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Marktaustritt droht weiterhin: Neues Angebot von Abellio an Verkehrsverbünde in NRW

Marktaustritt droht weiterhin : Neues Angebot von Abellio an Verkehrsverbünde in NRW

Es steht nicht gut um die Bahnfirma Abellio Rail – im Februar könnte sie Geschichte sein. 21 Millionen Zugkilometer pro Jahr müssten dann von anderen Firmen gefahren werden, ein Sechstel des NRW-Nahverkehrs. Ein dramatischer Verhandlungsmarathon steht nun vor dem Abschluss.

In dem Streit mit Verkehrsverbünden versucht das kriselnde Regionalbahnunternehmen Abellio Rail in letzter Sekunde, sein Ende abzuwenden und wichtige Linien in NRW weiter betreiben zu können. Man werde bis Mitternacht fristgerecht ein neues Angebot zu Verlustübernahmen und Barauszahlungen übermitteln, teilte Abellio am Freitag mit. Fraglich ist, ob die Aufgabenträger – also die Verkehrsverbünde wie der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) – das Angebot akzeptieren. Tun sie das nicht, stünde das Aus der Abellio Rail GmbH mit ihren 1060 Beschäftigten so gut wie sicher fest. Dann müssten andere Bahnfirmen die Strecken über Notvergaben übernehmen.

Abellio zeigte sich optimistisch. Der Wert der Kompensationen belaufe sich auf einen dreistelligen Millionenbetrag, hieß es von der Firma. Man sei überzeugt, dass das Angebot „die bestmögliche Lösung“ für die Verkehrsverbünde, Beschäftigten und Fahrgäste sei und dem Schienen-Personen-Nahverkehr (SPNV) in Nordrhein-Westfalen eine langfristige Perspektive gebe.

Die Aufgabenträger wollen in ein bis zwei Wochen final entscheiden, ob sie mit Abellio weitermachen wollen oder nicht. Zuletzt hatten sie eine deutliche Verbesserung eingefordert. Zudem leiteten die Aufgabenträger erste Schritte für die Notvergaben an andere Bahnunternehmen ab Februar ein. Dadurch stieg der Druck auf Abellio.

Die Tochter der Niederländischen Staatsbahn macht seit langem Verluste und will deshalb mehr Geld von den Verkehrsverbünden. Würde Abellio die langfristigen Verträge ohne Änderungen erfüllen, fielen nach heutigem Stand wohl Verluste von schätzungsweise 400 Millionen Euro an. Klar ist, dass die Firma das nicht leisten kann – sie durchläuft gerade eine Form des Insolvenzverfahrens. Nun ist die Frage, welchen Anteil der absehbaren Verluste Abellio selbst trägt und welchen die Verkehrsverbünde und damit letztlich die deutschen Steuerzahler übernehmen müssen.

Zuletzt betrug das Abellio-Angebot nach Darstellung des VRR lediglich 13 Prozent der absehbaren Verluste. Abellio berechnete den Wert der angebotenen Kompensationen anders und kam auf einen höheren Prozentwert. Wie hoch der Prozentwert im neuen Angebot von Abellio ist, ist nicht bekannt.

Jeder sechste Zugkilometer im SNPV von Nordrhein-Westfalen entfällt derzeit auf Abellio. Marktführer ist die DB Regio, zudem sind Firmen wie National Express und die Nordwestbahn unterwegs. Abellio betreibt Linien wie den RE1 von Aachen über Köln nach Hamm und die RE49 von Wesel nach Wuppertal. Auch im S-Bahn-Netz in der Region Rhein-Ruhr ist Abellio aktiv.

Das verlustreiche Geschäft begründet die Firma mit stark gestiegenen Kosten für das Personal und Schienen-Ersatzverkehr sowie mit Strafzahlungen für Verspätungen oder Zugausfälle. Dafür kann Abellio wenig, weil das vor allem an der stark gestiegenen Bautätigkeit an Schienen und Bahnhöfen liegt.

Noch bis Ende Januar laufen Überbrückungsverträge für den Abellio-Zugbetrieb. Sollten sich die Aufgabenträger und die Firma nicht auf neue Verträge einigen, würde die Abellio Rail GmbH im Februar vom Markt verschwinden und liquidiert – das gab es noch nie auf dem vor etwa zwei Jahrzehnten liberalisierten Bahnmarkt in NRW.

Dem Vernehmen nach stünden National Express, DB Regio und eine weitere Firma bereit, um die Linien zu übernehmen. Der Haken daran: Die Unternehmen bekämen deutlich mehr Geld als bisher Abellio – für den Steuerzahler würde es also wesentlich teurer als bisher. Zudem wird damit gerechnet, dass es beim Übergang des Betriebs von Abellio zu den anderen Firmen zu Problemen kommt. Nichts ändern würde sich hingegen an den Preisen für die Fahrkarten und Monatstickets.

(dpa)