Aachen: Ordensgründerin Clara Fey ist mit ihren praktischen Lehren allgegenwärtig

Aachen : Ordensgründerin Clara Fey ist mit ihren praktischen Lehren allgegenwärtig

Der gütige Blick dieser Frau ist allgegenwärtig, ob im Speisesaal, auf der Pflegestation oder in den Arbeits- und Wohnräumen. Das leise Lächeln und die hellwachen Augen mit einer Mischung aus Nachdenklichkeit und aufmunterndem Optimismus scheinen unbeirrt zu sagen: „Ihr habt nichts zu fürchten, auch heute nicht, Gott ist bei euch!“

Mit der Aachener Industriellentochter Clara Fey (1815-1894) wurde ein im 19. Jahrhundert geradezu revolutionäres Kapitel Sozialgeschichte aufgeschlagen. Der Wille zur Hilfe für die Kinder, die im Industrieproletariat psychische wie physische Verwahrlosung erleben mussten, und große Glaubenskraft verdichteten sich bei Clara Fey — fromm und praktisch, wie sie war — zum Entschluss, grundlegende Hilfe zu organisieren. Daraus wurde eine Ordensgründung. Seit 1844 besteht die Kongregation der Schwestern vom armen Kinde Jesus. Am kommenden Samstag, 5. Mai, wird Clara Fey im Aachener Dom seliggesprochen.

Schwester Angelika prägt mit ihrer Arbeit intensiv die spirituelle Weggemeinschaft, in der sie Laien, Schwestern und Geistliche zusammenführt. Foto: Dagmar Meyer-Roeger

„Leider können nicht alle Schwestern mit zum festlichen Pontifikalamt kommen“, sagt Regionaloberin Schwester Maria Virginia. „Aber mit einer großen Gruppe sind wir auf dem Katschhof, alle anderen werden das Ereignis im Fernsehen verfolgen.“ Die Mitschwestern nicken still, einige ein bisschen traurig, aber das lässt die fröhliche Schwester Dorothea in ihrer nachmittäglichen Plauderrunde bei Weißbrot, Butter und starkem Kaffee nicht zu. „Wenn alles vorbei ist, besuchen wir Clara Fey an ihrem neuen Verehrungsort in der Kind-Jesu-Kapelle an der Jakobstraße. Und da sind wirklich alle dabei, ob mit Rollator oder im Rollstuhl — und wenn wir lauter Taxen bestellen müssen!“ Es wird gelacht.

Eine Insel in der Stadt: Im Klostergarten finden Schwestern und Gäste Entspannung, hier gibt es viel Natur und schöne Rückzugsorte. Die Wege können mit Rollstühlen und Rollatoren benutzt werden. Foto: Dagmar Meyer-Roeger

Für den großen Seligsprechungstag, dem am Sonntag die feierliche Überführung der Gebeine vom Dom, wo man Clara Fey 2012 in der Bischofsgruft aufgenommen hatte, zur Jakobstraße folgt, wünschen sich alle Sonnenschein, und sie erinnern sich an die „Wettergeschichten“ über Clara Fey. „Einmal war ein Ausflug geplant, doch Gewitterwolken zogen auf“, erzählt Schwester Ingrid. „Alle haben Clara gedrängt zu beten. Sie hat aber nur gesagt ,Betet doch selber!‘, hat sich aber doch überreden lassen. Beim dritten Ave Maria verzogen sich die Wolken.“

Magischer Moment: Schwester Lucia nimmt die „Custodia“, eine kleine Monstranz, aus dem Tabernakel. Sie wurde von Egino Weinert aus 200 Ringen gestorbener Ordensfrauen gefertigt. Foto: Dagmar Meyer-Roeger

Der Tag im Burtscheider Haus der Kongregation des Ordens vom armen Kinde Jesus ist zwar klar strukturiert durch Laudes um 7.30 Uhr, Anbetung und Vesper am späten Nachmittag, gestaltet sich aber alles andere als starr. „Die Gebetszeiten pflegen wir, deshalb sind wir aber trotzdem flexibel“, betont Schwester Ingrid, die kurz darauf verkündet, dass heute statt der Andacht eine Gesangsstunde geplant ist. Das neue Clara-Lied soll bis zum Festtag richtig klappen und gut klingen.

