Herzogenrath: Noch heißere Berufe in der Hitze: Verstaubt, verbrannt, gegrillt und geröstet

Herzogenrath : Noch heißere Berufe in der Hitze: Verstaubt, verbrannt, gegrillt und geröstet

Der Anblick liegt irgendwo zwischen dichtem Großstadtsmog und Rallye Dakar, wenn Andi Mertens mit Rüttelplatte im Schraubgriff in einem kleinen Sandsturm durch die brütende Hitze gewatet kommt. Mertens, 34, ist Straßenbauarbeiter. Straßenbau ist kein Job für Zartbesaitete, das ist kein Geheimnis. Straßenbau bei 39 Grad verlangt allerdings noch mal eine extra Schippe Kondition.

Die L223 in Höhe des Schulzentrums Herzogenrath wird gerade erneuert, der Straßenverlauf der Landstraße in Teilen verändert. Es gleicht einem Abenteuer, den eigenen Körper auf der Baustelle — bei massiver körperlicher Arbeit und brütender Hitze — schön frisch und leistungsfähig zu halten. Auch die sandige, aufgrund der langen Trockenheit extrem staubige „Arbeitsoberfläche“ macht den Männern zu schaffen. Mertens ist aus Herzogenrath und arbeitet derzeit quasi vor seiner Haustüre. Seit zwei Jahren ist er bei der Truppe, die derzeit die L223 verarztet.

Auf die Frage, was ihm lieber sei, deutlich über 30 Grad und trockene Hitze oder 15 Grad bei Nieselregen, überlegt er keine Sekunde: „Ganz klar: die 15 Grad und Nieselregen. Wenn ich‘s mir aussuchen könnte, wären es 18 Grad und bewölkter Himmel. Im Straßenbau ist das besser als alles andere. 20 Grad sind schon zu viel, und so viel Sonne sowieso.“ Die beliebtesten Arbeiten auf der Baustelle bei den aktuellen Witterungsverhältnissen seien ganz klar jene, die weniger körperliche Anstrengung erforderten. „Am liebsten die Planungen“, erklärt er. Viel trinken als eine der Maßnahmen, um sich vor der Trockenheit zu schützen, versteht sich von selbst.

Die Strabag, Mertens Arbeitgeber, gibt auf ihre Arbeiter Acht, stellt kostenlos Wasser und Sonnenschutzmittel zur Verfügung und hat außerdem die Arbeitszeiten nach vorne verlegt: statt 7 Uhr geht es um 6 Uhr los, dafür ist hinten raus dann früher Schluss. So bleibt gewährleistet, dass das Teilstück und damit die Zufahrt zum Schulzentrum Herzogenrath bis zum Ferienende am 28. August wieder erreichbar ist

Andi Mertens trägt eine Schirmmütze mit Nackenschutz und Sonnenbrille. Die Handschuhe lassen sich an der Rüttelplatte kaum vermeiden und auch die lange Hose muss sein. Und Jobs, die Mertens bei 39 Grad nicht vermissen würde? Wieder überlegt Mertens nicht lange: „Kies schippen und Handausschachtungen und alles, was harte körperliche Arbeit bedeutet.“

Heinsberg-Oberbruch

Schweißperlen kullern Thomas Lang die Stirn herunter. Mit einem Heißluftfön schmelzt er die Kante einer Bitumenfolie, um sie zu verkleben. Der Dachdecker der Heinsberger Firma Bedachungen Volker Zelissen ist an der Dämmung eines Neubaus in Oberbruch zugange. Die Sonne brennt ihm auf den Rücken. 41,4 Grad zeigt das Thermometer an, das wenige Meter neben ihm steht. Und das um kurz vor zehn Uhr morgens.

