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Von Italien lernen: NRW wappnet sich für Ansturm auf Intensivplätze

Von Italien lernen : NRW wappnet sich für Ansturm auf Intensivplätze

Nordrhein-Westfalen wappnet sich für ein Szenario mit vielen schwerkranken Corona-Infizierten. Verhältnisse wie in Italien, wo Krankenhäuser völlig überlastet sind, sollen vermieden werden. Niemand aber weiß, auf wieviele schwere Corona-Fälle die Kliniken sich einstellen müssen.

Angesichts der steigenden Zahl der mit dem Coronavirus Infizierten bereitet sich Nordrhein-Westfalen auf einen möglichen Ansturm auf Intensivbetten und Beatmungsplätze vor. Medizinische Rehakliniken sollten rund die Hälfte ihrer Kapazitäten freiräumen, sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Mittwoch in Düsseldorf. Auch diese Kliniken sollten dann für die Versorgung von Patienten zur Verfügung stehen. Er werde auch auf private Reha-Einrichtungen zugehen.

Bund und Länder hatten sich auf einen Notfallplan verständigt. Ziel ist eine Verdoppelung der Intensivkapazitäten. Dafür sollen gegebenenfalls auch an Standorten wie Hotels oder umgerüsteten Hallen zusätzliche Betten- und Behandlungskapazitäten aufgebaut werden. In ganz Deutschland gibt es 28 000 Intensivbetten, davon nach Angaben der Krankenhausgesellschaft NRW (KGNW) 6136 im bevölkerungsreichsten Bundesland. Von diesen hätten wiederum gut 4320 Betten eine Beatmungsmöglichkeit. Das Problem: Diese Betten sind laut KGNW zu 70 bis 80 Prozent belegt.

Im Moment gebe es noch ausreichend Kapazitäten für schwerkranke Corona-Patienten, sagte KGNW-Präsident Jochen Brink. Da planbare Operationen verschoben werden müssten - das sei jeder zweite Eingriff - könnten kurzfristig weitere Kapazitäten frei gemacht und 1144 weitere Beatmungsplätze geschaffen werden. Außerdem würden zusätzliche Beatmungsgeräte angeschafft.

„Für die Krankenhäuser bedeutet das eine gewaltige Herausforderung“, sagte Brink. „Aktuell sind die Krankenhausleitungen überall in NRW damit beschäftigt, ihre Betriebsabläufe umzuorganisieren.“ Patienten mit schweren Erkrankungen wie Krebs, die auf eine schon terminierte Operation warten, müssen aber keine Verschiebung befürchten.

Gesundheitsminister Laumann sagte, er werde „alles tun, was geht, um möglichst viele Beatmungsplätze in Krankenhäusern zu organisieren“. An den finanziellen Mitteln werde das nicht scheitern. Da aber niemand wisse, wie schnell das Virus um sich greife und auch Fachärzte nicht sagen könnten, wieviel Prozent der Infizierten dann Beatmung brauchten, „ist die Zahl einfach nicht zu prognostizieren“.

Kommunen arbeiten mit Ämtern zusammen

Die Kommunen entwickeln jetzt nach Angaben Laumanns mit den Krankenhäusern, Gesundheitsämtern und Krisenstäben vor Ort Konzepte. Bestehende Immobilien, die „krankenhausähnliche Strukturen“ hätten, würden aufgerüstet. Ob die Intensivplätze verdoppelt werden könnten, könne er aber nicht sagen, so Laumann.

Das Universitätsklinikum Bonn etwa verfügt über 120 Intensivbetten und will diese über die Reaktivierung alter Klinikgebäude und bislang nicht genutzter Stationskapazitäten aufstocken. Die Uniklinik Essen mit derzeit knapp 200 Intensivplätzen will generell erst einmal zusätzliche Betten schaffen. Denn nicht jeder Corona-Patient brauche Intensivmedizin. In der Uniklinik Bochum gibt es derzeit noch keine Corona-Fälle. „Aber wir gehen davon aus, dass sich dieses sehr bald ändern wird“, sagte Geschäftsführer Hans-Peter Jochum. Man arbeite mit Hochdruck daran, die Intensivplätze auszuweiten. Ein Sprecher des Uni-Klinkums Düsseldorf sagte, dass durch die Aussetzung planbarer Operationen personelle und räumliche Kapazitäten geschaffen würden. Auch die Organisation und Belegung von Stationen sei mit Blick auf wahrscheinlich mehr Patienten umgestellt worden.

Neben dem Mangel an Beatmungsplätzen fehlt es auch an Fachpersonal. Nicht jeder könne ein Beatmungsgerät bedienen, sagte Laumann. Er appellierte an die Kliniken, etwa OP-Personal umzuschulen. „Man kann im Grunde aus jedem OP-Saal mit der dort vorhandenen Technik auch ein Beatmungszentrum machen.“

Der Vorsitzende des Pflegerats NRW, Ludger Risse, sagte: „Wir haben ja in der Intensivmedizin schon vor der jetzigen Krise immer wieder Stationen gehabt, die aus Mangel an Fachpersonal Betten sperren mussten.“ Nun müsse man schnell Lösungen entwickeln, wie sich Mitarbeiter effektiv einsetzen ließen, die bislang andere Schwerpunkte hatten. „Beatmungssteuerung und die Überwachung kann ich vielleicht nicht schnell lernen, aber wie man einen Intensivpatienten lagert oder wäscht, dagegen schon.“

Stefan Schwarg, Referent beim Berufsverband für Pflegeberufe Nordwest, zufolge rechnen viele Pflegende in den Krankenhäusern mit „einem Szenario wie wir es aus Italien hören“. Er sagte der dpa: „Die Pflegenden haben Angst und Respekt davor, dass dann auch sehr, sehr schwerwiegende Entscheidungen über Leben und Tod auf sie zukommen, wenn sie entscheiden müssen, wen sie vorrangig behandeln und wie sie ihre Ressourcen aufteilen“. Nun sei es wichtig alle nur erdenklichen Reserven zu motivieren mit anzupacken: Teilzeitkräfte könnten aufstocken; Fachkräfte, die in patientenfernen Bereichen arbeiten, könnten in die Krankenhäuser geholt werden. Und auch Medizinstudenten könnten als Helfer mobilisiert werden.

(dpa)