Aachen/Potsdam: Neue Erdbebenkarte für Deutschland erlaubt präziseren Blick

Aachen/Potsdam : Neue Erdbebenkarte für Deutschland erlaubt präziseren Blick

Die Gesetze der Wahrscheinlichkeit geben naturgemäß keine Gewissheit. Erdbebenforscher können ein Lied davon singen. Man erwartet von ihnen möglichst präzise Vorhersagen, aber die gehören nun einmal nicht zum Metier der Seismologen. Allerdings verfeinern die ständig ihre Methoden.

Der Potsdamer Erdbebenforscher Gottfried Grünthal sowie seine Mitarbeiter vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam haben nach fünfjähriger Arbeit eine „Neueinschätzung der Erdbebengefährdung Deutschlands“ vorgenommen.

Wenn‘s bebt, ist er zur Stelle: Professor Gottfried Grünthal, Geophysiker und Erdbebenforscher am Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam. Foto: privat

Für das Gebiet Aachen-Düren-Heinsberg ergeben sich zwar keine völlig neuen Erkenntnisse, aber die Datenbasis ist wesentlich präziser geworden. Die hiesige Region ist jedenfalls mit den Alpen, dem Oberrheingraben und dem Raum südlich von Stuttgart am stärksten von Erdbeben bedroht. Zur Panik besteht kein Anlass. Die Gefährdung besteht seit vielen Jahrhunderten und ist beherrschbar.

„Die gesamte Rheinschiene stellt eine Schwächezone in der Erdkruste dar, an der tektonische Bewegungen ständig stattfinden“, sagt Grünthal im Gespräch mit unserer Zeitung. „Das heißt: In diesen Zonen kommt es an den Bruchstörungen in der Erdkruste zwangsläufig zu Verschiebungen aufgrund von Spannungen und damit zu Erdbeben.“

Düren 1755 und 1756

Am 13. April 1992 gab es in der hiesigen Region ein heftiges Schadenbeben, das deutlich zu spüren war und an das sich viele Menschen noch gut erinnern. Es war nach Aussage des Geologischen Dienstes Nordrhein-Westfalen in Krefeld „das größte jemals gemessene Beben nördlich der Alpen“. Grünthal war unmittelbar nach dem Beben für mehrere Tage vor Ort — insbesondere in Roermond, dem damaligen Epizentrum, aber auch in Heinsberg und Köln — und analysierte viele Schäden. „Der Geologische Dienst meint damit die instrumentelle Aufzeichnung; denn es gab in dieser Region in der Historie natürlich noch deutlich stärkere Beben.“

Muss man mit so etwas jederzeit oder irgendwann oder in den nächsten hundert Jahren wahrscheinlich nicht mehr rechnen? „Wann das nächste größere Erdbeben kommt? Dazu kann ich gar nichts sagen; das nächste Beben kann morgen sein“, lautet Grünthals Antwort. „Wir können mit unseren Erdbebengefährdungseinschätzungen Aussagen machen über die Bodenerschütterungen, die mit bestimmter Wahrscheinlichkeit zu erwarten sind, anhand der historischen Häufigkeit von Beben bestimmter Magnituden in einer Region. Wir können nicht sagen, wann es kommt.“

Grünthal nennt mehrere Beben in der hiesigen Region mit großer Stärke in Momentmagnituden: 1755 in Düren (5,5), 1756 in Düren (5,9), 1878 in Tollhausen zwischen Jülich und Bergheim (5,7) sowie 1951 in Euskirchen (5,6). „Das ist ein chronisches Erdbebengebiet mit sicheren Erdbebennachrichten, die bis zum Beginn des 9. Jahrhunderts zurückgehen. Und das sind nur die markantesten Beben; dazwischen gab es noch viele kleinere.“

Grünthal weist auf unterschiedliche Magnitudenarten hin: „Lokalbebenmagnituden wie eine von fast 6,0 für das Roermond-Erdbeben von 1992 weisen höhere Werte auf als die sogenannte Momentmagnitude, die wir international für Erdbebenkataloge verwenden. Danach hatte das Beben in Roermond damals die Stärke von immerhin noch 5,3.“

Die neue Studie über die Erdbebengefährdung in Deutschland hat das GFZ im Auftrag des Deutschen Instituts für Bautechnik in Berlin erstellt. Sie dient als Grundlage für die Neufassung der erdbebengerechten Baunorm. Daran arbeitet nun das Deutsche Institut für Normung (DIN). Grundsätzlich hat sich an der Gefährdungslage und den besonders betroffenen Regionen nichts geändert.

Völlig neu ist dagegen das wesentlich verbesserte methodische Vorgehen, bei dem erstmals für eine derartige regionale Analyse die Unsicherheiten in Modellen und Parametern im vollen Umfang einbezogen werden. Auch die Darstellung der Ergebnisse in Form von Erschütterungsparametern, die den Bedürfnissen der Bauingenieure unmittelbar gerecht werden, gilt als Innovation. Baunormen legen fest, worauf Bauherren, Architekten, Bauingenieure und das Bauhandwerk achten müssen, um ein Gebäude erdbebengerecht auszulegen.

Fake-Beben

Gemeinsam mit Historikern haben die Seismologen die historische Erdbebentätigkeit beleuchtet. „Wir konnten aufgrund dessen zahlreiche Neuinterpretationen von Beben vornehmen und haben dabei auch einige Falsch-Beben — fake quakes — aufgefunden“, sagt Grünthal. „In manchen Gebieten haben mehr als 60 Prozent der im bisherigen deutschen Erdbebenkatalog aufgeführten Schadenbeben nie stattgefunden.“ Wurden sie also erfunden, oder fanden sie woanders statt und waren an einem anderen Ort nur spürbar?

Grünthal und seine Mitarbeiter haben gerade für das Mittelalter bis etwa 1300 eine beträchtliche Anzahl von erfundenen Beben aufgedeckt, „die sich als Ankündigungen von Unheil in klösterlichen Chroniken niedergeschlagen haben“. In späterer Zeit handele es sich oft um Ortsverwechslungen oder Wahrnehmungen von Beben an einem Ort, „wo sich die Schreiber nicht darüber im Klaren waren, dass sie ein anderes Beben meinen. Spätere Bearbeiter von Erdbebenkatalogen lasen die Aufzeichnungen falsch und interpretierten es als lokale Beben. Sie hatten nicht im Blick, dass ein anderes, starkes und entferntes Beben gemeint war.“

Wer Erdbebengefährdung einschätzt, muss also in mehrfacher Hinsicht tief graben und weit in die Jahrhunderte zurückgehen. „Man kann die Erdbebengefährdung nur so gut einschätzen, wie man die historische Erdbebentätigkeit in einer Region kennt und dabei möglichst weit in die Historie zurückgeht“, sagt Grünthal.