2019 ... Nur Mut!: Nur der Zukunft zugewandt

2019 ... Nur Mut! : Nur der Zukunft zugewandt

Integration ist mehr als ein Wort. In einer Aachener Zahnarztpraxis arbeiten sieben Geflüchtete. Sie fühlen sich inzwischen zu Hause und haben Träume für das neue Jahr.

Tayyebeh Jomezadeh ist klein, zierlich, trägt ein Kopftuch und wirkt zunächst ein wenig schüchtern. Doch der erste Eindruck täuscht. „Sie ist eine richtige Powerfrau“, schwärmt Heike Heinen (58). Seit März 2017 macht die 19-Jährige in der Praxis der Aachener Zahnärztin eine Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten. Die Zwischenprüfung hat sie bereits bestanden. „Mit einem wirklich guten Ergebnis“, betont Heinen.

Im kommenden Mai steht die vorgezogene Abschlussprüfung an. Sie zu bestehen, ist Tayyebehs Wunsch für das Jahr 2019. „Damit wird sie kein Problem haben, denn sie lernt schnell und ist jetzt schon eine sehr gute und beliebte Mitarbeiterin“, sagt ihre Chefin.

Dabei waren die Startbedingungen für die Afghanin nicht eben gut. Als sie im September 2015 mit Eltern und Schwester über die Balkan-Route nach Deutschland kam, lag eine zwei Monate lange, physisch und psychisch aufreibende Flucht hinter ihr. Ja, sie habe damals Schlimmes erlebt und sehr viel Angst gehabt, sagt die junge Frau. Aber jetzt wolle sie sich nur noch mit ihrer Zukunft beschäftigen.

„Als ich Tayyebeh das erste Mal sah, sprach sie kaum Deutsch“, erinnert sich Heinen. Obwohl die Asylanträge für die meisten afghanischen Asylbewerber noch nicht einmal gestellt waren, erklärten die Behörden Anfang 2016, es gebe für die junge Frau in Deutschland keine dauerhafte Bleibeperspektive. Deshalb bekam sie keinen Sprachkurs. Eine Aussage, die so allerdings nicht stimmte. „Wenn man alle gerichtlichen Korrekturen der fehlerhaften Bamf-Bescheide hinzurechnet, wurden mittlerweile weit mehr als 60 Prozent der Afghanen als Flüchtlinge anerkannt“, weiß Heinen.

Tayyebeh hatte diesen Aufenthaltsstatus bislang nicht. „Für viele Arbeitgeber wäre das ein Grund gewesen, sie nicht einzustellen“, weiß Heinen. Denn nur mit Geflüchteten, deren Asylbegehren stattgegeben wurde, können sie langfristig planen. „Mir hat aber imponiert, mit welcher Energie sich Tayyebeh bei uns beworben hat. Es war sofort klar: Das Mädchen brennt und will auf eigenen Füßen stehen, da lohnt es sich zu kämpfen.“ Und dass sie ein Kopftuch trägt? Heinen schüttelt den Kopf: „Mich interessiert nur, was unter dem Kopftuch steckt!“

Der größte Traum rückt näher

Erst vor wenigen Tagen kam nun, nach fast drei Jahren Verfahrensdauer, das abschließende Urteil: Tayyebeh darf bleiben. Damit ist  auch ihr größter Traum wieder ein Stück näher gerückt. Die junge Afghanin möchte später Zahnmedizin studieren. Auch eine duale Ausbildung kann nämlich ein Weg an die Universität sein, selbst ohne ein in Deutschland anerkanntes Abitur. „Das wissen leider nicht alle studierwilligen Flüchtlinge“, berichtet Heinen von ihren Erfahrungen aus der Flüchtlingshilfe.

