Aachen: NRW-Elternschaft: Schule soll mehr Wissen vermitteln

Aachen : NRW-Elternschaft: Schule soll mehr Wissen vermitteln

Die Elternverbände in Nordrhein-Westfalen haben erbittert für die Wiedereinführung des Abiturs nach neun Jahren (G9) gekämpft. Nun soll es kommen.

Unsere Redakteurin Madeleine Gullert sprach mit Dieter Cohnen über die Abkehr vom „Turbo-Abitur“, die seit etwa einem Jahr amtierende NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) und deren Vorgängerin Sylvia Löhrmann (Grüne). Cohnen ist Aachener und stellvertretender Vorsitzender der Landeselternschaft NRW an Gymnasien.

Dieter Cohnen möchte bei der Gestaltung der Lehrpläne mitreden. Foto: Cohnen

Herr Cohnen, Sylvia Löhrmann ist seit einem Jahr nicht mehr Schulministerin. Yvonne Gebauer hat sie abgelöst. Wie bewerten Sie die Schulpolitik heute?

Cohnen Um es deutlich zu formulieren: Frau Gebauer konnte fast schon mit Nichtstun eigentlich alles nur besser machen. Es war aus meiner Sicht eine katastrophale Schulpolitik, die Frau Löhrmann sowohl im Bereich Inklusion als auch im Bereich gymnasiale Schulqualität zu verantworten hat. Ich hatte immer das Gefühl, dass Rot-Grün eigentlich die Einheitsschule anstrebt. Yvonne Gebauer hingegen hat sich klar für das Schulsystem, das wir in NRW haben, ausgesprochen. Aber: Sie hat angesichts des Scherbenhaufens der Vorgängerin dicke Bretter zu bohren und sicher auch noch die ein oder andere personelle Löhrmann-Altlast im Ministerium, die den Neuanfang schwerer macht.

Wie meinen Sie das?

Cohnen: Nun, das spüren wir beispielsweise beim gerade verabschiedeten G9-Gesetzentwurf. Dort hat die verpflichtende Abschlussprüfung nach der zehnten Klasse Eingang gefunden, die ZAP10. Ein überflüssiger Unsinn, gegen den wir uns vehement gewehrt haben.

Warum?

Cohnen: Das ist aus unserer Sicht der verkappte Versuch, aus dem Gymnasium mittel- und langfristig eine Art Gesamtschule 2.0 zu machen. Das Gymnasium hat aber ausschließlich einen Bildungsauftrag — in allen Bundesländern: Es soll zur Allgemeinen Hochschulreife führen.

Früher hatte man nach der 10 aber auch den Realschulabschluss.

Cohnen: Ja, mit der Versetzung in die 11. Klasse hatte man diesen Abschluss automatisch — und zwar ohne weitere Prüfung. Man ging und geht zu Recht davon aus, dass die Bildungsqualität am Gymnasium die höchste ist.

Sind Sie denn sonst mit den Plänen zu G9 zufrieden?

Cohnen: Generell ja, aber es ist noch ein langer Weg. Wir möchten gern in die Erstellung der Kernlehrpläne eingebunden werden. Die Erstellung sollte nicht nur beim Landesinstitut Qualis in kleinen Gruppen stattfinden. Die Kompetenz der Lehrerverbände und auch die Expertise der Elternverbände und der Landesschülervertretung sollte berücksichtigt werden.

Was wünschen Sie sich inhaltlich? Manche G9-Initiative wünscht sich quasi das Abitur von 2004 zurück.

Cohnen: Die Forderung danach, dass man Pferde wieder erlaubt, heißt nicht, dass man wieder mit der Kutsche fährt und Autos verbannt. Es wäre absoluter Unsinn, ein G9 einzuführen, das nur die Kopie des alten Abiturs ist. Wir möchten ein neues, gutes, zeitgemäßes G9. Dazu gehört auch zum Beispiel die Frage danach, ob wir ein Fach Wirtschaft brauchen.

Und?

Cohnen: Dazu sage ich ganz klar: Nein. Das ist durch die vorhandenen Fächer wie Sozialwissenschaften bereits abgedeckt. Es wäre wichtiger, stärker über das Thema Informatik zu reden.

Eine häufig geführte Diskussion inhaltlich ist jene um Kompetenzlernen oder das Lernen von Inhalten. Ist das zu abstrakt?

