Die Zeit nach der Kohle: NRW-Wirtschaftsminister setzt auf Energiemix

Die Zeit nach der Kohle : NRW-Wirtschaftsminister setzt auf Energiemix

2038 ist deutschlandweit Schluss mit der Kohleverstromung. NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) stellt nun ein Konzept für die Zeit nach der Kohle vor. Er setzt auf Windkraft, Photovoltaik-Anlagen und Geothermie.

Die Kohleförderung hat NRW geprägt wie sonst wenig. Kilometerlange unterirdische Tunnel für die Steinkohle-Förderung durchschneiden das Ruhrgebiet, Kraterlandschaften mit Wüstencharakter hinterlässt der Braunkohle-Tagebau im Rheinischen Revier. Noch sind über 50 Braun- und Steinkohleblöcke in Kraftwerken in Betrieb. Über ein Viertel des deutschen Stroms wird in NRW erzeugt. Ohne die fossilen Energien wäre der Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg kaum denkbar gewesen.

Jetzt soll damit Schluss sein – es ist das Ende einer jahrhundertelangen Ära. Die letzte Steinkohlezeche hat ihre Förderung bereits eingestellt, der Abschied vom Braunkohle-Tagebau soll spätestens 2038 folgen. Zu hoch sind der CO2-Ausstoß und die Folgekosten für die Umwelt. Ohne den Ausstieg aus den fossilen Energien könnte Deutschland die Klimaziele niemals erreichen. Aber was kommt danach? Wie soll ein Energiemix der Zukunft aussehen, der zugleich wirtschaftlich, sicher und umweltfreundlich ist? NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) präsentierte dazu kürzlich ein Konzept, das einige Überraschungen bereithält.

Erneuerbare Energien

Windräder, Photovoltaik-Anlagen auf Dächern, aber auch die umstrittene Geothermie sollen zu einer entscheidenden Säule der Energieversorgung in NRW werden. Allein bei der Windenergie sieht der Wirtschaftsminister das Potenzial einer Verdoppelung der in Terrawattstunden gemessenen Leistung. Pinkwart setzt zunächst auf die Wiederertüchtigung bereits bestehender Anlagen – die Landesregierung hat gerade erst verfügt, dass neue Windräder einen Mindestabstand von 1500 Metern zu Wohngebieten einhalten müssen. Großes Potenzial, das erst zu sechs Prozent ausgenutzt wird, verspricht die Photovoltaik. Hier will die Landesregierung etwa dafür sorgen, dass öffentliche Gebäude verstärkt mit Solarpanels ausgestattet werden.

Während bei Biomasse und Wasserkraft kaum mehr Steigerungen möglich seien, hält Pinkwart die oberflächennahe Geothermie für sehr vielversprechend. Diese Energiequelle allein könne mehr als die Hälfte des Bedarfs zum Beheizen von Gebäuden decken, werde aber erst zu einem Prozent genutzt. Doch Pinkwart will auch die Tiefengeothermie fördern: „Die Tiefengeothermie sowie das warme Grubenwasser ehemaliger Zechen bieten eine verlässliche Wärme- und Kälteversorgung, die es gerade in NRW systematisch zu erschließen gilt.“ Erste Erkundungsbohrungen und Bohrloch-Seismik laufen den Angaben zufolge unter anderem zusammen mit RWE am Kraftwerksstandort Weisweiler. Kritiker der Tiefengeothermie weisen auf die Gefahr von Erderschütterungen und -beben hin, weil zum Anzapfen der Erdwärme tiefe Bohrlöcher gegraben werden müssen.

CO2-Bepreisung

Die Landesregierung befürwortet ein möglichst EU-weites System zur CO2-Bepreisung, das sich am bestehenden Zertifikathandel orientieren soll. Die Sektoren Wärme und Mobilität sollen einbezogen werden, dafür sollen die übrigen Stromsteuern auf ein Mindestniveau sinken. Das würde sich für den privaten Endkunden lohnen: Pinkwart rechnet vor, dass zurzeit der Anteil von Steuern, Abgaben und Umlagen rund 53 Prozent des Haushaltsstrompreises ausmacht und der Anteil von Netzentgelten 24 Prozent.

Wasserstoff

Gemessen an seiner bisherigen Bedeutung für den Energiemix schreibt die Landesregierung Wasserstoff für die Zukunft eine bedeutende Rolle zu. So will der Wirtschaftsminister eine Modellregion für Wasserstoffmobilität aufbauen. Das Rheinland, Düsseldorf-Wuppertal-Neuss und Steinfurt erhalten Landesmittel, um ein umfassendes Konzept zu entwickeln. Überdies will die Landesregierung zusammen mit Unternehmen und Wissenschaft ermitteln, welche Infrastruktur benötigt wird. Wasserstoff kann auch als Langzeitspeicher für erneuerbare Energien dienen: Per Elektrolyse kann das Gas aus überschüssigem erneuerbarem Strom gewonnen werden – das Verfahren ist heute allerdings noch nicht wirtschaftlich. Auch die Zahl der Wasserstoff-Tankstellen soll deutlich ausgebaut werden.

Netze

Damit der Wandel überhaupt funktionieren kann, braucht es eine gut ausgebaute Netzinfrastruktur, die die vielen dezentralen Energiequellen miteinander verbindet und den von Offshore-Windrädern erzeugten Strom aus dem Norden nach NRW bringt. Zwar ist die Ausgangsbasis nicht schlecht – das Land verfügt über rund 10.000 Kilometer Strom-Übertragungsnetz, rund 15.000 Kilometer Hochspannungsnetz und rund 300.000 Kilometer weitere Strom-Verteilnetze. Hinzu kommen rund 80.000 Kilometer Gasnetz und 6000 Kilometer Gasfernleitungsnetz. Doch bis 2035 könnten weitere rund 600 Kilometer Übertragungsnetzausbau in NRW erforderlich werden.

Speicher

Wenn die Energiewende gelingen soll, muss es mehr Speicher für den erzeugten und phasenweise überschüssigen Strom geben. Schon heute stellen hiesige Gasspeicher dem deutschen Gasnetz im Winter teilweise bis zu 65 Prozent der regional erforderlichen Gasmengen. Nachholbedarf gibt es bei Pump- und bei Wärmespeichern.

Energieeffizienz

Die beste Energiequelle ist, Energie einzusparen. Gerade ältere Gebäude – zwei Drittel in NRW sind vor 1979 erbaut – bieten viel Verbesserungspotenzial. Sollte es gelingen, in NRW bis 2050 einen nahezu klimaneutralen Gebäudebestand zu bekommen, könnte der Energieverbrauch um die Hälfte gesenkt werden. Das setzt höhere Renovierungsquoten voraus und eine Beheizung der meisten Wohnungen mit erneuerbaren Energien.