Auch in der Vergangenheit habe es ähnlich heiße Sommer gegeben, erzählt der 57-Jährige, der bereits seit 40 Jahren als Dachdecker arbeitet. „Aber an diese Wärme kann man sich einfach nicht gewöhnen.“

Bis zu 800 Grad Celsius heiß kann die Luft, die der Fön ausstößt, werden. Und die schwarze Folie zieht die Hitze der Sonnenstrahlen regelrecht an. „Das Gewebe wird teilweise so heiß, das kann man gar nicht mehr anfassen dann“, berichtet Lang. Bei den Temperaturen, die in den vergangenen Wochen in Heinsberg herrschten, eine Herausforderung für den Körper. „Wenn ich nach Hause komme, bin ich einfach nur platt. Viel machen kann man da nicht mehr“, erzählt er.

Die Haut brennt bei der Arbeit auf dem Dach, der Schweiß rinnt an dem Handwerker herunter. Lang hat sich ein nasses Handtuch in den Nacken gelegt. Das soll zumindest für ein klein wenig Abkühlung sorgen. Um sich die Haut an den Knien nicht zu verbrennen, kniet er bei den Schweißarbeiten auf einer Styroporplatte. Knieschoner? Keine Option. „Die würden nur stören. Bei dem Wetter schwitzt man in den Kniekehlen. Das scheuert nur“, sagt er. Lange Hosen mit eingearbeiteten Schonern hätten sie, wirft ein Kollege ein. Aber das wäre ja definitiv zu viel Stoff für die heißen Tage. Und so versuchen die Dachdecker sich mit Kopfbedeckungen, Sonnenbrillen und Kühlakkus für kalte Getränke gegen die Hitze zu wappnen.

Um noch eine kurze Zeit bei verhältnismäßig kühlen Temperaturen zu arbeiten, fangen sie bereits um halb sieben statt um sieben Uhr morgens an. Acht Stunden dauere ein Arbeitstag, aber bei dem Wetter komme es auch schon mal vor, dass man zwei, drei Stunden früher Feierabend mache. „Unser Chef lässt uns freie Hand. Wenn es zu warm ist, dürfen wir aufhören“, erzählt Lang. Doch die Arbeit müsse ja schließlich gemacht werden, sagt er und beginnt, eine Anekdote zu erzählen: „Vor einigen Jahren habe ich mal auf einem Schieferdach gearbeitet, als es so warm war. Da kann man sich gar nicht vorstellen, wie heiß das wird. Hitzeblasen auf dem Rücken und auf den Armen hatte ich danach.“

Doch neben dem Wetter gebe es auch weitere Herausforderungen auf dem Bau, zum Beispiel die Brennbarkeit von manchen Materialien. Die dürfe man nicht unterschätzen. „In Geilenkirchen habe ich mal auf einem Dach mit einem Brenner gearbeitet und wusste nicht, dass hinter der Oberfläche Holz verarbeitet war. Da fing es plötzlich an zu qualmen“, erzählt er. Und muss bei der Erinnerung daran schmunzeln. Doch ein Feuerlöscher sei immer griffbereit.

Ob er sich angesichts der harten Bedingungen lieber für einen anderen Job entschieden hätte? „Würde ich den Beruf nicht mögen, würde ich ihn nicht schon so lange machen“, sagt er. Und man beschwere sich ja schließlich auch bei jeder Witterung. „Entweder es ist zu kalt. Oder zu warm. Oder es regnet. Man gewöhnt sich daran“, sagt Lang knapp.

Aachen

Wenn die Menschen Nusret Huskic besuchen, gehen sie kurz zu ihm an die Verkaufstheke, geben eine Bestellung auf, um dann umgehend zwei Meter nach hinten auszuweichen, weil es dort mit etwa 38 Grad deutlich kühler ist. Aus sicherer Entfernung beobachten sie dann, wie Huskic halbe Hähnchen oder Putenschenkel fachmännisch von der Achse nimmt, zerlegt und flugs einpackt.

Der 62-Jährige vermutet, dass sein Arbeitsplatz derzeit etwa 50 bis 60 Grad aufweist, wenn alle Grills laufen. Gemessen hat er nie. Warum auch? „Ich kann gut mit der Hitze umgehen“, sagt er. Huskic steht mit seinem Grillwagen vor einem Einkaufszentrum in Aachen, er macht den Job an zwei Tagen in der Woche. So eine Schicht hat dann meistens sechs bis acht Stunden.

