Expressionismus: Neugestaltung von August Mackes Wohn- und Atelierhaus in Bonn

Expressionismus : Neugestaltung von August Mackes Wohn- und Atelierhaus in Bonn

Es hätte eine zauberhafte Liebesgeschichte aus dem beginnenden 20. Jahrhundert werden können: wie der junge August die jüngere Elisabeth umwirbt, schließlich heiratet, mit ihr zwei Söhne hat. Wie er am Beginn einer verheißungsvollen Karriere als Maler steht, zwar nur wenige Bilder verkaufen kann, aber Gönner findet, die ihn und seine kleine Familie unterstützen.

Aber dann muss der 27-jährige August Macke in den Ersten Weltkrieg ziehen und fällt dort schon nach wenigen Wochen in Frankreich. Also keine Liebesgeschichte, sondern lediglich eine Episode am Beginn einer neuen Kunstrichtung, des Expressionismus, die wie ein Wirbelwind über die Kunstszene in Deutschland und Europa wirbelt. Und mit Namen wie Paul Klee und Franz Marc und vielen anderen verbunden ist.

Multimedial ausgerichtet

Mit letzteren war Macke freundschaftlich verbunden, Marc starb den Soldatentod ein gutes Jahr später als sein Freund August.

August Macke hat mit seiner Frau Elisabeth vier Jahre in Bonn gelebt. Das ehemalige Wohn- und Atelierhaus ist seit Ende 2017 umgestaltet worden. Ein Anbau ist hinzugekommen und die Dauerausstellung völlig neu konzipiert worden. Multimedial ist sie auf August Macke, sein Leben und Werk, ausgerichtet, Touchscreen ist geradezu selbstverständlich, zudem können immer wieder Schubladen aufgezogen werden, die empfindliche Schätze für Augenblicke aus dem Verborgenen ans Licht holen.

Museumsdirektorin Klara Drenker-Nagels ist stolz darauf, dass mit Hilfe zahlreicher Sponsoren der Bonner Museumslandschaft ein weiteres Schmuckstück hinzugefügt werden konnte: „Am Originalschauplatz erzählt und vermittelt die Dauerausstellung die faszinierende Geschichte Mackes Lebens, seiner Familie, seiner künstlerischen Entwicklung und kulturpolitischen Aktivitäten vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund des Wilhelminischen Kaiserreiches.“

Ein Werk mit Heimatcharakter: Die Marienkirche aus dem Atelierfenster in Bonn gemalt. Foto: Martin Thull

Behutsam wurden die ehemaligen Wohnräume im ersten Obergeschoss des Hauses inszeniert. Die verbleibenden Räume kreisen um unterschiedliche Themen zu Leben und Werk des so vielfältig begabten Künstlers und Kunstvermittlers.

Ein sehr kurzes, aber ereignisreiches Leben. Kurz vor dem Abitur verlässt er die Schule. Zwar hatte der Vater andere Ziele mit seinem Sohn, der aber folgte — so erfahren wir in anschaulichen Darstellungen, in Dokumenten und alten Fotos — seiner Berufung zum Maler. Aber auch die Düsseldorfer Kunstakademie kann ihn nicht halten, „zu konservativ“. Die Kunstgewerbeschule in der heutigen Landeshauptstadt liegt ihm da mehr.

Und er entwirft für das Schauspielhaus Bühnenbilder und Kostüme. Nicht nur das: Zu sehen in einem der vielen Guckkästen ist auch ein Strafzettel der Polizeiverwaltung „wegen groben Unfugs“. Er sei auf das Moltkedenkmal geklettert und habe eine Ansprache gehalten. Das habe zu einem „Menschenauflauf“ geführt. Die Strafe: vier Mark, ersatzweise einen Tag Haft. Nicht überliefert ist, welche Wahl Macke getroffen hat. Übrigens: auch „40 Pfennige Portokosten“ musste er erstatten.

In Bildern neue Welten erschaffen

So ist die Dauerausstellung im Macke-Haus durchaus kurzweilig und informativ, weil der Maler auch in seinem Alltag gegenwärtig wird, seine Freunde, seine politischen Ansichten, seine finanziellen Probleme und vor allem seine Auseinandersetzung mit der Malerei, ihren Möglichkeiten, Formen und Farben neu zu verstehen und diese Erkenntnis auch auszudrücken. „In Bildern neue Welten erschaffen“, so wird Macke zitiert. Und wer sich mit Muße die in Bonn gezeigten Werke anschaut, der vermag spätestens bei den Bildern der Tunisreise zu ahnen, was Macke damit meinte.

