Düsseldorf: NRW will bei G8 Informatik und Wirtschaft stärken

Düsseldorf : NRW will bei G8 Informatik und Wirtschaft stärken

Es ist eine auf den ersten Blick ganz schön unübersichtliche und komplizierte Tabelle, die das NRW-Schulministerium da am Donnerstag präsentiert. Der Entwurf für die sogenannte Stundentafel für die Sekundarstufe I (5. bis10. Klasse) für das neunjährige Gymnasium (G9). Im Vergleich zu G8 hätten die Schüler 1000 Stunden mehr in den sechs Jahren bis zur Oberstufe, im Vergleich zum alten G9 seien es 40 bis 360, erklärt NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP).

Diese Rechnung klingt zunächst einmal gut. Aber Vergleiche zum „Turbo-Abitur“ sind nicht sinnvoll, da die Schüler beim achtjährigen Gymnasium natürlich weniger Unterricht haben als beim neunjährigen Gymnasium. Und auch beim Vergleich zum alten G9 muss man genau hinschauen. Der Entwurf des Ministeriums sieht grob gesagt vor, dass jedes Schuljahr pro Woche im Schnitt 30 Schulstunden unterrichtet werden. In den sechs Jahren von der fünften bis zur zehnten Klasse sind das 180 Stunden.

Es gibt aber acht „nicht verbindliche“ Ergänzungsstunden — insgesamt kommt man dann auf 188 —, wie es seitens des Ministeriums heißt. Die Schulkonferenz, bestehend aus Lehrern, Eltern und Schülern, entscheidet selbst, ob sie die Stunden nutzt oder nicht. Schulen können mit den Zusatz-Stunden ihr Profil schärfen, etwa im Fach Musik, sagte Gebauer. „Die Schulfreiheit ist mir sehr wichtig.“ Die Schulen erhalten deshalb auch Stellen für 188 Stunden, nicht nur für die 180 Pflichtstunden.

Im Vergleich zum alten G9 haben die Kinder im neuen G9 auf die komplette Sekundarstufe I gesehen eine Pflichtstunde mehr. 180 statt 179 Stunden oder runtergerechnet: In jedem Schuljahr 30 statt 29,83 Stunden im Schnitt pro Woche. Die Verteilung der Stunden auf die Fächer ist im Vergleich sehr ähnlich geblieben. Das Ministerium betont zwar, es gebe etwa eine Schulstunde mehr für Mathematik und für Gesellschaftslehre und für Naturwissenschaften. Das stimmt aber nicht ganz. Im alten G9 gab es Bandbreiten. Für Naturwissenschaften etwa auf sechs Jahre verteilt 22 bis 24 Stunden, heute sind es 23. Das entspricht dem Mittelwert von früher. Diese Bandbreiten von alten Stundentafeln gibt es künftig nicht mehr. Der Spielraum für die Schulen wird kleiner. Von den 23 Stunden Naturwissenschaften müssen Biologie, Chemie und Physik mit jeweils sieben Stunden vertreten sein. Zwei Stunden sind frei verfügbar.

Lehrermangel für Informatik

Auch wenn klar geregelt ist, dass in der Gesellschaftslehre Wirtschaft einen höheren Stellenwert bekommen soll und in den Naturwissenschaften das Fach Informatik. Im Idealfall würden die zwei frei verfügbaren Stunden in den Naturwissenschaften also für Informatikunterricht genutzt. Allein: Die Lehrer für das Fach fehlen. Der große Stellenwert, den die Fächer Politik/Wirtschaft und Informatik laut Ministerium bekommen sollten, bleibt damit wohl zunächst aus. Dorothea Schäfer, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW, würde sich lieber einen Schwerpunkt auf politische Bildung als auf die ökonomische wünschen. „Den Fokus auf die Wirtschaft empfinden wir als sehr schade.“

Das G9-Gesetz ist im Juli vom Landtag verabschiedet worden. Die inhaltliche Ausgestaltung bedarf keiner Gesetzesänderung. Die Stundentafel ist in einer Verordnung geregelt, die nur noch durch den Schulausschuss muss. Die Stundentafel wurde jetzt veröffentlich, auch um den Schulen in NRW dabei zu helfen, ihre Entscheidung zu fällen. Sie müssen in den Schulkonferenzen bis Ende des Jahres abstimmen, ob sie zu G9 zurückkehren — das wäre der Regelfall — oder bei G8 bleiben wollen.

Mehr von Aachener Nachrichten