Nächste Entlassungswelle bei Grünenthal betrifft vor allem Aachen

Entlassungswelle bei Grünenthal : Hunderten Mitarbeitern in Aachen droht das Aus

Die Geschäftsführung plant den Umbau des Pharmaherstellers Grünenthal. Den 600 Stellenstreichungen seit 2017 könnten Hunderte weitere folgen – vor allem in Aachen.

Am 2. Mai verteilten Mitarbeiter der Personalabteilung Faltblätter bei Grünenthal, auf denen beschrieben steht, wie die Angestellten zukünftige Kollegen werben können. „Für unsere offenen Stellen suchen wir die Besten!“, steht in dem Faltblatt, dazu gab es einen Riegel Schokolade. „Wen kennst Du in Deinem Bekanntenkreis oder Deinem sozialen Netzwerk? Hilf uns als Talent Scout, die besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Grünenthal zu finden“, heißt es weiter. „Erhalte einen Bonus in Höhe von 1.500 Euro bei erfolgreicher Einstellung Deiner Empfehlung.“

Das einstige Aushängeschild

Doch die Freude über den in Aussicht gestellten Bonus hielt nicht lange an: Genau sechs Tage später erfuhren die ersten Grünenthal-Angestellten, dass die Geschäftsführung offenbar plant, hunderte Mitarbeiter in Aachen zu entlassen. Der Firmenbeirat hat den Plänen der Geschäftsführung nach Recherchen unserer Zeitung bereits am 30. April zugestimmt.

Der mittelständische Pharmahersteller Grünenthal steht vor einer weiteren Entlassungswelle, seit 2017 sank die Mitarbeiterzahl von weltweit 5500 auf 4900. Am Standort Aachen arbeiten derzeit noch etwa 1900 Menschen, doch dabei wird es aller Voraussicht nach nicht bleiben: Von den etwa 550 Stellen in der Forschung und Entwicklung sollen nach derzeitiger Planung 280 gestrichen werden, sagen Mitarbeiter, die vergangenen Donnerstag an der Betriebsversammlung teilgenommen haben, auf der die Geschäftsführung über ihre Pläne berichtet hat. Von diesen 280 Vollzeitstellen könnten mehr als 300 Mitarbeiter betroffen sein, denn nicht jeder Angestellte arbeitet in Vollzeit.

Von den verbleibenden 270 Stellen in der Forschung und Entwicklung sollen 135 ein neues Anforderungsprofil erhalten. Im schlimmsten Fall also müsste zumindest ein Teil dieser 135 Mitarbeiter ebenfalls damit rechnen, den Arbeitsplatz zu verlieren. Die Größe der Personalabteilung soll offenbar der Verringerung der Stellenzahl in Aachen angepasst werden, auch dort sollen Mitarbeiter entlassen werden. Grünenthal hat das indirekt bereits bestätigt, denn in einer am Mittwoch veröffentlichten Mitteilung hatte das Unternehmen angekündigt, die Kosten im Finanz- und Personalbereich „auf ein branchenübliches Niveau“ senken zu wollen.

Auf Anfrage unserer Zeitung wollte Grünenthal dies weder bestätigen noch dementieren. Eine Unternehmenssprecherin warb um Verständnis dafür, „dass wir den Gesprächen mit den Arbeitnehmervertretern nicht durch öffentliche Stellungnahmen vorgreifen werden“. Auch die Betriebsratsvorsitzende Angelika Enderichs hatte diese Woche erklärt, sich vor den Gesprächen mit der Geschäftsführung nicht öffentlich äußern zu wollen. Sie teilte lediglich mit, „die im Raum stehende hohe Zahl von in Frage stehenden Arbeitsplätzen hinterfragen“ zu wollen und sich dafür einzusetzen, „so viele Arbeitsplätze wie möglich am Standort Aachen zu halten“.

Die Forschung und Entwicklung ist in den vergangenen Jahrzehnten das Aushängeschild von Grünenthal gewesen, als eher kleiner Pharmahersteller konnte sich das Unternehmen mit selbst entwickelten Medikamenten immer am Markt behaupten. Allerdings ist es neun Jahre her, seit es Grünenthal zum bislang letzten Mal gelang, ein selbst entwickeltes Präparat auf den Markt zu bringen. Ob es Zufall ist, dass dies ziemlich genau jene Zeitspanne umfasst, in der kein Mitglied der Eigentümerfamilie Wirtz aus Stolberg mehr im operativen Geschäft des Unternehmens tätig ist, ist selbst für Mitarbeiter nur schwer zu beurteilen.

Erst McKinsey, dann Entlassungen

Nachdem Gabriel Baertschi im Oktober 2016 als Geschäftsführer zu Grünenthal gekommen war, wurde die US-amerikanische Unternehmensberatung McKinsey engagiert. Und wie so oft, wenn Unternehmensberater sich in Firmen umschauen, sind Entlassungen die Folge. So war es auch bei Grünenthal.

Das Unternehmen teilte am Freitag mit, „in unverändert hohem Maße in Forschung und Entwicklung investieren“ zu wollen. „Wir müssen aber die Art und Weise, wie wir Forschung und Entwicklung betreiben, ändern.“ Dass das Forschungsgebäude in Aachen künftig vermietet oder anderweitig genutzt werden soll, wie es bei der Betriebsversammlung am Donnerstag offenbar geheißen hatte, stand nicht in der Mitteilung.

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