Düsseldorf: NRW kämpft zum Schulstart 2018 verstärkt gegen Lehrermangel

Düsseldorf : NRW kämpft zum Schulstart 2018 verstärkt gegen Lehrermangel

Das neue Schuljahr 2018/19 startet in Nordrhein-Westfalen mit einem massiven Lehrermangel. Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) legte am Freitag in Düsseldorf ein Bündel neuer Maßnahmen vor, mit denen Lehrkräfte angeworben werden sollen. „Auf jeden Lehrer kommt es an”, sagte die Ministerin. Auf die Schulen kommen zudem einige Neuerungen zu.

Die Details:

Lehrermangel: In den nächsten zehn Jahren fehlen nach Berechnungen des Ministeriums an allen Schulformen außer Gymnasien in NRW insgesamt rund 15 000 Lehrkräfte. Dagegen wird es an Gymnasien rund 16 000 Bewerber zu viel geben. „Wir wollen Angebot und Nachfrage wieder ins Lot bringen”, sagte Gebauer.

Derzeit sind von den im Sommer gut 9600 ausgeschriebenen Stellen knapp 3700 noch nicht besetzt. Vergangenes Jahr war noch etwa jede zweite offene Stelle vakant. Am stärksten sind Grundschulen vom Lehrermangel betroffen: Jede zweite offene Stelle ist nicht besetzt. Im Vergleich der NRW-Regionen fehlen vor allem im Ruhrgebiet Lehrkräfte, im Regierungsbezirk Detmold oder in Münster herrscht dagegen kein Mangel.

Maßnahmen: Der Bewerberkreis für Seiteneinsteiger wird erweitert. Künftig können sich auch Fachhochschulabsolventen mit Masterabschluss auf eine Lehrerstelle bewerben. Einstellungen an Grund-, Haupt- und Realschulen sollen mit kurzfristigen Verbeamtungsperspektiven attraktiver werden.

Gebauer hat nach eigenen Angaben rund 5000 Oberstufen-Lehrkräfte schriftlich gebeten, sich auf Stellen der Sekundarstufe I, also niedrigeren Klassen zu bewerben. Ihr Angebot: Die Lehrer bekommen die Zusage, dass sie nach vier Jahren in die Sekundarstufe II wechseln können. Außerdem würden zusätzlich 650 Stellen für Oberstufen-Lehrer an Gesamtschulen geschaffen.

Schon 2017 hatte Gebauer in einem ersten Maßnahmenpaket Oberstufen-Lehrern zunächst die Möglichkeit eröffnet, an Grundschulen zu arbeiten. Doch nur 153 von etwa 2400 angeschrieben Lehramtsanwärtern nahmen das Angebot an. Der Grund könnte im Gehaltsunterschied liegen.

Auch Pensionäre sollen durch finanzielle Anreize wieder stundenweise für den Schuldienst gewonnen werden. Bis Ende 2019 ist die Hinzuverdienstgrenze ausgesetzt. Das Ministerium möchte die Aussetzung verlängern. Der Ruhestand von verbeamteten Lehrern soll bis zu drei Jahre hinausgeschoben werden können. Großen Zulauf erwartet Gebauer bei den Ruheständlern allerdings nicht. Sie kündigte weitere Maßnahmenpakete an.

Unterrichtsausfall: Die öffentlichen Schulen in NRW müssen von nun an den Unterrichtsausfall digital erfassen. Erste Daten sollen noch im Laufe des Schuljahres zur Verfügung gestellt werden. „Statistik allein bekämpft keinen Ausfall, aber wir brauchen verlässliche Daten”, sagte Gebauer.

Offener Ganztag: Fast die Hälfte der Grundschüler hat im vergangenen Schuljahr am Offenen Ganztag (OGS) teilgenommen. Seit diesem Jahr ist die Teilnahme flexibler möglich. OGS-Kinder können am Nachmittag auch an regelmäßigen außerschulischen Aktivitäten in Sportvereinen oder Musikschulen, Kirchen und Jugendgruppen teilnehmen. Die Zahl der OGS-PLätze wird zwischen 2017 und 2019 um 16 000 auf 323 000 Plätze erhöht. Hinsichtlich der Pläne der Bundesregierung, bis 2025 einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen einzuführen, „tappen die Länder noch in völliger Dunkelheit”, sagte Gebauer.

G9: Noch nicht in diesem, aber im kommenden Schuljahr 2019/20 beginnt in NRW die Umstellung vom acht- auf das neunjährige Gymnasium. Erste G9-Jahrgänge werden dann die Fünft- und Sechstklässler sein. Gebauer will in Kürze die Kernlehrpläne vorstellen. Die Bau- und Ausstattungskosten für G9 werden auf eine halbe Milliarde Euro geschätzt. Zusätzliche Räume würden aber erst 2025/26 benötigt, sagte Gebauer. Daher bekämen die Kommunen dafür erst ab 2022 Geld. Außerdem werden im Laufe der Umstellung rund 2300 zusätzliche Lehrer gebraucht. Angesichts des Bewerberüberhangs an Gymnasien sieht Gebauer keine Personalnot.

Islamischer Religionsunterricht: In sechs Jahren ist die Zahl von 1800 Schülern an 33 Schulen laut Gebauer auf zuletzt rund 19.000 Schüler an 234 Schulen gestiegen. Insgesamt gebe es in NRW rund 400.000 muslimische Schüler. Die Zahl der Lehrkräfte, die an der Uni Münster ausgebildet werden, stieg von anfangs gut 40 auf mehr als 240. Personalmangel gebe es hier nicht, sagte Gebauer.

Schulstatistik: Der Unterricht für die meisten der rund 2,5 Millionen Schüler und 198.000 Lehrer in NRW beginnt an diesem Mittwoch. Die rund 156.000 Erstklässler werden einen Tag später eingeschult. In NRW gibt es rund 5500 Schulen.

Reaktionen: Der Lehrerverband VBE forderte im Kampf gegen den Personalmangel gleichen Lohn auch für Grundschul- und Sekundarstufe-I-Lehrer. Lehrkräfte flexibel auf die Schulformen zu verteilen, sei nur eine Notlösung. Seiteneinsteiger dürften nicht unzureichend vorbereitet zum Einsatz kommen. Die SPD sprach beim Ruheständler-Programm von einer „Verzweiflungstat”.

(dpa)
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