Tayyebeh gehört mit sechs weiteren Geflüchteten zum 16-köpfigen Team der Praxis von Heike Heinen und ihrem Mann Axel. Alle fühlen sich inzwischen in Aachen zuhause, sind auf dem besten Weg, sich zu integrieren. Vielleicht, weil die Stadt weltoffen ist. Ganz bestimmt aber, weil sie mit Heike Heinen auf eine Person getroffen sind, die der abstrakten Aufforderung „Wir schaffen das“ konkretes Engagement folgen ließ. Sie hat den hier Gestrandeten Vertrauen geschenkt und ihnen eine Chance gegeben.

Im Visier der Taliban

Zum Beispiel Sevim Ibrahim. Auch die 26-Jährige mit anerkanntem Flüchtlingsstatus absolviert bei den Heinens eine Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten. Bevor die junge Kurdin dem Bürgerkrieg in Syrien entkam, hatte sie dort zwei Jahre lang Jura studiert, was in Deutschland aber nicht anerkannt wird. „Es gibt einen großen Fachkräftemangel in unserer Branche“, sagt Heinen. „Ich bin deshalb froh, dass Sevin sich für die Ausbildung bei uns entschieden hat. Die Zahnärztekammer und diverse Fortbildungsinstitute bieten ihr danach gute Möglichkeiten, sich berufsbegleitend weiter zu qualifizieren.“

Walid Niazmand, Azubi im ersten Lehrjahr, darf für die Dauer seiner Ausbildung und mindestens zwei Jahre danach in Deutschland bleiben. Anschließend kann er den Antrag auf Niederlassung stellen. Ihm war erst nach fast zwei Jahren der erste Sprachkurs genehmigt worden. Trotzdem kommt er in der Schule gut zurecht. Der Afghane arbeitete in seinem Herkunftsland nach dem Abitur und einigen Semestern der Politik- und Rechtswissenschaft im Marketing eines Fernsehsenders.

Dabei geriet er ins Visier der Taliban. „Meine Angst und das, was ich dort erlebt habe, wird niemand verstehen“, glaubt der 23-Jährige. Nicht nur in der Praxis macht er eine gute Figur: Inzwischen geht er in seiner Freizeit für den TK Oberforstbach in der Landesliga der Ringer auf die Matte. Sein größter Wunsch: Auch in Belgien und den Niederlanden an Wettkämpfen teilnehmen zu dürfen. Aber das Aachener Ausländeramt ist bei seinem Aufenthaltsstatus unnachgiebig. Ausnahmegenehmigungen? Keine Chance.

Überhaupt die Behörden: Heinen wünscht sich, dass die Arbeitgeber von der Politik bei der Integration von Flüchtlingen besser unterstützt werden. Auch im Fall von Walid gibt es Stress. Nach wie vor lebt er in Alsdorf in einer Sammelunterkunft. Dort wohnt er in einem Mehrbettzimmer. Gute Voraussetzungen für die Ausbildung sind das nicht. Ausserdem verbringt Walid täglich sehr viel Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln. Gerade bei Notdiensten oder bei Spätschichten ist das für ihn ein Problem.

Gerne möchte er deshalb nach Aachen umziehen. Eine Wohnung in der Nähe der Praxis hatte seine Arbeitgeberin bereits gefunden. „Der Umzugsantrag wurde vom Aachener Ausländeramt aber mit dem Hinweis auf die Alsdorfer Wohnsitzauflage von Walid abgelehnt. Dabei hat das Amt durchaus einen Ermessensspielraum“, betont Heinen und schimpft: „Es ist ein Unding, dass Arbeitgeber und Azubis sich trotz ihrer Bemühungen um die Integration mit solchen Schikanen herumschlagen müssen.“

Träume haben auch die anderen Geflüchteten aus dem Heinen-Team. Sherzad Khan Mala (34) war in Afghanistan Polizist. „Heute ist er eine der besten und zuverlässigsten Reinigungskräfte, die wir je hatten“, sagt Heinen. Schon im August 2017 stellte der anerkannte Flüchtling den Antrag, seine Frau und seine drei kleinen Kinder nach Aachen holen zu können. Ob es 2019 endlich klappt? Nichts wünscht er sich sehnlicher…

Was wird vom Studium anerkannt?

