Wehmut und Appelle vor Zechenschließung: NRW und Saarland würdigen das Ende des Steinkohlebergbaus

Wehmut und Appelle vor Zechenschließung: NRW und Saarland würdigen das Ende des Steinkohlebergbaus

Grubenlampen stehen im Plenum, das Steigerlied ertönt, auf der Tribüne sitzen Bergleute in weißen Arbeitskitteln und die Grubenfeuerwehr in leuchtend orangefarbener Kluft. Traurig sind die 120 Kumpel, die am Mittwoch in den Düsseldorfer Landtag gekommen sind, um am Festakt zum Ende des Steinkohlebergbaus in Deutschland teilzunehmen.

40 Jahre hat Ludger Hornberger auf Prosper Haniel in Bottrop gearbeitet. Ende des Jahres schließen die letzten beiden deutschen Zechen in Bottrop und Ibbenbüren. „Das tut schon ein bisken weh“, sagt der 53-Jährige, der sich stolz „Prosperianer“ nennt. „Das kann man nicht einfach so wegstecken.“

Die Politik und die Gewerkschaft IGBCE würdigen in ihren Reden die Verdienste der Kumpel, haben aber auch handfeste aktuelle Botschaften angesichts der jüngsten fremdenfeindlichen Aufmärsche in Deutschland bereit. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und Saar-Regierungschef Tobias Hans (beide CDU) erinnern an die Bergmannstradition des nationalitätenübergreifenden Zusammenhalts unter Tage. Sie danken den Hunderttausenden deutschen und ausländischen Kumpel, die mit der Kohleförderung zur wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik beigetragen hätten. Und sie gedenken der Opfer, die der Bergbau in Deutschland gefordert hat.

Unter Tage sei es nicht darauf angekommen, welche Religion man hatte, sagt Laschet. „Keiner hat gefragt: Gehört der Islam zu Deutschland? Sondern: Kann ich mich auf dich verlassen?“. Der Steinkohlebergbau habe entscheidende Impulse für die Demokratie gegeben und zur europäischen Integration beigetragen. „Dieses europäische Erfolgs- und Friedensprojekt dürfen wir uns in diesen Tagen nicht kaputt machen lassen.“

Für IGBCE-Chef Michael Vassiliadis ist die langjährige Solidaritätsaktion „Mach meinen Kumpel nicht an“ auch ein gesellschaftliches Vorbild. Die Vorgänge der letzten Tage, in denen Rechtspopulisten die Schlagzeilen bestimmten hätten, zeigten, „wie aktuell diese Themen heute sind“. In Zeiten „täglicher Respektlosigkeiten in sozialen Medien und durch Repräsentanten der Demokratie selbst“ gerate das Vertrauen in die hart erkämpften demokratischen Institutionen unter Druck.

Apell von Saar-Ministerpräsident

Doch der Blick geht auch in die wirtschaftliche Zukunft der Kohleregionen. Im Saarland ist der Steinkohlebergbau schon seit 2012 Geschichte, die Kraftwerke werden mit billigerer Importkohle beliefert. Saar-Ministerpräsident Hans appelliert an die in Berlin tagende Kohlekommission, kein zu schnelles Aus für Steinkohlekraftwerke zu beschließen. Kohlekraftwerke hätten in Zeiten des Energiewandels eine wichtige Brückenfunktion. „Deswegen darf es hier nicht zu abrupten Veränderungen kommen, denn weiterhin brauchen wir die Kohle.“ Die Kommission soll bis Ende des Jahres einen Pfad für den Ausstieg aus der Kohleverstromung festlegen.

Aber auch die Kritiker des Steinkohlebergbaus melden sich zu Wort. Der Landesverband Erneuerbare Energien NRW warnt vor „nostalgischer Verklärung“. Der Bergbau sei „mit erheblichen Eingriffen und langfristigen Folgen für Klima und Umwelt verbunden“. NRW müsse sich in den nächsten zwei Jahrzehnten zur „modernsten und umweltfreundlichsten Energieregion Europas“ entwickeln. Für die Beschäftigten aus der Kohle böten sich damit neue Perspektiven.

Auch Hausbesitzer in den Bergbau-Regionen sorgen sich um die Spätfolgen. Sie befürchten Hebungen der Erde und eine Grundwasserbelastung durch den kontrollierten Grubenwasseranstieg in stillgelegten Flözen. So sitzt zwischen den Bergleuten auf der Plenartribüne auch ein Vertreter des Landesverbandes Bergbau-Betroffener (LVBB). Der Verband fordert eine umfassende Absicherung gegen künftige Umwelt- und Gebäudeschäden.

(dpa)
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