Ob groß oder klein — ein Bild der Aachener Ordensgründerin Clara Fey (hier eine Fotografie der damals 75-Jährigen) gibt es in nahezu allen Räumen des Klosters. Ein Ort der Ruhe: Blick in den Kreuzgang des Klosters in Aachen-Burtscheid. Foto: Dagmar Meyer-Roeger

Selbstbedienung ist angesagt

© : Dagmar Meyer-Roeger /// Donnerstag, 19. April 2018; 2018-04-19 /// Clara Fey: Ein Tag im Kloster der Schwestern vom Armen Kinde Jesus, Michaelsberstraße 40 in Aachen : Schwester Virginia und Valeria Erlenkötter. Foto: Dagmar Meyer-Roeger

Das gemeinsame Mittagessen im Speisesaal ist eine Gelegenheit, einander zu treffen, ein wenig zu plaudern. Schwester Hildegardis spricht das Tischgebet, Oberin Maria Virginia nimmt still neben ihr Platz, alle sammeln sich. Der Duft von Lachs und Brokkoli liegt in der Luft. Selbstbedienung ist angesagt, und wer keinen Fisch mag, bekommt ein Spiegelei, danach räumen alle wie auf ein geheimes Kommando blitzschnell ab.

Ein intensives Miteinander: Schwester Beate Maria im Sekretariat, Regionaloberin Schwester Maria Virginia, Pflegedienstleiterin Valeria Erlenkötter und Schwester Ingrid, zuständig für Medienarbeit (von links). Gleiches gilt für den Speisesaal. Alle. Foto: Dagmar Meyer-Roeger

Zeit zum Gedankenaustausch. Wie war das mit dem Ordenskleid? Wie die Clara, die natürlich auch in diesem Raum vom Bild lächelt, kleiden sich die Ordensfrauen heute nicht mehr. „1967 wurde das geändert“, erzählt Schwester Beate Maria. Bis dahin trug man zudem an einer Kette einen ovalen Anhänger, der die Heilige Familie zeigte. Nun ist es das stilisierte, silbrige Ordensmotto „Manete in me“ („Bleibe in mir“) aus dem Johannes-Evangelium ein greifbares Bekenntnis entsprechend der Worte: „Die Liebe lässt erkennen, dass wir in ihm bleiben und er in uns.“ Und die Ordenskleidung? „So unbequem war das früher gar nicht, hoch geschlossen, aber viel lockerer als die heutige Kleidung, die weiten Ärmel waren angenehm“, meint Schwester Beate Maria.

© : Dagmar Meyer-Roeger /// Donnerstag, 19. April 2018; 2018-04-19 /// Clara Fey: Ein Tag im Kloster der Schwestern vom Armen Kinde Jesus, Michaelsberstraße 40 in Aachen. Foto: Dagamr Meyer-Roeger

Einander nicht allein lassen — das wird im Haus an der Aachener Michaelsberg-straße mit den 60 Schwestern gelebt. Mit den weiten Gartenflächen ist das Grundstück eine Insel im Getriebe der Stadt. Seit langem quälen sich Autofahrer und Fußgänger durch diverse Baustellen rundum — die Kanalisation wird erneuert. Nur wenige Meter entfernt hinter der alten Backsteinmauer ist es grün, Stauden blühen, die Apfelbäume haben sich zu rosa-weißen Frühlingsträumen entfaltet, und eine Marienstatue wird von den üppigen elfenbeinfarbenen Blüten einer Magnolie umschmeichelt. „Das war unser Paradies, hier saßen wir oft, erzählten und sangen“, lächelt Schwester Ingrid.

Wie sie haben zahlreiche Ordensfrauen Auslandserfahrungen, stets im Auftrag der Kongregation, stets als Lehrerinnen. Gleichzeitig ist es ihnen wichtig, die Weggemeinschaft zu fördern, einzuladen, Menschen zu betreuen und zusammenzuführen, die mit dem tieferen Lebenssinn das Bewusstsein finden, dass man überall Gutes tun kann. Das Kloster Burtscheid hat eine besondere Geschichte: Als im Rahmen des Kulturkampfes ab 1872 alle Ordenshäuser in Preußen geschlossen werden mussten, konnte man dieses bewahren, weil dort alte und kranke Schwestern gepflegt wurden. Clara Fey ging damals ins niederländische Simpelveld, wo sie das neue Generalmutterhaus „Haus Loreto“ eröffnete. Ab Juni will man dort Ordensgeschichte dokumentieren.

Keine Hektik

Gepflegt wird heute noch im Ordenshaus. Im Flur, von dem aus 26 kleine Zimmer erreichbar sind, ist es ruhig. Bei aller Professionalität gibt es keine Krankenhaushektik. „Wir können unsere Schwestern bis zur letzten Stunde begleiten“, betont Oberin Maria Virginia. „Viele von uns haben eine Rufbereitschaft.“ Für Valeria Erlenkötter, die 55-jährige Pflegedienstleiterin, und ihr 15-köpfiges Team hat die Arbeit im Kloster neben den Alltäglichkeiten eine wichtige Dimension. „Diese Menschen bleiben quasi zu Hause, selbst im Zustand der Pflegebedürftigkeit, das bedeutet Geborgenheit.“ Ein heller Raum, die ehemalige Veranda, öffnet sich zum Garten. Wer kann, verbringt dort Zeit, trotz Immobilität umgeben von schönster Natur.