Als das junge Paar mit dem kleinen Sohn Walter im Herbst 1910 aus Tegernsee zurückkam, stellte Elisabeths Familie ihnen das spätklassizistische Haus an der Bornheimer Straße in Bonn als neues Domizil zur Verfügung. Es befand sich damals am Bonner Stadtrand und war auf dem großen Firmengelände der Gerhardts, Elisabeths Eltern, gelegen. Elisabeth war 1909 seine Frau geworden, die er bereits zu Schulzeiten kennengelernt hatte. Ihren Bruder wolle er porträtieren, so gab er vor. Mit dieser List verschaffte er sich immer wieder Zugang zu Elisabeths Familie. Kreativ eben auch auf diesem Feld.

Sie wurde seine Frau, die Mutter der beiden Söhne Walter und Wolfgang, aber eben auch seine Muse. Der Besucher findet beispielhaft Gemälde mit ihr als Mittelpunkt „mit buntem Buch“ (1910), „in rotem Kleid“ (1909/10), „schlafend“ (1909) oder „mit Hut“ (1909). Mehr als 200 Mal hat er sie porträtiert. Überhaupt muss Elisabeth Macke eine sehr starke Frau gewesen sein. Als ihr Mann in Frankreich fiel, war sie ebenfalls 27 Jahre alt und musste sich mit zwei kleinen Kindern durchschlagen.

Ihr zweiter Mann Lothar Erdmann wurde im KZ Buchenwald ermordet. Ihr bleibender Verdienst ist es, dass das Werk August Mackes nicht zerfranste, sondern sorgfältig verwaltet wurde. 89-jährig starb sie 1978 in Berlin, nachdem sie bis 1976 im verwinkelten Haus in Bonn gelebt und in mehreren Büchern ihre und Augusts Begegnungen mit vielen Malerfreunden beschrieben hatte.

Eindrucksvoll präsentiert die Ausstellung das Künstler- und Familienleben der Mackes. Im Audioguide liest eine Frauenstimme aus den Aufzeichnungen der Künstlergattin. Sie beschreibt das Familienleben, welche Möbel ihr Mann entworfen und welcher Schreiner sie gebaut hat. Wie sie am Tisch gegessen, gelesen, gespielt und erzählt haben. In Vitrinen werden Sammlerstücke gezeigt, die dann auch auf Bildern wieder auftauchen. Eine Buddhafigur, eine chinesische Vase oder eine Porzellanfigur von Ernst Barlach.

Auf Entdeckungsreise

So kann der Besucher auch selbst auf Entdeckungsreise gehen. Breiten Raum nimmt die „Tunisreise“ ein, die Macke mit Paul Klee und Louis Moilliet im Jahre 1914 unternahm. Und deren Ergebnisse nicht zuletzt zu Mackes Popularität bis heute beitrugen. Kalendern und Postkarten mit den Motiven dieser Reise kann der aufmerksame Zeitgenosse heute kaum noch entgehen.

Dabei ist das Werk durchaus vielfältiger. Allein die Aussichten auf seine unmittelbare Bonner Umgebung wie den Turm der nahegelegenen Marienkirche oder den Bonner Hofgarten sind weitere bekannte Motive. Und zu sehen sind auch Versuche in Bronze und eine Steinmetzarbeit sowie ungezählte Skizzen und Postkarten für Freunde. Schier unerschöpflich war Mackes kreative Arbeitswut.

Das Museum ist nicht eigens gebaut worden, um August Mackes Werk zu präsentieren. Vielmehr bietet das dreistöckige verwinkelte ehemalige Wohnhaus mit dem Atelier im Dachgeschoss einen Eindruck von den damaligen Lebensumständen dieses bedeutenden Expressionisten. Der Neubau hingegen zeigt immer wieder Sonderausstellungen, die in Verbindung zu Macke stehen. Noch bis zum 4. November 2018 „Schnittstelle — Cut-out trifft auf Schattenriss“.

Sie ist der Versuch eines Brückenschlags zur Gegenwartskunst. Herausragend ein Animationsfilm von Lotte Reininger aus dem Jahr 1926, der verblüffende Effekte mit Scherenschnitten zeigt, zehn Jahre vor Walt Disney. Eine Cafeteria lädt zudem — bei schönem Wetter sogar in einem zauberhaften Innenhof — zum Verweilen ein.

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