Eschweiler: Nach 24 Jahren ist für Ulrich Koch Schluss bei der AWA

Eschweiler : Nach 24 Jahren ist für Ulrich Koch Schluss bei der AWA

Geschäftsführer von kommunalen Unternehmen werden in der Öffentlichkeit nur selten wahrgenommen. Bei Ulrich Koch war das stets anders. Der Chef des regionalen Entsorgungsunternehmens AWA war in den vergangenen Jahren auch immer eine öffentliche Person.

Offensiv trat er für seine Ideen ein und eckte damit so manches Mal an. Dass er in früheren Zeiten der Pressesprecher des ehemaligen Regierungspräsidenten Franz-Josef Antwerpes war, half ihm, sich auf der öffentlichen Bühne zu bewegen.

In den zwei Jahrzehnten, in denen er für die Abfallentsorgung in der Region verantwortlich war, hat sich die Branche völlig verändert. Markantestes Beispiel dafür ist die Müllverbrennungsanlage (MVA) in Weisweiler, deren Bau Koch gegen alle Kritik immer wieder verteidigte. Die Kehrseite öffentlicher Aufmerksamkeit erlebte Koch, als er 2003 festgenommen wurde, weil im Zuge des Müllskandals auch gegen ihn Untreuevorwürfe laut wurden. Diese waren letztlich haltlos. Trotzdem saß er unschuldig sechseinhalb Wochen in Untersuchungshaft. Seiner Autorität als Chef der Müllentsorgung schadete der Vorfall nicht.

Nach 24 Jahren macht Koch nun Schluss bei der AWA. Im Interview blickt er zurück — aber auch nach vorne.

Am Freitag war Ihr letzter offizieller Arbeitstag. Gibt es Dinge, die Sie jetzt noch erledigen müssen?

Ulrich Koch: Ich muss noch mein Büro aufräumen. Ich bin ja ein Jäger und Sammler. Nach 24 Jahren sind die Schränke ziemlich voll. Da werde ich bestimmt noch die eine oder andere Überraschung finden.

Unerledigte Dinge?

Koch: (lacht) Ja, der ein oder andere Mitarbeiter fürchtet, dass er noch unbearbeitete Aufträge aus dem Jahr 1997 bekommt. Nein, ich hinterlasse meinem Nachfolger ein gesäubertes Büro.

Sich kümmern müssen um das, was andere nicht mehr haben wollen, eine Müllverbrennungsanlage bauen und betreiben — es gibt in ihrem Job, vorsichtig formuliert, viel Konfliktpotenzial. Warum macht man das 24 Jahre lang?

Koch: Mich prägt ja eine optimistische Grundstimmung. Hinzu kommt ein außerordentlich freundliches und konstruktives Team, das nicht nur ideenreich war, sondern auch solidarisch, wenn es von außen Druck gab. Dann kann man auch eine schwere Aufgabe übernehmen. Und nach dem Schlimmsten, was mir passiert ist, habe ich hier so viel Solidarität erfahren, dass ich mich einfach nur glücklich schätzen konnte, hier zu sein.

Mit dem Schlimmsten meinen Sie gewiss Ihre Inhaftierung 2003. Was hat dieses Erlebnis mit Ihnen gemacht?

Koch: Der Glaube, dass in einer Untersuchungshaft gewisse rechtsstaatliche Prinzipien gelten, dass die Staatsanwaltschaft in den Ermittlungen objektiv vorgeht, das alles ist kaputt. Ich habe unschuldig sechseinhalb Wochen in einem Gefängnisblock mit verurteilten Schwerverbrechern gesessen. Das ist ein Erlebnis, das einen prägt. Ich habe aber auch in diesen Wochen mehr Post von meinen Mitarbeitern bekommen, als der Rest des Blocks im ganzen Jahr. Ich bin im Anschluss dreimal als Geschäftsführer bestätigt worden. Ich bin einfach froh, dass ich weitestgehend unbeschädigt aus dieser Sache herausgekommen bin.

