Die Euregiobahn und die Rurtalbahn stellten ebenfalls den Betrieb ein. Mehr Informationen zum Zugverkehr hier.

Zehntausende Pendler mussten auf Taxis oder Fahrgemeinschaften ausweichen, die Bahn wollte eventuell Hotelzüge anbieten, um den gestrandeten Zugreisenden Übernachtungsmöglichkeiten zu geben. Auch bei der Rheinbahn in Düsseldorf sowie bei der Wuppertaler Schwebebahn ging zeitweise nichts mehr.

Betroffen war auch der Flugverkehr. Am Flughafen Köln-Bonn wurde der Flugverkehr eingestellt, dies gelte bis zunächst 12.30 Uhr. Auch am Flughafen Düsseldorf wurden Flüge gestrichen. Mehr zu den Beeinträchtigungen im Flugverkehr hier.

Orkanartige Böen bis 141 Kilometer pro Stunde

Am frühen Nachmittag gab der DWD bekannt, dass „Friederike“ angesichts von gemessenen Windgeschwindigkeiten von über 130 Kilometern pro Stunde offiziell zum Orkan heraufgestuft worden sei.

Die Unwetterwarnung wurde um 14.49 Uhr aufgehoben. Der Wind habe nach der Mittagszeit rasch abgenommen, sagte Sophie Hain, Meteorologin des Deutschen Wetterdienstes in Essen gegenüber unserer Zeitung. Die stärksten Böen in NRW waren um 12.30 Uhr am Kahlen Asten mit 141 km/h gemessen worden.

In unserer Region tobte der Wind nicht ganz so hoch. Nach Angaben des Wetterdienstes wurde an der Messstelle Aachen-Orsbach um 12 Uhr die Windgeschwindigkeit 110 km/h gemessen, in Geilenkirchen am Flugplatz 119 km/h. Die Wetterstation im Forschungszentrum Jülich maß um 13.20 Uhr immerhin noch 107 km/h (Windstärke 11). Auch wenn dies (noch) kein Orkan war, waren die Folgen des Sturms wegen des aufgeweichten Bodens schlimmer als bei „Burglind“.

Wind ist nicht das einzige, was der Sturm im Schlepptau hatte. Im Laufe des Vormittags zog eine Regenfront über die Region hinweg, aus der es kräftig herunterprasselte. Immerhin: Ein Schneesturm war „Friederike“ nicht. Das Tief ließ den vereinzelten Schnee von Mittwoch schnell schmelzen, denn es brachte etwa fünf bis elf Grad warme Luft mit sich. Für den Abend wurde Abkühlung vorausgesagt.

Umstürzender Baum quetscht Frau in Auto ein

Polizei- und Rettungskräfte waren NRW-weit mehr als 10.000 Mal im Einsatz. Feuerwehr- und Rettungsdienste leisteten nach Auskunft des Innenministeriums bis zum späten Mittag 7000 Einsätze. Die Polizei bewältigte in den Hauptstunden des Orkans über 4000 Einsätze, wie das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste in Duisburg mitteilte.

Sie räumten Straßen frei, beseitigten Bäume und sicherten Gebäude sowie demolierte Oberleitungen. Probleme bereiteten vor allem die zahllosen entwurzelten Bäume. Allein Kölns Polizei zählte mehr als 500 Einsätze bis zum frühen Nachmittag, in Essen waren es 460, in Mülheim und Bochum bis zum Mittag jeweils mindestens 250.

An mehreren Orten in NRW kamen Menschen zu Schaden. So erlitten in Gladbeck zwei Insassen eines Autos Verletzungen durch einen umstürzenden Baum, auch in Ratingen und Krefeld wurden Menschen durch den Sturm und seine Folgen verletzt. In Köln wurde eine Frau in ihrem Auto eingeklemmt, als ein Baum auf den fahrenden Wagen stürzte. Feuerwehrmänner trennten mit Spezialgerät das Fahrzeugdach ab, um die eingeschlossene und schwer verletzte Frau zu befreien.

In Gladbeck wurde ein Kindergarten geräumt, weil eine Dachkuppel abzustürzen drohte, der Kaarster Möbelmarkt Ikea wurde wegen Schäden an der Fassade evakuiert. Zu den größten Einsätzen zählten Stromausfälle im Kreis Wesel, ein liegen gebliebener ICE zwischen Emmerich und Arnheim, ein Lkw-Unfall auf der Rheinbrücke bei Emmerich und eine auf die Autoban 30 gefallene Stromleitung bei Ibbenbüren. Die meisten Einsätze betrafen aber umgestürzte Bäume. Den Schaden durch Verkehrsunfälle bezifferte die Polizei auf mehr als 1,7 Millionen Euro.

100.000 Menschen ohne Strom

Wegen des Sturms hatte es am Vormittag bei rund 100.000 Menschen in Nordrhein-Westfalen und den angrenzenden Bundesländern Störungen und Stromausfälle gegeben. Das teilte der Netzbetreiber „Westnetz” in Dortmund mit. Grund seien auf Freileitungen gestürzte Bäume. Reparaturtrupps seien unterwegs. „Wir versuchen herauszugehen”, sagte ein Sprecher.

In vielen Fällen sei es derzeit jedoch nicht möglich, die Unglücksstellen zu erreichen, da die Sicherheit der Beschäftigten nicht gewährleistet sei. Die Stadtwerke Bochum meldeten „kurzzeitige Spannungsschwankungen im Stromnetz” wegen Störungen in den Hoch- und Höchstspannungsnetzen.

(heck/cs/dpa)