Stolberg/Roetgen: Motorradfahrender Diakon: „Nicht alle Biker sind rasende Rowdies“

Stolberg/Roetgen : Motorradfahrender Diakon: „Nicht alle Biker sind rasende Rowdies“

Der motorradfahrende evangelische Geistliche Joachim Richter veranstaltet am 28. April seinen zweiten Motorradgottesdienst in der Eifel. Eifel? Motorräder? War da nicht was? Doch, da war was: Lärm vom Frühjahr bis zum Herbst, vor allem an den Wochenenden und an Feiertagen, vor allem rund um den Rursee. Viele Eifeler sind genervt.

Motorradgottesdienste sind keine wirklich neue Erfindung, in Deutschland fand der erste am 7. Januar 1962 am Nürburgring statt. Warum ein weiterer Motorradgottesdienst nötig ist und ob so die Eifeler mit den Motorradfahrern versöhnt werden sollen, hat Richter im Gespräch mit Marlon Gego erklärt.

Joachim Richter, motorradfahrender Diakon, organisiert den Gottesdienst in Roetgen. Foto: Marlon Gego

Herr Richter, in Deutschland gibt es mittlerweile fast mehr Motorradgottesdienste als Motorräder, warum haben Sie sich vergangenes Jahr entschlossen, einen weiteren zu organisieren?

Richter: (lacht) Ach kommen Sie... Ich finde nicht, dass es hier in der Gegend besonders viele Motorradgottesdienste gibt.

In Köln gibt es einen ziemlich großen.

Richter: Ja, okay. Aber wer fährt von hier aus nach Köln zum Motorradgottesdienst? Wir haben vergangenes Jahr gedacht, wir probieren‘s einfach mal hier.

Sie hätten auch einen Fußgänger-, Fahrradfahrer-, Longboardfahrer-, Snowboardfahrergottesdienst organisieren können, eine Messe unter freiem Himmel für Tretrollerfahrer, Halbmarathonläufer, Wanderer, Autofahrer, E-Biker, Reiter, Stelzenläufer. Wäre das nicht origineller gewesen?

Richter: (lacht) Ja, da haben Sie recht, das wäre sehr sicher originell gewesen. Aber ich bin nun mal Motorradfahrer, und wir haben ja auch alle anderen Interessierten zu unserem Gottesdienst eingeladen.

Motorradgottesdienste waren in Deutschland neben Livemusik das erste, was den Kirchen eingefallen ist, um Imagepflege bei jüngeren Menschen zu betreiben. Die Metabotschaft von Motorradgottesdiensten ist ja immer auch: „Seht her, wie cool Kirche sein kann“. Ist das nicht ein bisschen angestaubt, ein bisschen 1985?

Richter: Nein, da bin ich nicht Ihrer Meinung. Ihre Frage ist trotzdem berechtigt. Wir machen bei uns in der Gemeinde manchmal „Poetry Slam meets Rockandacht“...

... im Ernst?

Richter: Ja klar. Solche Veranstaltungen haben ja, wie Motorradgottesdienste, etwas mit einer neuen Art von Gottesdiensten zu tun. Auch beim Motorradgottesdienst am 28. April wird es Poetry-Slam-Elemente gepaart mit Rockmusik geben. Ich finde, dass die Kirche bei steigenden Austrittszahlen nicht einfach stehenbleiben kann. Es ist an uns, auch mal andere Wege zu gehen.

Dann sehen Sie sich als eine Art neuzeitlicher Missionar?

Richter: Ich mache kirchliche Jugendarbeit, und natürlich hat diese Arbeit auch missionarischen Charakter. Aber ich lass‘ die Menschen auch gern leben.

Poetry Slam und Motorradfahren gehören nicht zu den Feldern kirchlicher Kernkompetenzen, um es mal so zu sagen. Sie machen Menschen also Angebote auf Feldern, die der Kirche wesensfremd sind. Wäre es für die Kirche nicht besser zu überlegen, wie sie das, was sie ausmacht, so verändern kann, dass junge oder bislang kirchenfremde Menschen angesprochen werden?

