Leverkusen: Neue Rheinbrücke Leverkusen: Arbeiter graben an alter Giftmüll-Deponie

Leverkusen : Neue Rheinbrücke Leverkusen: Arbeiter graben an alter Giftmüll-Deponie

Die weißen Zeltplanen bewegen sich und das liegt nicht am Wind. Im Inneren des Zelts, das direkt am Rhein bei Leverkusen steht, herrscht Unterdruck, künstlich erzeugt. Autos rauschen auf der A1 und der A59 vorbei, die Fahrer bemerken die sanfte Bewegung der Schutzhülle wohl kaum - dabei erzählt sie eine ziemlich spektakuläre Geschichte. Sie zeigt: Im Inneren des Zelts wird gegraben - auf einer einstigen Deponie mit giftigen Chemieabfällen.

In den kommenden Jahren soll an der Stelle, an der bislang die alte Leverkusener Brücke über den Rhein führt, ein Neubau entstehen. Bis 2020 soll das erste Stück fertig sein und die ersten Autos darüber rollen, bis 2024 das zweite. Die aktuelle Brücke ist derart marode, dass sie Lastwagen mittlerweile nicht mehr nutzen dürfen.

Ein Zelt steht an der Baustelle der neuen Autobahnbrücke über den Rhein, vor der alten Brücke. Die Baustelle befindet sich auf dem Gelände der alten Giftmülldeponie Dhünnaue. Foto: Oliver Berg/dpa

Gegen den Neubau gab es allerdings massive Widerstände - der Grund sind die Altlasten, die auf der einen Rheinseite im Untergrund zu finden sind. Auf der ehemaligen Deponie Dhünnaue wurden von den 1920er bis 1960er Jahren Produktionsabfälle des Chemiekonzerns Bayer abgeladen, direkt in Nähe des Rheins. Auch die Stadt entsorgte dort Müll. Es war eine Zeit mit einem anderen Umweltbewusstsein als heute.

Container zum Abtransport von Giftmüll neben der Baustelle der neuen Autobahnbrücke über den Rhein. Die Baustelle befindet sich auf dem Gelände der alten Giftmülldeponie Dhünnaue. Foto: Oliver Berg/dpa

Inzwischen ist die Deponie längst versiegelt. Durch den Bau der neuen Brücke kommt die Altlast aber wieder hoch, denn man muss dafür ins Erdreich. Ein Umweltverein und ein Bürger klagten, weil sie Gesundheitsgefahren durch das Aufbohren befürchteten. Das Bundesverwaltungsgericht hielt dies jedoch für unbegründet. 2017 genehmigte es den Neubau.

Nun laufen seit einigen Tagen die Arbeiten für den Aushub. Zuerst soll ein unterirdisches Regenklärbecken entstehen - man muss also graben. Das Zelt schirmt die Arbeiten von der Umwelt ab. Im Inneren des rund 70 Meter langen Konstrukts erinnert vieles an eine Marsmission.

Mit Unterdruck wird nach Angaben von Straßen.NRW eine gerichteter Luftzug erzeugt und die Luft, die nach außen geleitet wird, gefiltert. Die Arbeiter tragen Schutzanzüge mit Atemgeräten. Sie dürfen nur 150 Minuten am Stück im Zelt sein. Schicht um Schicht geht es in die Tiefe, ungefähr drei Meter unter dem Boden trifft man auf die Müllschicht. Darin: Chemikalien, die als krebserregend und giftig gelten. Vor allem von Staub geht eine Gefahr aus. Daher steht auch eine Nebelkanone bereit, um Staubkörner in der Luft zu binden.

Was ausgebaggert wird, kommt in spezielle Container, die im Zelt auf Lastwagen geladen werden. Bevor sie das Zelt verlassen, müssen die Transporter komplett abgespritzt und gereinigt werden, daher gibt es auch eine Reifenwaschanlage. Das Wasser wird aufgefangen. Die Lastwagen fahren dann zu einer Entsorgungsanlage.

„Ich kann mich nicht an vergleichbare Maßnahme erinnern”, sagt Thomas Ganz, Regionalleiter für den Großraum Köln von Straßen.NRW. Für seinen Landesbetrieb sei das in diesem Umfang neu. Zugleich habe man natürlich Spezialfirmen beauftragt, die sich damit bestens auskennen. Ohne die Deponie wäre es viel einfacher. „Heute ist das natürlich unvorstellbar. Aber früher hat man so gehandelt und wir müssen nun damit leben”, sagt Ganz. Aber: „Ohne einen Eingriff in die Altablagerung Dhünnaue geht es leider nicht. Das ist die einzige Lösung”, sagt er. „So, wie wir es jetzt umsetzen, ist sichergestellt, dass sich kein Staub aus den Ablagerungen in der Umwelt verteilen kann.”

Die Kritiker des Projekts bleiben derweil bei ihrer Meinung. Sie beobachte die Arbeiten weiterhin mit einem „ganz schlechten” Gefühl, sagt Gisela Kronenberg vom „Netzwerk gegen Lärm, Feinstaub und andere schädliche Immissionen”. Sie halte es für unmöglich, jedes Restrisiko auszuschließen.

(dpa)
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