Aachen: Neues Zentrum für Transplantationen im Klinikum

Aachen: Neues Zentrum für Transplantationen im Klinikum

Jeden Tag hackte der Adler seine Leber aus. Und jede Nacht wuchs sie wieder nach. Höllenqualen musste Prometheus, der Menschenfreund, leiden, und Zeus´ Rache sollte ewig dauern. Doch auch in diesem Mythos haben die alten Griechen einen realen Kern untergebracht.

Kein anderes inneres Organ kann sich selbst so regenerieren. In sechs bis acht Monaten wächst eine Leber wieder vollständig nach, die zu 80 Prozent entfernt worden war. Ulf Neumann ist Spezialist für solches teilweise Herausschneiden (Resektion) der kranken Leber, vor allem aber auch für die Verpflanzung ganzer Organe. Bis Ende April will der neue Chef der Chirurgie ein Leber-Transplantationszentrum im Universitätsklinikum Aachen aufgebaut haben.

Einen dafür besser geeigneten Arzt als den gerade einmal 42-Jährigen hätte das Klinikum für dieses neue Medizin- und Geschäftsfeld vermutlich kaum finden können. Professor Neumann war bis Ende Februar leitender Oberarzt und Stellvertreter eines der weltweit führenden Leberspezialisten, Peter Neuhaus, in der Berliner Charité. Rund 120 Leber-Transplantationen werden dort pro Jahr gemacht, ebenso viele in Hannover und Essen. Insgesamt bieten rund 25 Unikliniken in Deutschland solche Operationen an.

Überlebensrate 70 Prozent

Zwar sei „ein gewisser Standard” seit den 90er Jahren erreicht, sagt Neumann, und immerhin überleben 70 Prozent der Patienten die Transplantation mindestens zehn Jahre. Doch ist die Übertragung einer Leber immer noch eine weit komplexere und aufwendigere Operation als die Verpflanzung etwa einer Niere. Essen ist das nächste Uniklinikum, das solche Eingriffe im großen Stil leistet. Der Einzugsbereich für das künftige Aachener „mittelgroße” Zentrum ist also ziemlich groß, zumal es in Kooperation mit der Uniklinik Maastricht aufgebaut wird. Mit „mindestens 40 bis 50 Transplantationen pro Jahr” in Aachen rechnet Neumann nach etwa fünf Jahren.

Keine Alternative

Chirurgisch sehr aufwendig sind Leberverpflanzungen, die etwa viereinhalb Stunden dauern, weil durch sie die großen Venen des Körpers führen, die Beine also auf Umwegen mit Blut versorgt werden müssen, solange das kranke Organ entfernt ist. Riskant sind sie wegen der Gefahr von Infektionen und Abstoßungen. Ist die OP geglückt, ist andererseits das Problem Immunabwehr dank besserer Substanzen seit einiger Zeit deutlich geringer als bei den ersten Versuchen in den 60er und 70er Jahren. Man braucht auch weniger Immunsuppression als bei Herzverpflanzungen. Wenn allerdings spätere, durchaus auch tödliche Komplikationen auftreten, liegen sie vorwiegend an der nicht gelungenen Immununterdrückung. Trotz aller Fortschritte gibt es noch nicht die in jedem Fall optimalen Mittel.

Nur: Wessen Leber nicht mehr funktioniert, der hat gar keine Alternative als auf eine Transplantation zu hoffen. Etwas Vergleichbares wie eine Nierenwäsche oder künstliche Herzpumpen gibt es nicht. Wer eine Leberzirrhose, Krebs oder Hepatitis im nicht mehr aufhaltbaren Stadium hat, ist schwerst- bis tödlich krank.

Viel Gift verkraftet

Ein Transplantierter aber „kann ein völlig normales Leben führen”, wenn die Immunsuppression gelingt, sagt Neumann. Der große Vorteil im Vergleich zu Herz- oder Nierenkranken sei, dass die Leberkrankheit meist keine Schäden im übrigen Organismus hinterlassen habe, der transplantierte Patient also ansonsten gesund sei. Das sei „das Reizvolle”, sagt Neumann, den die Leber im Besonderen und die Viszeralchirurgie im Allgemeinen, also die Operation an Eingeweiden im Bauchraum, schon als Student faszinierte.

„Die Leber organisiert unseren gesamten Stoffwechsel.” Und wenn man sich nur einmal vor Augen führe, „womit wir die Leber so traktieren”. Über den - wenngleich ironisch gemeinten - lockeren Spruch des Arztes und Kabarettisten Eckart von Hirschhausen „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben”, könnte Neumann vermutlich nicht so richtig lachen. Auch wer kein Alkoholiker ist, führt der bis zu zwei Kilogramm schweren Drüse im Oberbauch mit jedem Glas Gift zu, jede Medikamentendosis muss entgiftet werden. Überdosen von Schlafmitteln, Ecstasy und auch Paracetamol können ebenso zum schlagartigen, tödlichen Leberversagen führen wie eine Knollenblätterpilz-Vergiftung.

Gut ein Drittel des Leberersatzes in Deutschland, bei rund 1500 Transplantationen jährlich, wird für Alkoholkranke gebraucht, mit weitem Abstand gefolgt von Krebspatienten. Dieser Umstand führt, immer wieder einmal, zu ethischen Diskussionen. Die Alkoholkranken sind aber auch die, berichtet Neumann, mit den oft besten Perspektiven in der Rehabilitation, weil sie aus ihrem Überleben die größte Motivation ziehen.

Das überragende Problem sei ohnehin die in Deutschland, aber auch in den Niederlanden nach wie vor relativ geringe Organspenden-Bereitschaft. Dabei spielt, ganz anders als bei Herz oder Niere, das Alter des Spenders kaum eine Rolle. Die Leber eines 80-Jährigen kann durchaus brauchbar sein, während es kaum verpflanzbare Herzen gibt, die schon länger als 60 Jahre gepumpt haben.

Neumann, ebenfalls ausgewiesener Krebsexperte, wird natürlich nicht nur die Leber operieren, Schwerpunkte werden auch Eingriffe an Darm- und Bauchspeicheldrüse sein. Und das rund 30-köpfige Team der Klinikums-Chirurgie - verstärkt um Ärzte, die Neumann aus Berlin mitbringt - wird nach wie vor das gesamte Spektrum abdecken. Vorangetrieben wird zunehmend die Bildung von Zentren im Uniklinikum, in denen alle erforderlichen Fachkliniken vernetzt werden. Ziel ist ein regelrechtes Tumorzentrum.

„Leber können ewig leben”

Was fasziniert den Nachfolger von Volker Schumpelick, der die vergangenen 25 Jahre an dieser Stelle wirkte, so an seinem Fach? „Die Chirurgie ist eine ideale Symbiose, Handwerk und intellektuelle Herausforderung zugleich.” Wäre Ulf Neumann nicht gerade Chefarzt in Aachen geworden, hätte er eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel „Leber können ewig leben” verfasst. Darin käme Prometheus sicher auch vor.

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