Richter: Ich sehe das nun gar nicht als wesensfremdes Feld. Denn wer definiert die kirchliche Kernkompetenz? Wir sind doch alle eingeladen, unseren christlichen Glauben zu leben — auch die Motorradfahrer, ihre Freunde und die Jugend. Wir erweitern an dieser Stelle nur das kirchliche Angebot, und ich denke, das ist auch bei uns schon lange überfällig.

Also gut, ich versuch‘s mal anders: Haben Sie die Menschen, die Sie vergangenes Jahr auf dem Motorradgottesdienst getroffen haben, später noch mal in der Kirche gesehen?

Richter: Ja, durchaus.

Also fruchtet der Motorradgottesdienst als missionarisches Instrument?

Richter: Ja, der Gottesdienst fruchtet als missionarisches Instrument, insbesondere weil auch hier alle Menschen eingeladen sind, wie in der Kirche. Die äußeren Rahmenbedingungen sind nur andere und eher passend für Menschen, die sich vielleicht in eine Kirche nicht hinein trauen und sich dort deplatziert fühlen. Wenn wir diesen Menschen den Glauben, die Auseinandersetzung mit Gott auf diesem Weg, auch mit Würstchen, schmackhaft machen, öffnen wir Türen.

Aber eigentlich ist doch Kirche so gar nicht: grillen, Rockmusik, Motorradlärm.

Richter: Na ja, sind Sie sicher? Denken Sie an Pfarr- und Gemeindefeste, da gibt‘s doch auch Musik, da wird auch gegrillt.

Stimmt, Sie haben vollkommen recht. Wie kriegen wir jetzt den Bogen vom Pfarrfest zu den Motorradrasern in der Eifel?

Richter: Lassen Sie uns einfach drüber sprechen (lacht).

Gar nicht so wenige Hobbyrennfahrer haben in den vergangenen Jahren in der Eifel viel dafür getan, das Image von Motorradfahrern zu zerstören. Gehören Sie eigentlich auch zu diesen Rurseerasern?

Richter: Nein, nein. Schon weil ich meistens in Belgien fahre.

Sie rasen in Belgien und rauben den Menschen dort die Nerven?

Richter: (lacht) Aber bitte! Ich rase nicht, glauben Sie mir. Ich gehöre zu einer Gruppe, die alte BMW-Maschinen umbaut, mit denen kann man überhaupt nicht rasen. Wir gehören nicht zu den Motorradfahrern, die sich auf Rennmaschinen setzen und losrasen.

Ist Ihnen als Motorradfahrer erklärlich, was erwachsene Menschen dazu treibt, auf der B 258 ihr Motorrad auf 250 km/h oder mehr zu beschleunigen? Man kann sich bei Youtube entsprechende Videos anschauen.

Richter: Ich kann das auch nicht nachvollziehen, mir selbst würde das nichts bringen. Ich kann Ihnen das nicht erklären. Vielleicht hat es mit Nervenkitzel zu tun? Ich weiß es wirklich nicht.

Diskutieren Sie mit Ihren Motorradfreunden über die Raserei in der Eifel?

Richter: Nein, ehrlich gesagt nicht. Wir haben andere Themen.

Aber die Raserei betrifft doch auch Sie, weil die Wenigen, über die sich so viele aufregen, doch das Image aller Motorradfahrer regelrecht zerstören. Nicht nur in der Eifel, sondern ja auch im Sauerland oder im Oberbergischen, zum Beispiel.

Richter: Da haben Sie recht, aber wissen Sie, die Raser sind eine völlig andere Gruppe von Motorradfahrern, mit völlig anderen Interessen als denen, die wir haben.

Ist die Raserei denn auch kein Thema in Ihrem Motorradgottesdienst am 28. April?

Richter: Ich habe den Gottesdienst noch nicht zu Ende geplant, aber ich hatte schon vor, das Thema zumindest anzureißen.

In Ihre Einladung schließen Sie neben Motorradfahrern auch alle anderen Interessierten ein. Ich hatte es mir so vorgestellt, dass Sie das bewusst machen, vielleicht, um die Eifel mit den Motorradfahrern zu versöhnen.

Richter: Wenn das klappen würde, wäre das sehr schön, ja (lacht). Gerade die Eifel mit ihrem Motorradfahrerproblem braucht solche Zeichen, denn es sind lange nicht alle Biker rasende Rowdies. Vielleicht kann diese Aktion zu einer Annäherung der Fronten führen und Brücken schlagen.