Trotzdem wäre es ja nachvollziehbar gewesen, wenn Sie nach der Freilassung gesagt hätten: „Mir reicht’s. Ich höre auf.“

Koch: Wenn einmal so intensiv in einer Sache über Sie berichtet worden ist, haben Sie ein Problem in jedem Bewerbungsverfahren. Auch wenn alle Vorwürfe gegen mich letztlich haltlos waren.

Ihnen blieb also eigentlich nichts anderes übrig, als zu bleiben?

Koch: Nein, es gab schon andere Möglichkeiten. Aber mit meiner Vergangenheit muss man damit rechnen, dass man mit den Aufsichtsgremien schnell ein Problem bekommen kann. Und die Aufsichtsgremien der AWA sind damals auch extrem solidarisch mit mir gewesen.

Sie als SPD-Mann sind im Aufsichtsrat eines kommunalen Unternehmens, das mit Vertretern von Parteien aller Couleur besetzt ist, ausnahmslos unterstützt worden?

Koch: Ja. Die haben wie ein Mann hinter mir gestanden. Das war ein schönes Erlebnis. Das hätte ich auch gerne bis zum Schluss so gehabt.

Sie genießen nicht mehr die volle Unterstützung Ihres Aufsichtsrates. Warum?

Koch: Das Gremium ist viel politischer geworden. Dass ich ein politischer Mensch bin, ist mir klar. Aber bei Abfallwirtschaft geht es eigentlich nicht um Politik. Viele objektive Leistungen der Vergangenheit, die wir als Team erbracht haben, zählen heute aber nicht mehr. Und ich habe das Gefühl, dass ich neuen Projekten im Weg stehe, weil die immer als das „Projekt Koch“ deklariert werden. Für die Zukunft der AWA ist es natürlich problematisch, wenn manche beschließen, dass man mich nicht mehr braucht. Auch deshalb ist ein Zeitpunkt gekommen zu gehen.

Sie haben sich dafür stark gemacht, den technischen Betrieb der Müllverbrennungsanlage von RWE zu trennen und in Verbindung mit den Aachener Stadtwerken eine autarke Müllverbrennung aufzubauen. Damit sind Sie gescheitert. In dieser Woche wird ein Vertrag unterschrieben, der die Müllverbrennungsanlage bis 2030 an RWE bindet.

Koch: Der neue Vertrag ist sauber ausverhandelt und stellt einen Kompromiss dar, den ich absolut trage. Wenn man in dieser Region aber so an einem Strang gezogen hätte, wie man das immer proklamiert, wäre die andere Lösung — trotz ihrer wirtschaftlichen Risiken — zukunftsweisend und besser gewesen. Es ist doch klar, dass RWE mit dem Betrieb der Müllverbrennungsanlage Geld verdienen will. Dieses Geld hätte man besser in den kommunalen Betrieben gelassen. Darüber hinaus hätte die MVA als Energieversorger für die Region wirken können. Ich habe aber feststellen müssen, dass RWE immer noch ein starker Player ist und ich keine Mehrheiten bekommen habe. Das ändert nichts daran, dass man sich in der Region darauf einstellen muss, in absehbarer Zukunft ohne RWE auszukommen.

Ihre Arbeit bleibt unvollendet?

Koch: Nein. Wie schon gesagt. Der Kompromiss für die MVA bis 2030 ist sehr gut. Wir haben in den vergangenen Jahren vieles aufgebaut. Die Infrastruktur zur Entsorgung in der Region für die nächsten 15 bis 20 Jahre steht. Ich kann hier einen sauberen Schnitt machen und guten Gewissens gehen. Ich bin sehr zufrieden.

Wie definieren Sie in der Abfallwirtschaft „Region“. Der Kreis Heinsberg will ja nicht mitmachen.

