Moschee: Kölns Ex-OB Schramma steht zum Projekt

Kölns Ex-OB Schramma im Interview : „Die Moschee wird Erdogan überdauern“

Interview: Kölns Ex-OB Fritz Schramma gehört zu den Initiatoren des umstrittenen Moschee-Projekts. Zur Eröffnung ist er nicht eingeladen.

Für die Kölner ist das beeindruckende Gebäude mit der gläsernen Kuppel und den beiden 55 Meter hohen Türmen in Ehrenfeld eigentlich schon „ihre Moschee“. Die größte Moschee bundesweit gehört zum Stadtbild dazu wie der Dom und der Fernsehturm. Eine feierliche Eröffnung für die Bevölkerung und die Gläubigen hätten sich viele in der Stadtgesellschaft gewünscht.

Doch nun kommt alles anders. Die Freude über die Einweihung der Zentralmoschee des Islamverbandes Ditib wird durch die Anwesenheit des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geschmälert. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) hat ihre Teilnahme an der Eröffnung am Samstag abgesagt. Als Grund führte sie an, dass der Ablauf der Veranstaltung bislang „völlig ungeklärt“ sei. Sie zeigte sich enttäuscht vom Umgang des Moschee-Trägerverbands Ditib mit „Vertretern der Stadtgesellschaft“. Doch Reker steht nicht alleine da.

Einer, der das Projekt Kölner Moschee mit initiiert hat, bleibt der Feier ebenfalls fern. Fritz Schramma (CDU) war von 2000 bis 2009 Oberbürgermeister der Stadt Köln. Er sitzt im Moscheebeirat, und ohne ihn wäre die Moschee mit großer Wahrscheinlichkeit noch gar nicht fertig. Nach Protesten von rechten Gruppen wie „Pro Köln“ ging es 2009 mit dem Bau los. 2011 dann der Streit: Die Ditib als Bauherrin warf 2011 den renommierten Architekten Paul Böhm raus, wegen angeblich auf 34 Millionen Euro verdoppelter Kosten und 2000 Baumängeln.

Schramma schlug ein Mediationsverfahren vor und brachte die Parteien wieder an einen Tisch, wo sie eine Einigung erzielten. Böhm blieb an Bord. Doch auch er wird am Samstag nicht teilnehmen. Denn auch ihm will die Ditib wie der Oberbürgermeisterin keine Redezeit zugestehen. „Ich kann das nachvollziehen“, sagt Schramma im Gespräch mit Redakteurin Madeleine Gullert. Die Moschee wird wohl weiter für Schlagzeilen sorgen.

Herr Schramma, was machen Sie am Samstag?

Schramma: Das weiß ich noch nicht.

Werden Sie bei der Moschee-Eröffnung sein?

Schramma: Also als ich zuletzt im Briefkasten nachgesehen habe, hatte ich keine Einladung. Und ich gehe nicht zu Festen, zu denen ich nicht eingeladen bin.

Sie haben damals als Oberbürgermeister den Prozess Moscheebau mit angestoßen, haben den Grundstein gelegt, sitzen im Beirat. Ist es da nicht seltsam, dass Sie man nicht an Sie denkt?

Schramma: Das ist sehr seltsam, man könnte auch sagen unprofessionell oder auch böswillig. Nicht nur mir gegenüber, sondern auch die formlose unvollständige Einladung an die aktuelle Oberbürgermeisterin Henriette Reker.

Schmerzt es Sie, dass Sie nicht dabei sein werden?

Schramma: Die Enttäuschung hält sich angesichts der Umstände der Eröffnung in Grenzen. Wir hatten uns immer eine andere Art der Einweihung gewünscht. Uns schwebte im Beirat ein integratives Volksfest vor, auch mit Beiträgen aus der Kölner Kulturszene. Natürlich wollten wir auch immer hohe Staatsgäste dabei haben. Ich hatte seinerzeit noch den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff gefragt, ob er kommen würde. Die Einweihung war ja ursprünglich schon viel früher geplant. Und wenn man es so hochkarätig anlegt, muss auch von türkischer Seite beispielsweise ein Minister kommen. Aber dass es nun so hochkarätig ist . . .