Cohnen: Das ist kein abgehobener Streit. Die von der OECD geförderte Kompetenzorientierung widerspricht unserer Vorstellung von selbstständig denkenden Menschen. Diese Tendenz zur reinen Kompetenzorientierung finde ich beängstigend. Als Montessori-Schüler habe ich immer nach dem Motto Hilfe zur Selbsthilfe gelernt. Dazu gehört aber nicht nur, dass ich weiß, wo Wissen zu finden ist, sondern auch, dass ich es selbst kenne — also Inhalte tatsächlich gelernt habe.

Und das ist beim Kompetenz-orientierten Lernen nicht gegeben?

Cohnen: Nein, Wissen ist da nachrangig. Ich empfinde es so, dass da eine Problemlöser-Generation herangezogen wird. Ich bin der Meinung, dass man früher gelernt hat, Entscheidungen zu fällen aufgrund von solidem eigenen Wissen, durch Hinzuziehung weiterer Kenntnisse und der Fähigkeit, diese zu kombinieren. Heute werden Schüler darauf reduziert, die Aufgabe eines Lösers von Einzelproblemen zu erlernen. Man kreiert dann nicht mehr selbst, problematisiert keine eigenen Fragestellungen, sondern sucht sich verfügbares Wissen zusammen, reduziert die Anwendung dieses Wissens auf dieses eine Problem und lernt dabei nicht, selbstständig über das Problem hinaus zu denken. Wir haben Wissen, also Inhalte gelernt und das Wissen, es anzuwenden. Ich propagiere nicht den alten Frontalunterricht, aber ich erlaube mir den Hinweis: Wir waren eine der größten Wissenschafts- und Innovationsnationen weltweit. Eine anerkannte Bildungsnation. Und dann kam Pisa, und plötzlich waren unsere Kinder doof?

Ein bisschen mehr reine Wissensvermittlung kann nicht schaden?

Cohnen Wir wären in der Menschheitsgeschichte jedenfalls nicht so weit gekommen, wenn nicht Menschen ihr Wissen weitergegeben und Bücher geschrieben hätten. Heutzutage sagt man im Sinne der Kompetenzorientierung: Schau, da ist der Bücherschrank. Da sind Bücher, die dir helfen können. Ich bin mir nicht sicher, ob das zielführend ist. Schließlich muss ich verstehen können, was drin steht.

Schauen wir auf das andere große Streitthema in der Schulpolitik, die Inklusion. Wie bewerten Sie den Vorstoß, die Inklusion an einigen Schulen zu bündeln?

Cohnen: Nun ja, vor allem die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft scheint der Verteidiger des Inklusionsgedankens von Frau Löhrmann zu sein und ist dagegen. Aber Inklusion nach dem Gießkannen-Prinzip funktioniert nicht. Ich habe viele Eltern von Kindern mit Förderbedarf kennengelernt, die mir sagten: Was bis jetzt stattfindet, ist eine Katastrophe für Kinder, Lehrer und Eltern. Wir wollen Inklusion, aber nicht auf dem Rücken der Kinder. Wer eine Behinderung hat, aber zielgleich mit den nicht behinderten Kindern das Abitur erwerben kann, der soll das auch machen. Das war übrigens immer schon so. Gymnasien haben sich nie gegenüber Kindern verschlossen, die zielgleich das Abitur erwerben wollten. Immer zu sagen, dass die Inklusion doch in anderen Ländern toll funktioniert, hilft uns nicht weiter.

Funktioniert es denn in anderen Ländern, weil die Kinder dort ohnehin länger gemeinsam lernen und es kein so gegliedertes Schulsystem wie hier gibt?

Cohnen: Sicher nicht in erster Linie deshalb, sondern vor allem, weil die Klassen zum Beispiel in Skandinavien viel kleiner sind. Außerdem gibt es zwei Lehrer pro Klasse. Wenn man in jeder Klasse an einer Regelschule zwei Lehrer hat, von denen einer fähig ist, auf den Förderbedarf der behinderten Kinder einzugehen, wird sich niemand gegen Inklusion an allen Regelschulen wehren. Aber wir haben in Deutschland ein Ressourcenproblem, weil wir nicht genug Sonderpädagogen haben. So lange diese Situation aber so ist, wie sie ist, muss man die Inklusion auf Schwerpunktschulen beschränken, damit die Kinder mit Förderbedarf wirkliche Inklusion erleben können.

Die Holzhammermethode von Frau Löhrmann oder diesem GEW-Bündnis, das sich vor einigen Wochen gegründet hat, bei dem alle Förderschulen abgeschafft werden sollen, ist ein Verbrechen an den Kindern. Frau Gebauers Pläne der Bündelung sind deshalb ein erster Schritt in die richtige Richtung.

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