Der fröhliche Hähnchengriller senkt die eigene Körpertemperatur mit viel Wasser und mit literweise Milch. „Ich esse während der Arbeit nie etwas“, sagt er, „die Milch ist ein guter Ersatz.“ Er grillt seit ein paar Jahren, so warm wie im Moment war es noch nie, sagt er.

Huskic sieht in diesen Tagen viele Menschen vor seiner Verkaufstheke an, dass sie mit der Hitze nicht gut klarkommen. „Einige leiden“, sagt er, „ich versuche sie dann aufzumuntern.“ Und so wandern die Hähnchen immer noch mit einem coolen Spruch über die Ladentheke: „Die wärmsten Hähnchen der Stadt.“

Jülich

Was er gegen die Hitze in seiner Kaffeerösterei macht? „Schwitzen. So nimmt man auch ab“, sagt Roland Hofmann und lacht. Gute Laune hat der Kaffeeröster, obwohl das Thermometer an seinem Arbeitsplatz 47 Grad anzeigt. Zusammen mit seiner Frau Christina Hofmann betreibt der 51-Jährige die Kaffeerösterei beans & friends in Jülich, in der Gäste gleich den Kaffee trinken können. Aber in diesen Tagen bleiben die Stühle des Cafés meist leer.

„Der Sommer gehört für uns zu der Nebensaison. Bei dem Wetter möchten die Leute eher keinen heißen Kaffee trinken“, erklärt Christina Hofmann. Daher schließt das Ehepaar in den Ferien bereits um 14 Uhr, aber nicht, ohne vorher noch Bohnen geröstet zu haben. Es ist das tägliche Geschäft Roland Hofmanns. Im Sommer sind dabei die großen Glastüren des Ladens weit offen und die dekorative Röstweste aus einem alten Kaffeebohnensack, die er normalerweise anzieht, kommt in den vergangenen Tagen eher selten zum Einsatz. Kurze Hose und T-Shirt sind ausnahmsweise als Dienstkleidung erlaubt.

Eine 15 Kilo schwere Kiste mit noch grünen Bohnen stemmt Hofmann hoch und schüttet den Inhalt über einen Trichter in die große silberne Maschine. Unter Rauschen fallen sie in die Rösttrommel. Im Inneren arbeiten großen Schaufeln und sorgen dafür, dass die Bohnen gleichmäßig mit der Hitze vom Trommelboden versorgt werden. Über 200 Grad heiß wird die Röstmaschine, die entsprechend Wärme abstrahlt. Immer wieder kontrolliert er die Bohnen, die Temperatur und reguliert die Lüftung. „Wegen der Wärme bin ich nass geschwitzt. Dazu kommt die Konzentration. Das ist doppelt schweißtreibend.“

Bevor er die Kaffeeröster-Laufbahn eingeschlagen hat, arbeitete er als Maurer. Ein Job, bei dem man der Sonne ausgesetzt war, aber so ganz „warm“ wie die Rösterei wird er nicht: „Ich glaube, als Europäer gewöhnen wir uns nicht gut daran.“ Dennoch jammern die Hofmanns nicht. Im Gegenteil: „Auch wenn es für das Geschäft nicht so gut ist, wir müssen das Beste daraus machen und genießen einfach das Wetter. Es ist wie im Urlaub“, sagt Christina Hofmann.

Die Maschine piept. Das Signal, dass die Bohnen dunkelbraun sind und gleich zur Abkühlung aus der Rösttrommel entlassen werden. Der Dampf aus der Maschine sucht sich den Weg nach draußen. Das Piepen stoppt und Hofmann öffnet eine Luke, um die heißen Bohnen in das Rondell zu entlassen. Der schwere Röstgeruch verteilt sich über den ganzen Laden — und der Schweiß über das Gesicht des Kaffeerösters.

Mehr von Aachener Nachrichten