Die Fackel, das Gas und die Diplomatie in Maastricht

Russland will Maastricht helfen : Die Fackel, das Gas und die Diplomatie

Kaum zu glauben, dass von einer niederländischen Provinzhauptstadt internationale Verwicklungen ausgehen könnten, die in die Sphären der Staatschefs Trump, Putin, Rutte und Merkel reichen. Und doch wird genau das zurzeit in Maastricht diskutiert.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht das Denkmal eines Wissenschaftlers und Erfinders, das auf dem Marktplatz der 122.000-Einwohner-Kommune steht, die 1992 zum Geburtsort des Euro wurde. Wie aber schafft es ein Mann, der schon fast 200 Jahre tot ist, eine Verbindung zwischen dem amerikanischen und russischen Präsidenten, dem niederländischen Ministerpräsidenten und der deutschen Bundeskanzlerin herzustellen?

Energieversorger wurd’s zu teuer

Jan Pieter Minckelers, 1748 in Maastricht geboren und 1824 dort gestorben, gilt als Entdecker des zum Beispiel aus Kohle gewonnenen Leichtgases und der damit verbundenen Gasbeleuchtung. 1854 wurde in der Folge in Maastricht die erste Gasleitung für die Straßenbeleuchtung verlegt. 80 Jahre nach seinem Tod, 1904, ehrten die Süd-Niederländer ihren großen Sohn mit einem Standbild auf dem zentral gelegenen Platz, sinnigerweise mit einer Fackel in der Hand. 50 Jahre später entstand die Idee, die Fackel zu entzünden, seitdem brannte die Flamme ununterbrochen.

Bis 2011, als der örtliche Energieversorger Essent als Sponsor ankündigte, dass ihm die Sache zu teuer wurde, immerhin kostete der Spaß 40.000 Euro pro Jahr. Mancher Maastrichter, berichtet die Tageszeitung „De Limburger“, habe sich daraufhin so gefühlt, als ob dem Manneken Pis in Brüssel das Wasser abgedreht würde. Aus Belgien, genauer Lüttich, kam dann 2013 eine für die Stadt kostenneutrale Idee. Ein Künstlerkollektiv schlug vor, einen Automaten aufzustellen, in den Besucher einen Euro werfen können, um das Feuer in der Hand von Jan Pieter Minckelers wieder für einige Minuten zu entzünden. Durchschnittlich passiert das seitdem sechs Mal am Tag.

Bis vor kurzem ein ehemaliger Minister des Glasnost-Präsidenten und Friedensnobelpreisträgers Michael Gorbatschow Maastricht besuchte, der um die historischen Verbindungen zwischen Russland und Maastricht wusste (schließlich war Peter der Große dort im 18. Jahrhundert zu Gast). Er schlug vor, dass Russland das Gas für die Dauerillumination kostenlos liefern könnte. Das Problem nur: Der Energieträger würde aus der umstrittenen Gasleitung Nord Stream 2 kommen, dem deutsch-russischen Riesenprojekt, das den US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump so auf die Palme bringt und zu allem Überfluss noch den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder als Aufsichtsratsvorsitzenden hat.

Ein dicht gespicktes Minenfeld also. Zumal auch die Beziehungen zwischen Russland und den Niederlanden stark unterkühlt sind, seit im Juli 2014 eine KLM-Boeing über der aufständischen Ost-Ukraine durch eine Rakete abgeschossen wurde und 298 Menschen starben, die meisten waren Niederländer.

Die internationalen Verwicklungen bereiten der Stadtspitze und dem Gemeinderat von Maastricht erhebliche Bauchschmerzen. Sie fürchten, wenn sie sich in diese internationalen Wirrnisse begeben, das Erbe von Minckeler zu beschädigen. Vorsichtshalber weisen Bürgermeister und Beigeordnete darauf hin, dass es sich nicht um eine nachhaltige Lösung handele, schließlich handele es sich um einen fossilen Energieträger und mit dem nötigen Gasvolumen für die Statue könnten 45 Haushalte für ein Jahr versorgt werden.

Der russische Generalkonsul Constatijn van Vloten versucht dagegen, die Gemüter zu beruhigen. Zum einen habe Russland nichts mit dem Flugzeugabsturz zu tun, zum zweiten handele es sich um einen zuverlässigen Geschäftspartner, schließlich sei auch im Kalten Krieg unvermindert Gas geliefert worden. „Russland lügt nie, das Land ist korrekt“, zitiert ihn „De Limburger“. Noch sei aber auch in dem Riesenland nichts entschieden, so van Vlogten weiter, erst dann werde er sich weiter für das großherzige Projekt einsetzen.

In Maastricht, so steht in der Abwägung aller Vor- und Nachteile zu erwarten, stehen die Signale eher auf Rot. Pressesprecherin Annelies Boer: „Eine Entscheidung wird nach einem Votum des Stadtrats in der zweiten Aprilhälfte getroffen.“ Wahrscheinlich müssen die Touristen anschließend weiter eine Münze in den Automaten werfen, um Minckelers Fackel zum Leben zu erwecken.

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