Werden die Kölner wegen des Staatsbesuchs Erdogans um ein schönes Fest betrogen?

Schramma: Ja, schon allein, weil die Sicherheitsmaßnahmen so immens hoch sind. Ganze Straßen- und Autobahnabschnitte werden in Köln gesperrt. Die Anwohner in Ehrenfeld können nur unter Geleit der Polizei ihre Wohnungen verlassen. Wenn der Kölner sich noch über die Sperrungen ärgert, sitzt Erdogan schon wieder in seinem Palast in der Türkei. (lacht) Das ist alles sehr traurig. Zu Köln hätte ein lockereres Fest für alle gepasst.

Aber das ist offensichtlich von der Ditib nicht gewollt.

Schramma: Die Ditib hat sich sehr verändert, seit wir das Projekt Moschee einst gemeinsam begonnen haben – wie auch die Türkei insgesamt sich verändert hat. Die Ditib ist mit ihrem Verhalten gerade dabei, sehr viel zu verspielen.

Wie groß ist der Schaden?

Schramma: Wir haben über Jahre für die Akzeptanz dieses Gebäudes geworben. Und das hatte gut geklappt. Die Widerstände waren quasi weg. Die Kölner sahen die Moschee als „ihre Moschee“. Die höchste Form der Integration ist es ja wohl, wenn man im Kölner Rosenmontagszug persifliert wird. Und das ist ja auch schon passiert. Das Erreichte wird aber durch die Verstaatlichung dieser Moschee-Einweihung zerstört. Das ist ein Rückschritt.

Haben Sie Befürchtungen, dass die Ablehnung wieder zunimmt – wie 2007, als in Köln Rechte gegen den Moscheebau demonstrierten?

Schramma: Es ist jedenfalls offenkundig zu bedauern, dass die Rechten, die schon immer alles besser wussten, jetzt wieder Oberwasser bekommen durch den Erdogan-Besuch. Der türkische Präsident schadet der Integration hier.

Das sind harte Worte.

Schramma: Mag sein, aber hätte ich die Gelegenheit, würde ich ihm das genau so sagen. Als Erdogan im Wahlkampf Köln mit türkischen Plakaten zuplakatierte und dann nach Köln kam, habe ich ihn getroffen und ihm gesagt, dass mir das missfällt, und dass das der Integration von Türken und Deutsch-Türken in Köln schadet. Aber als Kölner versuche ich ja, immer etwas Positives zu sehen. Wenn Erdogan hier ist, sieht er wenigstens mal ein Land, in dem Journalisten schreiben können, was sie wollen, und Leute, die eine andere Meinung haben, diese auch kundtun können. Das werden am Samstag ja auch einige Menschen tun.

Sehen Sie Ihr Vermächtnis, denn als das muss man die Moschee sicherlich bezeichnen, angekratzt?

Schramma: Die Moschee als Gebäude wird diesen türkischen Präsidenten und diese Besetzung der Ditib überdauern. Diese Gewissheit habe ich. Und ich hoffe, dass wir wieder auf eine vernünftige Ebene des Austauschs kommen. Die Moschee sollte das friedliche Miteinander und den Dialog unterschiedlicher Kulturen und Religionen fördern.

Das war ja auch ursprünglich die Idee mit dem gläsernen Bau.

Schramma: Ja, dass der Kölner Architekt Paul Böhm dieses schöne Gebäude erdacht hat, ist toll. Er hatte ja mit sakralen Bauten Erfahrung, allerdings nur mit Kirchen. Aber auch diese Moschee hat er hervorragend gelöst. Diese Transparenz sollte ein Zeichen für die Öffnung und den Austausch sein.

Danach sieht es jetzt nicht aus.

Schramma: Ich gebe die Hoffnung aber nicht auf. Ich bleibe im Gegensatz zu anderen auch weiter im Moschee-Beirat. Ich halte das Angebot des Dialogs aufrecht. Es braucht etwas, bis ich eine Tür komplett zuschlage.

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