Oder Sudat Abdel. Nach seinem Studium der Zahnmedizin in der Ukraine wollte er im irakischen Mossul den letzten Ausbildungsabschnitt absolvieren. Doch dann musste er überstürzt vor dem IS fliehen. Bereits im November 2015 lernte Heinen den jungen Mann in Aachen kennen. Zusammen mit vielen anderen Geflüchteten besuchte sie damals regelmäßig Theater und Museen in der Stadt.

Und so bot die Zahnmedizinerin ihm im März 2016 ein Praktikum an, um die Fachsprache zu trainieren, die er für das weitere Anerkennungsverfahren braucht . Seit bald zweieinhalb Jahren unterstützt Sudat Abdel in Teilzeit die Angestellten in der Praxis in der Assistenz und bei der Arbeitsvorbereitung. Der 32-Jährige hofft, dass 2019 endlich Teile seines Studiums in Deutschland anerkannt werden und er vielleicht in ein höheres Semester einsteigen kann.

Der Syrer Nadeem Jazmaty, seit Dezember 2017 als Teilzeitkraft in der Praxis aktiv, ist da weiter: Er hat vor kurzem die Fachsprachprüfung bestanden. Jetzt sucht er in Nordrhein-Westfalen eine Praxis, in der er zwei Jahre lang bis zur Gleichwertigkeitsprüfung als Zahnarzt in Ausbildung arbeiten kann. „Alle im Team werden den  hilfsbereiten und zuverlässigen Kollegen  vermissen“, sagt Heinen.

Keine billigen Arbeitskräfte

Maha Halabi gibt sich dagegen fatalistisch. Die 31-jährige studierte Anglistin hat in Damaskus als Chefsekretärin in einem großen schwedischen Autokonzern gearbeitet. Potenziellen Arbeitgebern war ihr Status bisher nicht sicher genug. „Ein Fehler“, wie Heinen nicht ohne ein Schmunzeln bemerkt.

Die Syrerin hat mit finanzieller Unterstützung ihrer Arbeitgeberin Fachkurse der Zahnärztekammer besucht. Inzwischen ist sie zur unverzichtbaren Vollzeit-Mitarbeiterin in der Praxis-Verwaltung geworden. „Ich habe keine Probleme mit der Integration, ich habe nur Probleme mit der Bürokratie und manchen deutschen Beamten“, sagt die Syrerin.

Angst, nicht in Deutschland bleiben zu können, zeigt sie nicht. Offenbar weiß sie: Als studierte Frau, die hervorragend Deutsch und weitere vier Sprachen fließend spricht, ist sie in anderen Staaten eine gesuchte Kraft. Wenn Deutschland sie nicht will … Umso resoluter äußert sich Heike Heinen: „Es kann doch nicht sein, dass die Politik derart gesuchte Fachkräfte irgendwann wieder nach Hause schicken will.“

Heinen betont, dass sie in den Geflüchteten keine „billigen Arbeitskräfte“ sieht. „Sie werden genauso bezahlt, wie ihre deutschen Kollegen“, sagt die Zahnärztin. Toleranz und Offenheit sei für die seit 1983 bestehende Praxis eine Selbstverständlichkeit, schließlich sei Aachen eine international bekannte Universitätsstadt, da gehöre das dazu.

Das Verhalten der Ausländerbehörde gegenüber Flüchtlingen jedoch nennt Heinen, die in ihrer Freizeit auch anderen Flüchtlingen bei Behördengängen hilft, „in Teilen schikanös“. Dass sich daran etwas ändert, ist einer ihrer Wünsche für 2019. Einen anderen kleidet sie in einen Appell an ihre Kollegen: „Ich habe unter den Geflüchteten so viele starke, anpassungsfähige Persönlichkeiten kennengelernt, Menschen, mit denen man gerne und gut zusammenarbeiten kann. Macht Eure Türen für sie auf!“

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