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Fall Nicky: Nach 22 Jahren soll nun endlich ein Urteil gefällt werden

Fragen bleiben offen : Nach 22 Jahren endlich ein Urteil im Fall Nicky

Der Fall lässt viele Menschen seit Jahren nicht los: Der kleine Nicky wird tot gefunden. Er wurde missbraucht, sagten die Ermittler. Erst jetzt steht ein Mann vor Gericht. Doch reichen die Beweise aus?

Ein Tag im August 1998: Ein Kind ist aus dem Ferienlager verschwunden. Polizei und Armee suchen mit Hunden und Hubschraubern nach dem niederländischen Jungen Nicky Verstappen. Einen Tag später dann die tragische Gewissheit: Der kleine Nicky ist tot. Er wird auf der Brunssummerheide gefunden, in der Nähe von Aachen. Nicky wurde nur elf Jahre alt.

Schnell ist klar: Der schüchterne Junge ist Opfer eines Verbrechens. Er wurde sexuell missbraucht und getötet, sagen die Ermittler. Die Erschütterung ist groß, auch im benachbarten Deutschland.

Der gewaltsame Tod eines Kindes berührt Menschen und dieser Fall ganz besonders. Bis heute - 22 Jahre später. Erst jetzt steht ein Mann vor Gericht. Der heute 57-jährige Jos B. soll den Jungen entführt, missbraucht und getötet haben. Am Freitag spricht der Richter in Maastricht das Urteil.

Doch echte Gewissheit wird es auch dann nicht geben. Zu viele Fragen sind offen. Die genaue Todesursache konnte nie festgestellt werden und auch nicht, ob Nicky tatsächlich sexuell missbraucht worden war. Auf der Leiche wurden 27 DNA-Spuren sichergestellt, die alle mit der DNA des Angeklagten übereinstimmen sollen.

20 Jahre dauerte es, bis der Verdächtige gefasst und vor Gericht gestellt werden konnte. Und das war nur dank moderner Technik möglich. Kurz vor der drohenden Verjährung 2018 hatten die Ermittler einen letzten verzweifelten Versuch unternommen, dem Täter mit einem Massen-Gen-Test auf die Spur zu kommen. Mehr als 21 000 Männer aus der Region rund um den Tatort beteiligten sich daran. Ihre DNA wurde mit den Spuren auf dem Körper des Jungen verglichen. Und tatsächlich: Über einen Verwandten kam schließlich Jos B. ins Visier der Ermittler. Im August 2018 wurde der Niederländer in Spanien festgenommen.

Jos B. war kein Unbekannter. Er war kurz nach dem Verschwinden von Nicky am Tatort in der Brunssummerheide gesehen worden. Zweimal hatte die Polizei ihn sogar als Zeugen vernommen.

Nach der Festnahme beteuerte der Angeklagte seine Unschuld. Aber er erklärte nicht, wie seine DNA auf Nickys Körper gekommen war. Erst vor dem Richter brach er sein Schweigen. Er habe den Jungen gefunden, sagte der Angeklagte. „Er war gestorben.“

Er habe überprüfen wollen, ob der Junge noch atmete und ob man bei ihm noch den Puls fühlen konnte. Dafür habe er ihn umgedreht. Als er gemerkt habe, dass das Kind tot sei, sei er schnell weggerannt. Er habe sich nicht getraut, zur Polizei zu gehen. Denn: „Wer würde mir schon glauben? Ich hatte eine Vergangenheit.“ Jos B. war bereits 1985 wegen sexueller Belästigung von zwei Jungen verfolgt, aber nicht verurteilt worden.

Doch wie glaubwürdig ist diese Aussage? Gar nicht, sagt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. „Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein pädophiler Mann Nicky missbraucht und dann tötet, und dass ein anderer Pädophiler ihn dann findet?“ Der Angeklagte habe auch nicht erklären können, warum die weitaus meisten seiner DNA-Spuren in der Unterhose des Kindes gefunden worden waren.

Die Anklage ist von der Schuld des Angeklagten überzeugt und fordert mindestens 15 Jahre Gefängnis. Alle Indizien bildeten zusammen ein überzeugendes Bild. „Wenn man alles zusammen betrachtet, dann ist keine andere Schlussfolgerung möglich: Jos B. ist schuldig.“ Auch sein Verhalten passe dazu, so die Ankläger: Schließlich sei er geflohen. Und dann habe er noch kurz vor seiner Festnahme besonders gewalttätige Kinderpornografie aus dem Internet heruntergeladen.

Für Jos B. aber ist das alles ein dummer Zufall. „Es war ein schöner Tag“, so erinnerte er sich in seinem Schlusswort. „Doch wie viel Pech kann man haben, dass man jemanden findet, der tot ist.“ Dann bat er die Richter um ein „weises“ Urteil. „Sie beschließen darüber, wie mein weiteres Leben aussehen wird.“

Nur wenige Meter von ihm entfernt saßen die Eltern und Schwester von Nicky im Gerichtssaal. Bitter stellten sie fest, dass Jos B. sie nicht ansah, schwieg und höchstens ausweichend antwortete. Die Familie starrte ihn an. Fassungslos und voller Fragen. „In 22 Jahren sind wir Tausende Male bei seinem Grab gewesen, und immer mit der Frage: Warum, Warum?“, sagte Mutter Berthie Verstappen.

(dpa)