Koch: Ja, es ist sehr bedauerlich, dass da immer der Weg gesucht wird, wie es ein paar Euro billiger geht.

Aber im Sinne des Gebührenzahlers völlig legitim, solange der Gesetzgeber die Entscheidung offen lässt, ob man seinen Müll auch in dem regionalen Zweckverband entsorgen muss, wo man lebt.

Koch: Was der Kreis Heinsberg da macht, ist Brexit hinter dem Komma. Das ursprüngliche Problem ist aber, dass die geordneten Verhältnisse, wonach im Regierungsbezirk Köln um jede Müllverbrennungsanlage eine Million Einwohner leben mussten, aufgehoben worden ist. Fortan musste die Müllentsorgung europaweit ausgeschrieben werden.

Das führt doch dazu, dass der ein oder andere Gebührenzahler froh ist, wenn er nicht Teil eines Zweckverbandes ist, der eine Müllverbrennungsanlage gebaut hat.

Koch: Es wäre für alle billiger, wenn alle mitmachen müssten. Leider kann nun derjenige, der nicht weitreichend investiert hat, eine Schnäppchenjägermentalität an den Tag legen. Und derjenige, der investiert hat, ist nun der Dumme, weil sich der gesetzliche Rahmen verändert hat.

Ich gehe mal davon aus, dass Sie bereits die ein oder andere Diskussion über Müllgebühren in Ihrer Freizeit haben führen dürfen. Was entgegnen Sie Menschen, die noch heute sagen, dass es falsch war, eine Müllverbrennungsanlage in Eschweiler zu bauen?

Koch: Die Städteregion hat sich sehr früh darum gekümmert, die Müllentsorgung nach den ökologisch sinnvollsten Maßstäben aufzustellen. Diese Entscheidung war und ist richtig, auch wenn sie in der Vergangenheit ein paar Euro teurer war. Der Kreis Düren ist ja auch Teil des Zweckverbandes geworden. Von 1997 bis heute haben wir die Verbrennungskosten von 180 Euro pro Tonne auf 115 Euro gesenkt. Unsere Verhandlungsposition, um den Betrieb im Sinne des Gebührenzahlers zu bestreiten, hat sich erheblich verbessert. Das schlägt sich auch in den neuen Verträgen mit RWE nieder, die am Mittwoch unterschrieben werden.

Keine Rede mehr davon, dass die Anlage zu groß ist?

Koch: Nein. Wir sind seit 2002 durchgehend komplett ausgelastet. Aber klar: Eine zweite Müllverbrennungsanlage wäre bestimmt anders gebaut worden als diese hier. Nachher ist man immer klüger.

In der Region sind Sie als streit- und meinungsfreudiger Akteur wahrgenommen worden.

Koch: Ich habe immer ein Problem damit, meinen Mund zu halten, wenn ich überzeugt bin, jetzt etwas sagen zu müssen. Das irritiert vielleicht manchmal.

Haben Sie jetzt mehr oder weniger Freunde als vor 20 Jahren?

Koch: Es ist für mich kein Nachteil gewesen, dass ich in Brühl wohne und somit Dienst und Privates immer getrennt war. Der Zirkel meiner Freunde zu Hause war nie von beruflichen Entwicklungen tangiert. In meinem beruflichen Leben habe ich mir Respekt erworben durch das, was ich aufgebaut habe. Auf der politischen Ebene habe ich Freunde hinzugewonnen, auf die ich mich absolut verlassen kann. Das ist aber natürlich eine andere Art von Freundschaft.

So, und ab heute ist dann Feierabend?

Koch: Nicht Feierabend. Ich werde weiterhin einen Tag ehrenamtlich bei der Regio Entsorgung arbeiten und ein kleines Anwaltsbüro eröffnen. Das wird sich mit zwei Themen beschäftigen: Rekommunalisierung und interkommunale Zusammenarbeit. Da werde ich gewiss noch genug Arbeit haben.