Hürtgenwald/Aachen: Mysteriöse Krankheit: Dutzende Pferde tot

Hürtgenwald/Aachen: Mysteriöse Krankheit: Dutzende Pferde tot

Heiderabe geht es besser, zufrieden schnaubt er in seiner Box und frisst ein bisschen Heu. Besitzer Benjamin Billig lächelt, tätschelt dem Trakehner den Kopf. Wieder ein entspanntes Schnauben des Hengstes. Heiderabe lebt. Und das ist ein kleines Wunder.

Doch von Beginn an: Der zweieinhalbjährige Hengst hatte mit sieben anderen Pferden des Gestüts Hürtgenwald auf einer Weide zwischen Vossenack und Rollesbroich gestanden. Alles wie immer — bis zum 4. November. Ein überraschender Anruf erreichte Benjamin Billig, er solle schnell zur Weide gekommen, mit den Pferden stimme etwas nicht.

Der Trakehner-Hengst Heiderabe wird von Benjamin Billig aufgepäppelt. Foto: Lukas Weinberger

50 Tote Pferde in NRW

An der Koppel angekommen, bot sich ein grausiges Bild: Drei Tiere lagen leblos auf dem Boden, zwei von ihnen waren bereits tot, erzählt Billig. Die fünf anderen hätten sich so gerade auf den Beinen halten können, hätten gezittert. Die herbeigerufene Tierärztin musste noch auf der Weide drei Pferde einschläfern, „die übrigen haben wir mit Mühe in den Stall gebracht“, sagt Billig. Sie hätten Infusionen bekommen — und doch starben zwei von ihnen ebenfalls. Nur Heiderabe überlebte.

Einen Grund für den Tod ihrer sieben Pferde konnten Billig und die Mitarbeiter des Gestüts zunächst nicht finden, dann kam die Diagnose der Tierärztin. Todesursache: atypische Weidemyopathie. Vor wenigen Tagen fielen auch zwei Pferde in Stolberg und Roetgen dieser Krankheit zum Opfer, weitere Fälle hat es in Erftstadt gegeben, in NRW sind insgesamt über 50 Fälle bekannt. Hinzu kommen viele tote Pferde in Belgien.

„Wir hatten vor dem Tod unserer Pferde nie etwas von dieser Krankheit gehört“, sagt Billig, dessen Familie seit rund 40 Jahren Pferde züchtet. Und damit steht das Gestüt Hürtgenwald nicht alleine da: Über die atypische Weidemyopathie ist fast nichts bekannt, auch für die meisten Ärzte in der Region ist sie völliges Neuland. „Wir haben vorher zwar von ihr gehört, Eigenerfahrung hatten wir aber keine“, sagt auch Johannes Hörmeyer, Tierarzt beim Amt für Veterinärwesen und Verbraucherschutz der Städteregion Aachen. Seit 25 Jahren ist er im Aachener Raum beschäftigt, die Fälle von atypischer Weidemyopathie in Roetgen und Stolberg waren seine ersten.

Gleiches gilt für den Dürener Raum: Mounira Bishara-Rizk, Tierärztin beim Veterinäramt der Kreisverwaltung, wurde mit dem Tod der sieben Pferde in Hürtgenwald praktisch erstmals mit der Krankheit konfrontiert. In ihrer Studienzeit sei zwar darüber gesprochen worden, man habe gewusst, dass sie immer mal wieder auftritt, sagt Mounira Bishara-Rizk. „Aber keiner konnte erklären, was dahinter steckt.“ Einzig Fachliteratur und Internet liefern einige wenige Erkenntnisse.

Viele Mutmaßungen

Schuld am Tod der Pferde — und das ist offenbar gesichert — haben die Samen des Ahornbaums. Im Fall der sieben toten Pferde des Gestüts Hürtgenwald und auch in fast allen anderen Fällen stehen Ahornbäume in der Nähe der Weiden. Meist tritt die Krankheit zwischen Oktober und Dezember auf — eben dann, wenn die Samen zu Boden gefallen sind. Pferde, vor allem die, die ganztägig auf der Weide stehen, nehmen die Samen beim Grasen auf der Weide vom Boden auf. Wenn sie zu viele davon fressen, erkranken sie an atypischer Weidemyopathie. Fachleute schätzen, das bereits die Aufnahme von 165 Ahorn-Samen für ein Pferd tödlich sein kann. Das Pikante: Ein Baum trägt trägt 500.000 davon.

In den Samen, so der Stand der Wissenschaft, steckt der Giftstoff Hypoglycin A. „Dabei handelt es sich um eine Aminosäure, die den Fettsäurestoffwechsel blockiert“, sagt Ralf Hausmann, Mitarbeiter des Instituts für Pharmakologie und Toxikologe der RWTH Aachen. Die Muskeln der Pferde werden derart beschädigt, dass sie kaum stehen, kaum kauen und schlucken können. Auch das Atmen fällt schwer, das Herz wird in seiner Arbeit eingeschränkt. Meist kommen diese Symptome rund 48 Stunden nach der Vergiftung zum Vorschein — und fast immer endet die atypische Weidemyopathie tödlich.

Teile der Forschung vermuten zudem, dass Witterungsbedingungen Einfluss auf die Vergiftung haben können, auch über den Anteil von welken Blättern und einem möglichen Pilzbefall des Bodens wird gemutmaßt. „Vieles basiert noch auf Spekulationen“, sagt Johannes Hörmeyer. So ist auch nicht zu klären, warum die Pferde in der Region ausgerechnet in diesem Jahr sterben und es in den Vorjahren zumindest keine bekannten Fälle gegeben hat. Damals standen die Ahornbäume schließlich auch schon an den Weiden. „Eine Erklärung dafür haben wir nicht“, sagt Hörmeyer. Die Nideggener Tierärztin Aleksandra Pahorecká hat beobachtet, dass die Krankheit nicht jedes Jahr vorkomme, „aber im Rhythmus von drei, vier Jahren“ immer mal wieder auftauche. Sie grassiere dann immer in einem begrenzten Gebiet — so habe sie es 2005 in Meckenheim erlebt, so erlebt sie es auch jetzt. Fraglich bleibt auch, ob nicht noch mehr Pferde betroffen sind: Die atypische Weidemyopathie ist nicht meldepflichtig, es ist vorstellbar, dass Pferdebesitzer ihr totes Tier haben entsorgen lassen, ohne das zuständige Veterinäramt zu benachrichtigen.

Tierärzte raten Pferdebesitzern nun, zu kontrollieren, ob Ahornbäume in der Nähe ihrer Weiden stehen. Zudem sollte Heu zugefüttert werden, damit die Pferde nicht darauf angewiesen sind, die Weide bis zum Boden abzufressen.

Folgeschäden

Heiderabes Blutwerte verbessern sich stetig. Und doch ist nicht klar, ob er Folgeschäden davontragen wird. „Ich hoffe, dass jetzt schnell weitergeforscht wird“, sagt Benjamin Billig — und spricht damit vielen anderen Pferdeliebhabern aus der Seele.

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