Aachen: Nach der Kaffeefahrt um 6000 Euro ärmer

Aachen: Nach der Kaffeefahrt um 6000 Euro ärmer

Was Katharina Schmitz in der Einladung von „Fischer Fritz” nicht alles versprochen wurde: Gewinnübergabe von 1500 Euro - obwohl sie an keinem Preisausschreiben teilgenommen hatte -, Frühstück, Mittagessen, ein Farbfernseher, geräucherter Fisch, Käse, Honig, Kräuterlikör und sogar ein „Kaffee-Express-Automat incl. Porzellantassen”, wenn sie ihren Mann oder Partner mitbringt.

Den Abfahrtsort konnte sie sich im Raum Eschweiler, Aachen, Stolberg, Düren und Langerwehe aussuchen.

Am Ende der Kaffeefahrt der vergangenen Woche waren sie um 6000 Euro ärmer, hatten unter anderem eine „Luxusvitaminkur” und einen Staubsauger gekauft.

Von den versprochenen Geschenken keine Spur, das Essen fiel auch dürftig aus. Dieser Fakt alleine ist aufgrund falscher Versprechungen schon Betrug - ganz davon abgesehen, dass laut Wettbewerbsrecht kein kostenloses Essen angeboten werden darf.

Stundenlang genötigt

Das alles wusste das Ehepaar Schmitz nicht, konnte es wohl auch nicht wissen. Es kommt aber noch viel schlimmer. Die vermeintliche Glücksfee in der Gestalt des „Fischer Fritz” hatte das ältere Paar stundenlang bearbeitet, Druck gemacht, es genötigt und war mit ihm sogar bis nach Hause gefahren, um abzukassieren.

Teilnehmer, die sich weigerten etwas zu kaufen, wurden knallhart aussortiert, in den Bus verfrachtet und einfach in ein Gartencenter gefahren.

Katharina Schmitz und ihr Mann waren nicht die einzigen, die auf die - wie es im Schreiben stand - „gute Tat” hereinfielen. An die 30 Personen nahmen teil, wie viele Fahrten es insgesamt in letzter Zeit gab, ist unklar.

„Benachrichtigungen über angebliche Gewinne, die die Empfänger veranlassen sollen, an einer Kaffeefahrt teilzunehmen, sind immer unseriös”, sagt Rechtsanwältin Beate Wagner von der Gruppe Verbraucherrecht der Verbraucherzentrale NRW. Sie warnt deshalb schon seit Jahren vor solchen Touren.

Einer, der sich mit diesen Fahrten wie kein anderer auskennt, ist Manfred Simon. Eigentlich ist der ehemalige Kriminalpolizist schon seit über zehn Jahren im Ruhestand.

Aber von Ruhe kann keine Rede sein. In seinem Wohnzimmer blättert er durch dicke Aktenordner mit Einladungsschreiben, Protokollen zu den Veranstaltungen und Fotos, die er auf über hundert Fahrten gemacht hat.

Die Ergebnisse gibt er an Polizei und Ordnungsämter weiter, zum Teil ruft er seine Kontaktpersonen direkt aus der Veranstaltung an, damit diese zuschlagen können.

36 dubiose Fahrten habe er schon hochgehen lassen, sagt er. Einige Händler seien vorläufig festgenommen worden. Die Betrugsverfahren liefen noch. „Einer der sogenannten freien Handelsvertreter wurde zu einer Strafe in Höhe von 46.000 Euro und einem fünfjährigen Berufsverbot verurteilt”, erzählt Simons. (Namen der Betroffenen und des früheren Kripo-Beamten geändert)

Simons inzwischen verstorbene Lebensgefährtin hatte vor Jahren einmal an einer unseriösen Kaffeefahrt teilgenommen. Aber dieser private Hintergrund sei inzwischen einem anderen Motiv gewichen: „Ich mache das, weil mir die Leute leid tun.”

Deshalb versucht er auch, diejenigen anzusprechen, die einen Kaufvertrag unterzeichnet haben. Nicht nur, um an den Vertrag zu kommen und einen Beweis für den Betrug zu haben, sondern vor allem auch, um den Opfern zu helfen.

„Viele wissen nicht, dass sie innerhalb von 14 Tagen von dem Vertrag ohne Angabe von Gründen zurücktreten können”, erklärt Simons. Die Widerrufsfrist beträgt sogar einen Monat, wenn die Belehrung erst nach Vertragsschluss mitgeteilt wird. Häufig hilft er beim Aufsetzen eines solchen Schreibens.

„Viele Briefe kommen zurück, aber das ist egal, der Kunde hat sein Möglichstes getan. Danach ist das ein Fall für die Kripo”, sagt Simons. Ganze Listen führt er inzwischen mit Scheinfirmen und falschen Adressen. Angegeben seien meist Postfachadressen aus dem Raum Bremen und Cloppenburg an - ohne Firmenname. Gar nicht so leicht, den Ganoven auf die Schliche zu kommen.

Noch ein Trick: Die Veranstaltungen werden nicht bei den Gewerbemeldestellen angekündigt. „Wenn bei einer öffentlichen Veranstaltung etwas verkauft wird, muss diese angemeldet werden”, sagt eine Sprecherin des Ordnungsamtes Aachen.

Die Grenze, wann etwas öffentlich oder privat ist, ist klar definiert. Werden alle Teilnehmer persönlich eingeladen, etwa zu einer Tupperware-Party, ist das privat. Sobald weitere Personen mitkommen dürfen, die nicht namentlich genannt sind, handelt es sich um eine öffentliche Veranstaltung.

Ort, Zeit, Name des Veranstalters und Art der Veranstaltung müssen zwei Wochen vorher angezeigt werden. Klar, dass die Kriminellen solche Angaben nicht machen wollen. 1000 Euro Bußgeld sind dann fällig.

Manfred Simons kann die Produktpalette der Kaffeefahrten-Mafia so runterbeten: „Fußmassagegerät für 298 Euro. Tatsächlicher Wert: acht Euro. Garpfanne Deluxe für 298 Euro, tatsächlicher Wert: zehn Euro. Kabelloser Staubsauger: 198 Euro. Tatsächlicher Wert: 60 Euro.”

Die Verbraucherzentrale formuliert es so: „Viele Produkte sind von minderer Qualität oder erweisen sich schlichtweg als nutzlos.”

Auch die Strukturen kennt er: „Es gibt meistens eine Zentrale, die arbeitet wie ein Planungsbüro. Die Vertreter können diese Fahrten dann im Paket kaufen. Die Händler sind nirgends gemeldet.”

Das Ziel der Fahrt sei oft nicht angegeben oder werde kurzfristig geändert, eine Möglichkeit, die Veranstaltung zu verlassen, gibt es auch kaum.

Vorsicht ist also geboten, auch wenn die Anschreiben verlockend sind. „Besonders Senioren unternehmen gerne Tagesreisen. Der Wunsch nach Geselligkeit und Abwechslung für wenig Geld steht dabei ganz oben”, sagt Beate Wagner.

Nicht jede Kaffeefahrt ist unseriös. Aber oft gehe es nicht um eine günstige Tagesfahrt, sondern vor allem ums Geschäft. Und die Namen der Anbieter seien „Schall und Rauch” und änderten sich häufig.