1. Region

„Rentner Cops“: NRW stellt pensionierte Mordermittler für „cold cases“ ein

„Rentner Cops“ : NRW stellt pensionierte Mordermittler für „cold cases“ ein

Ein ungelöster Mordfall quält Angehörige und Ermittler. Dabei erlaubt moderne Kriminaltechnik oft noch nach Jahrzehnten Aufklärung. Doch wer hat Zeit für die Alt-Fälle? Pensionierte Mord-Ermittler, heißt die Antwort aus NRW. Gesucht werden: „Die Besten der Besten“.

Nordrhein-Westfalen erprobt neue Wege bei der Aufklärung von Tötungsdelikten, die lange Zeit nicht gelöst werden konnten – sogenannte Cold Cases. Das Land werde 28 pensionierte Alt-Ermittler einstellen, um solche Fälle neu aufzurollen, kündigte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Freitag in Düsseldorf an. Das zunächst auf ein Jahr ausgelegte Projekt sei einmalig im deutschsprachigen Raum, sagte der Direktor des Landeskriminalamts (LKA), Ingo Wünsch.

„Wir suchen Leute mit einer immer noch guten Spürnase, die Lust haben, jeden Stein noch mal umzudrehen, um die Täter zu kriegen“, sagte Reul. Fünf seien schon in der Auswahl. Neben der Identifizierung neuer Ermittlungsansätze, die sich auch aus moderner Kriminaltechnik ergeben könnten, sollten die pensionierten Mordermittler helfen, alle 1160 seit 1970 ungelösten Tötungsdelikte in digitalisierter Form in die „Cold-Case-Datenbank“ des LKA einzuspeisen. Sie war 2017 aufgebaut worden und ist nach Angaben des Ministers in ihrer Systematik bundesweit einzigartig.

Bislang seien dort schon 261 Altfälle aufgenommen worden. Davon seien 23 inzwischen neu aufgerollt und zwei Täter wegen Mordes verurteilt worden. So konnte etwa – rund 27 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod – endlich der Mord an einer 16-jährigen Dortmunder Schülerin im vergangenen Januar mit lebenslanger Haft bestraft werden. Der „Cold Case“ war neu bearbeitet worden und dank neuester medizinischer Analyse-Methoden hatte eine alte Hautschuppe doch noch zum Täter geführt.

„Die Täter sollen sich fürchten müssen“

Die Ressourcen für diese extrem wichtige Aufklärungsarbeit reichten aber nicht, stellte Reul fest. „Bei der Geschwindigkeit werden wir nie fertig.“ Mehr Personal und eine „Cold-Case-Sonderkommission“ könnten das beschleunigen. „Die Angehörigen und die Öffentlichkeit haben ein Recht darauf, dass die Fälle aufgeklärt werden“, erklärte er die Initiative. „Die Täter sollen sich fürchten müssen.“

Etwa im Mordfall Claudia Ruf: Die damals Elfjährige war vor 25 Jahren im rheinischen Grevenbroich entführt, sexuell missbraucht und umgebracht worden. Ihre Leiche wurde 70 Kilometer entfernt auf einem Feldweg in Euskirchen gefunden. An ihr konnte DNA sichergestellt werden, die vom Täter stammen dürfte. Vor mehr als eineinhalb Jahren hatten sich die Ermittler auch diesen „Cold Case“ wieder vorgenommen und einen großen DNA-Massentest gestartet. „Das Ende ist noch offen“, bilanzierte Reul. „Fälle wie diese lassen einen nicht los.“

Das sei das Schicksal aller Mordermittler, berichtete der Leiter der „Zentralstelle Cold Case“, Andreas Müller. „Wir vergessen die Opfer nicht. Wir vergessen nicht, was die Täter getan haben.“

Er habe noch am Freitagmorgen mit dem Vater von Claudia Ruf telefoniert und ihn vorgewarnt, dass der Fall im Zusammenhang mit der neuen Ermittlungsinitiative thematisiert werde, berichtete Müller. Claudias Vater habe ihm versichert, er sei sehr froh, dass der Fall erneut aufgerollt worden sei. Es gehe ihm nicht um Sühne, sondern um Gewissheit.

„Wenn Sie erahnen können, was das heißt, wenn Sie als Vater die Nachricht bekommen, dass Ihre Tochter geschändet und tot aufgefunden worden ist, dann haben wir die verdammte Pflicht, dranzubleiben“, unterstrich der Kriminalist, der sich seit 30 Jahren in Fallanalysen vergräbt und selbst Mord-Ermittler war.

Deshalb würden nun „die Besten der Besten“ der pensionierten Kollegen angesprochen, um ihren Erfahrungsschatz zu heben. Sie werden allerdings nicht an „eigenen“, einst ungelösten Fällen arbeiten, sondern sollen im Zusammenspiel mit „Fall-Paten“ aus den 16 für Tötungsdelikte zuständigen Kriminalhauptstellen unvoreingenommen und mit frischem Blick Akten und Asservate neu betrachten. Es gebe bereits Untersuchungstechniken, die Ermittlern bald erlaubten, zu ermitteln, ob der letzte Blutstropfen eines Opfers aus dem Herzen oder einem anderen Organ stamme - was in der Beweisführung von Bedeutung sein könne, erklärte Müller.

Digitalisierung aufwendig aber nötig

Die Digitalisierung der „Cold Cases“ sei enorm aufwendig, aber halte alle Fälle recherchierbar, unterstrich LKA-Direktor Wünsch. Akten dürften nicht mehr verschimmeln und Asservate nicht durch unsachgemäße Lagerung kaputtgehen. Wenn fortwährend Papierakten bewegt werden müssten, passiere zu wenig, stellte Müller fest: „Der Cold Case wird immer kälter.“

Bei der jetzt notwendigen Priorisierung der Aufarbeitung spiele unter anderem die Verjährungsgefahr bei Tötungsdelikten eine Rolle, bei denen keine objektiven Mordkriterien begründbar seien, erläuterte er. Nur Mord verjährt nie.

Vielleicht seien einige Rechtsnormen inzwischen aber auch verstaubt: „Warum muss ein besonders schwerer Fall eines Totschlags, der mordgleich ist, nach 20 Jahren verjähren?“, fragte Müller. Ebenso stelle sich die Frage, warum zwei Jahre nach dem Tod eines Mörders Unterlagen zur DNA und andere Spuren gelöscht werden müssten. Dies sei nicht hilfreich bei der Bearbeitung weiterer „Cold Cases“. Ob es hier gesetzgeberischen Handlungsbedarf gebe, werde das Projekt zeigen, antwortete Reul.

(dpa)