Dass man in Burtscheid derweil an der Gestaltung des Festtages und an der Einrichtung des Museums Simpelveld mitarbeitet, sorgt nirgendwo für Unruhe. Immer wieder müssen starke Hände zupacken: Vor der Hintertür steht ein Kleintransporter, und drei Männer bemühen sich, einen Sekretär aus hellem Holz zu verladen. „Von der Nachfolgerin Clara Feys“, erklärt Schwester Ingrid. Restauriert? Die Helfer lachen. „Nicht nötig. Im Kloster halten sich die Sachen prima!“

Das Leben in der Kongregation ist ein Balanceakt zwischen Gemeinschaft und Individualität. Alle wissen das, alle respektieren es. Wenn Schwester Ingrid ihr Smartphone zückt, lächelt sie etwas verlegen. „Es ist eben praktisch“, meint sie. „Wir stimmen uns häufig sehr schnell ab.“ Da sie für zahlreiche Medien arbeitet, muss sie gut ausgestattet sein — auch computertechnisch.

Im weitläufigen Garten blühen Löwenzahn, Thymian und Gänseblümchen, das Gras wächst, und mit Hochdruck wird am Teich gearbeitet. „Wir holen die Fische aus dem Winterquartier. Wenn es so weit ist, werden sich rund um das Becken die Schwestern treffen und alles kommentieren, eine großartige Runde“, erzählt Schwester Ingrid. Wer für sich sein möchte, kann gleichfalls Orte im Freien finden, zum Beispiel eine umrankte Laube mit einem Findling in der Mitte, aus dem das Wasser sprudelt, sehr meditativ. Und die Pumpe ist solarbetrieben.

Studium in Physik und Chemie

Die Schwestern sind zurückhaltend mit Begriffen wie „Vorsehung“ oder „Berufung“. Sie alle haben ihre Geschichte. Schwester Ingrid wollte in die Mission. „Aber daraus wurde nichts, die damalige Oberin wollte, dass ich studiere! Für mich undenkbar, ich dachte, meine Intelligenz reicht nicht aus.“ Schließlich absolvierte die heute 76-Jährige mit Erfolg ein Studium in Physik und Chemie. Bis heute kann sie es kaum glauben.

Rund um das Kloster wird erneuert, gemauert, geordnet. Der Garten ist ein guter Ort zum Gespräch — etwa mit Schwester Angelika (77), die Menschen zum Thema Spiritualität um sich versammelt. „Je älter ich werde, umso mehr nähere ich mich der Spiritualität und damit Gott, das fällt einem nicht in den Schoß“, sagt sie. Vitalität und Lebensfreude pflegt sie bewusst. „Ich tanze morgens um meinen Schreibtisch, meistens zu Musik von WDR 3, das hält mich fit und beweglich!“ Die Entwicklungen im Orden sieht sie realistisch, arbeitet an einer Weggemeinschaft der Hilfe und an einer vom Papst geforderten Reform der Ordensregel. „Wir leben alle auf das Ende hin, in Europa gibt es keinen Nachwuchs, unsere Zukunft liegt in Ländern wie Indonesien.“

Die Zahl 1864 leuchtet in Schnörkelschrift über der Hintertür, das Jahr, in dem das Kloster errichtet wurde. Drinnen atmet man Ruhe, das silbrige Licht im Kreuzgang lässt Gespräche verstummen, die Schritte werden behutsamer. Das spirituelle Herz der Gemeinschaft ist ein Kunstwerk mit starker Ausstrahlung, eine „Custodia“. Die kleine Monstranz, geschaffen 1978 von Egino Weinert, ist aus 200 goldenen Ringen verstorbener Schwestern gefertigt. Die Hostie in ihrer Mitte scheint im Licht zu schweben und sie alle wie ein Magnet aneinander zu binden. Verwahrt wird sie in der großen, luftigen Kirche im Obergeschoss, dort, wo auch die zahlreichen Fürbitten der Gläubigen gesammelt und betreut werden.

Und dann ist da noch die Klausur, eine Zone, die Respekt gebietet. „Sie ist offener als früher“, lächelt Schwester Ingrid. Clara Fey — für sie ein lebendiges Vorbild: „Sie sagte, du hast zwei Augen, eins für den Beruf, eins für Jesus, zwei Ohren, eins, um die Sorgen der Menschen zu hören, eins für Jesus, zwei Hände, eine für die Arbeit, eine, um an Jesus festzuhalten“, erläutert sie mit Überzeugung das Konzept der Ordensgründerin. Wir stehen im Treppenhaus aus rotem Basalt. Und irgendwie steht in diesem Moment auch die Zeit still.

Mehr von Aachener Nachrichten