Jülich: Motorradfahrer sind die Sorgenkinder

Jülich: Motorradfahrer sind die Sorgenkinder

Der reuige Sünder hat seinen Spaß: Arno S. aus Herzogenrath ist zu schnell auf zwei Rädern unterwegs gewesen. Mit seiner Kawasaki ging er der Polizei in der Eifel in die Radarfalle. Seine 75 Stundenkilometer waren zwar noch relativ gemächlich für die Eifelserpentinen, aber schneller als die Polizei erlaubt.

Doch statt Strafe bekam der Biker eine „erzieherische Maßnahme” aufgebrummt. Statt zu blechen, darf der Sündern nun kurven. Unter Aufsicht. Auf dem Verkehrsübungsplatz in Jülich-Koslar. Veranstaltet von der Verkehrswacht Jülich.

Seit über einem Jahr gibt es in Absprache mit den Staatsanwaltschaften und auf Initiative der Kölner Anklagehörde das Programm „Sicherheitstraining statt Strafe”.

Im Einverständnis mit dem Ankläger kann statt Geldbußen das Training gewählt werden - sofern der Verkehrsverstoß nicht zu grob war. Zahlen müssen die Sünder trotzdem, der halbtägige Kurs, der neben Jülich auf 21 weiteren Übungsplätzen der Verkehrswacht im Land angeboten wird, kostet im Schnitt 73 Euro.

Damit der Verkehrssünder nicht stigmatisiert wird, übt er gemeinsam mit Bikern, die nichts über seine Strafe erfahren.

Dass der Landesinnenminister Ingo Wolf auf dem Platz in Jülich-Koslar während eines solchen Trainings die Verkehrsunfallbilanz für das erste Halbjahr 2009 vor stellte, hat seinen Grund: Seine größten Sorgenkinder sind die Biker.

Grundsätzlich kann sich die Bilanz sehen lassen: Noch nie seit 1953 starben in einem Halbjahr weniger Menschen auf den nordrhein-westfälischen Straßen als in den ersten sechs Monaten dieses Jahres. Die Zahl der Verkehrstoten verringerte sich im Vorjahresvergleich um 47 auf 293. Das entspricht einem Rückgang von 14 Prozent.

Die Zahl der Verkehrsunfälle sank zwischen Januar und Juli insgesamt um 2873 auf 273.295, ein Rückgang von einem Prozent. Dabei wurden 6313 Personen schwer und 30.127 leicht verletzt.

Auch bei den Motorradfahrern gab es vier Tote weniger. Aber 55 getötete Motorradfahrer sind für die Jahreszeit, in der weniger von ihnen unterwegs sind, immer noch zu viel. Und: Bis Ende Juni war jeder fünfte Verkehrstote ein Biker, im Vorjahreszeitraum war es noch jeder sechste.

Fast die Hälfte aller getöteten Motorradfahrer war zu schnell unterwegs und verursachte dadurch den Unfall. „Kurvenreiche enge Straßen, schönes Wetter und eine schwere Maschine verführen Biker oft zu schnellen und riskanten Fahrmanövern”, stellte Wolf fest.

Bei den Unfällen mit Verletzten sehen die Zahlen ähnlich aus: Insgesamt verunglückten 2098 Biker, 457 von ihnen wurden durch zu schnelles Fahren und dadurch selbst verursachte Unfälle verletzt.

Erfreuliche Nachricht: Im Kreis Düren, wo es - durch die Eifel bedingt - immer wieder zu schweren Kradunfällen kommt, ist im ersten Halbjahr kein einziger Biker ums Leben gekommen.

Unfallrisiko 18 Mal höher

Das Unfallrisiko ist für Motorradfahrer gegenüber Autofahrern 18 Mal höher. Gerade Kradfahrer müssten angesichts mangelnder Knautschzone noch umsichtiger und vorausschauender fahren. Polizeibeamte, die in zivil auf dem Motorradfahrer in der Eifel unterwegs sind - mit modernster Videotechnik ausgerüstet - berichten dagegen von der Leichtfertigkeit auch bei der Ausrüstung.

„Mit einem Helm ist es nicht getan, Schutzkleidung mit Protektoren sind unerlässlich.” Der Innenminister bemängelte, dass Anti-Blockiersysteme, wie sie bei Pkw längst üblich seien, von den Motorradbauern noch nicht als Standard in jede Maschine eingebaut würden.

Sicherheitstraining statt Strafe für Biker

Das Ziel des Fahrsicherheitstrainings ist es, die bessere Fahrzeugbeherrschung intensiv zu trainieren. Die Teilnehmer sollen lernen: Gefahren frühzeitiger zu erkennen und zu vermeiden, auch dadurch, dass sie die wichtigsten Grundfahrtechniken beherrschen.

Die Lerninhalte: Theorie und Praxis sind eng verknüpft, wobei besonderer Wert auf die Fahrpraxis gelegt wird: Lenkimpulstechnik, optimales Bremsen, Slalom und das richtige Reagieren in Not- und Gefahrensituationen sollen während des Trainingstages „erfahren” werden.