US-Nuklearwaffen in der Eifel: „Nichts ist auch für die Umwelt verheerender als ein Atomkrieg“

US-Nuklearwaffen in der Eifel : „Nichts ist auch für die Umwelt verheerender als ein Atomkrieg“

Elke Koller vom „Initiativkreis gegen Atomwaffen“ fordert den Abzug aller US-Nuklearwaffen aus dem Eifelort Büchel. Sie seien eine Gefahr für die Region.

Auf dem Fliegerhorst im Eifelort Büchel werden US-Atomwaffen gelagert. Vermutlich sind es 20 Bomben. Seit Jahren kämpfen der „Initiativkreis gegen Atomwaffen“ und die Kampagne „Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt“ für deren Abzug. Für ihr Engagement erhalten sie am Sonntag den Aachener Friedenspreis. Mit der Sprecherin des Initiativkreises, Elke Koller, unterhielt sich unser Redakteur Joachim Zinsen.

Frau Koller, warum engagieren Sie sich im „Initiativkreis gegen Atomwaffen“ in Büchel?

Dr. Elke Koller: Atomwaffen bedrohen die gesamte Menschheit. Mich ängstigt, dass sie in meiner unmittelbaren Nachbarschaft stationiert sind.

Nimmt am Sonntag für den „Initiativkreis gegen Atomwaffen“ in Büchel den Aachener Friedenspreis entgegen: Elke Koller. Foto: Elke Koller/Rolf Heidorn

 Was genau geschieht auf dem Fliegerhorst in Büchel? Werden die US-Atomwaffen dort nur gelagert?

Koller: Nein, sie werden auch mehrmals im Jahr zu Kontroll- und Wartungsarbeiten aus ihren acht Meter tiefen Gruften nach oben geholt. Das ist ein besonders kritischer Moment. Denn diese Atombomben sind nicht feuerresistent. Wenn es während der Arbeiten in der Nähe zu einer Explosion oder zu einem Terroranschlag kommen sollte, hätte das katastrophale Folgen.

Wozu sind die Bomben vorgesehen?

Koller: Ursprünglich war geplant, sie im Kriegsfall von deutschen Tornados entlang der Grenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR abwerfen zu lassen. Mit einer radioaktiv verseuchten Zone wollte die Nato einen möglichen Vormarsch von sowjetischen Truppen Richtung Westen verhindern. Seit dem Ende des Kalten Krieges haben diese Bomben aber ihren militärischen Sinn verloren. Sie dienen nicht mehr der Abschreckung. Denn wenn die Tornados in Büchel starten, können sie maximal bis Polen fliegen. Dort endet ihre Reichweite.

Der Bundestag hat die Bundesregierung bereits 2010 aufgefordert, für einen Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland zu sorgen. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das bis heute nicht geschehen ist?

Koller: Immer wieder ist zu hören: Wenn die Bomben aus der Eifel abgezogen werden, übernimmt Polen die Waffen, das ist eine noch viel größere Provokation gegenüber Russland, also behalten wir sie lieber hier. Für mich ist das ein Scheinargument mit fatalen Folgen. Denn Büchel bleibt damit im Kriegsfall weiter ein vorrangiges Angriffsziel.

Im laufenden Koalitionsvertrag ist der Abzug der Waffen nicht vereinbart, obwohl ihn der damalige SPD-Chef Martin Schulz während des Wahlkampfs lautstark gefordert hatte.

Koller: Nicht nur ich, sondern auch viele SPD-Wähler sind darüber sehr enttäuscht. Ich befürchte, dass die sozialdemokratische Spitze dieses Thema der CDU/CSU geopfert hat, um andere Forderungen im Koalitionsvertrag verankern zu können. In der Vergangenheit waren wir ein gutes Stück weiter. Im rot-grünen Koalitionsvertrag von 1998, ja selbst im schwarz-gelben Vertrag von 2013 wurde zumindest der Wille bekundet, sich für einen Abzug der Bomben aus Büchel stark zu machen.

Auch dem Atomwaffenverbotsvertrag der UN ist die Bundesregierung bisher nicht beigetreten, obwohl laut einer Umfrage 71 Prozent der Bevölkerung dafür sind. Warum?

Koller: Darüber kann ich nur spekulieren. Ich vermute, dass es mit Rücksicht auf deutsche Banken geschieht. Sie sind in die Produktion vor Atombomben stark eingebunden, indem sie in Rüstungsfirmen wie Airbus oder Lockheed Martin investieren.

Wie groß ist der Rückhalt für ihre Initiative in Bevölkerung rund um Büchel?

Koller: Anfangs wurden wir sehr stark angegriffen. Den Menschen ist erzählt worden: Wenn die Bomben wegkommen, wird der Fliegerhorst dicht gemacht und damit fallen Arbeitsplätze weg. Dieses Drohargument stimmt aber nicht und verfängt immer weniger. Inzwischen erfahren wir eine immer größere Zustimmung auch von den Einheimischen.

Die meisten Deutschen unterstützen ihre Forderung nach einem Abzug der Atomwaffen. Trotzdem schafft es die Friedensbewegung nicht, ähnlich wie die Klimaschutzbewegung hunderttausende junge Menschen für ihr Anliegen auf die Straße zu bringen. Woran liegt das?

Koller: Die Klimaschutzbewegung ist stark geworden, weil inzwischen die Klimaveränderungen und die daraus folgenden Katastrophen hautnah zu spüren sind. Von der Atomgefahr fühlen sich die Jugendlichen noch nicht so stark bedroht. Sie haben halt den Zweiten Weltkrieg oder die Rüstungsdebatte der 80 Jahre nicht erlebt.

Dabei beginnt nach dem Ende des INF-Abrüstungsvertrages gerade ein neuer atomarer Rüstungswettlauf. Trotzdem drängt sich oft der Eindruck auf, dass langjährige Friedensaktivisten bei ihren Protesten weitgehend unter sich bleiben.

Koller: Einspruch! Wir erleben inzwischen, dass in sehr vielen Fridays-for-Future-Veranstaltungen auch über Atomwaffen diskutiert wird. Es beginnt gerade eine Vernetzung der beiden Themen. Das ist naheliegend: Denn nichts ist auch für die Umwelt verheerender als ein Atomkrieg.

Wie optimistisch sind Sie, dass sie ihr Ziel erreichen und die Atombomben demnächst aus Büchel abgezogen werden?

Koller: Wenn ich nicht immer noch optimistisch wäre, hätte ich die 23 Jahre Protest nicht durchgehalten. Ich hoffe immer noch, dass die Menschheit und vor allem unsere Politiker endlich zur Vernunft kommen