Notdienst in Tierkliniken in NRW gefährdet

Zu teuer, zu wenig Personal : Notdienst in Tierkliniken gefährdet

In NRW haben zwei bekannte Tierkliniken ihren Notfalldienst geschlossen. Die Branche leidet unter Fachkräftemangel und hohen Kosten. Behandlungen sollen erheblich teurer werden.

Der Fachkräftemangel und finanzielle Probleme bedrohen vielerorts die tierärztliche Notdienstversorgung. „Wir haben in Nordrhein-Westfalen und bundesweit ein Problem damit, dass Tierkliniken keinen nächtlichen Notdienst mehr anbieten können“, sagte Karl-Heinz Schulte, stellvertretender Präsident des Bundesverbands praktizierender Tierärzte (BPT) und Vorsitzender des BPT-Landesverbands Nordrhein, auf Anfrage unserer Zeitung. „Nur noch wenige Tierärzte sind bereit, Nacht- und Wochenenddienste zu übernehmen. Vielen sind die Vereinbarkeit mit der Familie und die Work-Life-Balance wichtiger.“

Der Tierärzte-Verband sieht die Entscheidung, ob eine Klinik einen Notdienst anbietet, außerdem zunehmend als Kostenfrage. „Wegen der Nachtdienstzuschläge kommen mindestens 60.000 Euro zusätzlich pro Monat auf Kliniken mit 24-Stunden-Bereitschaft zu“, sagte Schulte. Aus diesem Grund fordert der Verband bundesweit eine Gebühr von 100 Euro, die jeder Kunde bei einer Behandlung im Notdienst zahlen muss. Zudem will der BPT den Gebührensatz für Behandlungen im Notdienst verdoppeln: vom dreifachen auf den sechsfachen. Zudem überlegt der Verband, die „Nacht-Grenze“ um eine Stunde zu verschieben, sodass Tierarztpraxen bis 23 Uhr geöffnet sein können.

„Zum Glück brauchen wir bislang keinen Sicherheitsdienst“

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat jüngst einen Entwurf zur Änderung der Verordnung in Umlauf gebracht. Das Papier sieht nach Angaben von Schulte die Einführung einer Gebühr in Höhe von 50 Euro für Behandlungen im Notdienst vor. Außerdem sollen Tierärzte im Notdienst den vierfachen Gebührensatz verlangen dürfen, und der zweifache Satz soll im Notdienst der Mindestsatz werden.

„Diese Erhöhung liegt zwar unter unserer Forderung, ist aber ein erster Schritt in die richtige Richtung“, sagte Schulte: „Das Ministerium hat den Ernst der Lage erkannt.“

NRW ist das einzige Bundesland, in dem im Heilberufegesetz nicht vorgeschrieben wird, dass ein Tierarzt auch einen Notdienst anbieten muss. Das übernehmen Tierkliniken. Im Gegensatz zu einer Tierarztpraxis muss eine Tierklinik eine 24-Stunden-Bereitschaft gewährleisten – auch am Wochenende. Kliniken sind in der Regel spezialisiert auf Kleintiere, Pferde oder Nutztiere. Außerdem sind sie meist besser ausgestattet, vor allem für Operationen.

Im Dezember 2018 hat die Tierklinik Düsseldorf-Zentrum ihren nächtlichen Notdienst eingestellt. Seit dem 1. Juli heißt zudem die ehemalige Tierklinik Asterlagen in Duisburg nur noch „Kleintierzentrum“ – sie hat ihren Klinik-Status verloren und ist nun nachts geschlossen. Düsseldorf und Duisburg sind nach Einschätzung des BPT keine Einzelfälle. „Ich gehe davon aus, dass weitere Tierkliniken in NRW ihre 24-Stunden-Bereitschaft einstellen werden“, sagte Schulte.

Der Aachener Veterinär Gerhard Staudacher, der die einzige Tierklinik innerhalb der Städteregion Aachen und den Kreisen Düren und Heinsberg betreibt, erklärte auf Anfrage unserer Zeitung, dass es bei ihm „bisweilen zugeht wie in den Notaufnahmen der Krankenhäuser. Zum Glück brauchten wir bislang keinen Sicherheitsdienst“, sagte Staudacher. Die Lage der Patientenversorgung sei „brisant“. Um des Ansturms Herr zu werden, hat Staudacher zwei weitere Tierärzte eingestellt. Seit Montag sei zudem ein neuer Schichtdienstplan in Kraft, „der das Personal aufstockt“, sagte Staudacher weiter.

Ein selten erwähnter Aspekt sei zudem, dass die Gewerbeaufsichtsämter in der Tiermedizin die Arbeitszeitverordnung besonders streng umsetzten. In der Humanmedizin hingegen gelten spezielle, eher großzügige Arbeitszeitregeln, „die den Spielraum der Kliniken deutlich erhöhen“. Die Tierkliniken würden damit „noch deutlich stärker belastet als die Krankenhäuser“, sagte Staudacher. „So geht ein erheblicher Teil der Klinikaufgaben auf hohe Strafen zurück.“

Die Tierärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe haben zu Jahresbeginn „dem Petitionsausschuss des Landtags gegenüber verdeutlicht, dass eine umfassende tierärztliche Versorgung bei Wochenend- und Nachtdiensten im gesamten Land sichergestellt sei“, teilte das NRW-Umweltministerium auf Anfrage mit. Der zuständige Ausschuss hat eine Anhörung dazu noch in diesem Jahr beschlossen. Danach will das Ministerium mögliche Schritte prüfen.