Mordprozess: Zwei Männer schleifen ihr Opfer hinter dem Wagen her

Opfer hinter Auto hergeschleift : Angeklagte sollen sich am Steuer abgewechselt haben

Was bewegt zwei Männer dazu, am Ende eines feuchtfröhlichen Abends einen Zechkumpan an einem Wagen zu binden und hunderte Meter über den Schotter zu schleifen? Am Dienstag hat ein Verfahren gegen Viktor B. und Jürgen Z. begonnen. Es geht um versuchten Mord, aber auch um das Motiv für eine unfassbare Tat.

Was hat die Männer bewegt, einen anderen Mann, mit dem sie zuvor stundenlang gefeiert haben, am Ende der Nacht an ihren Kleintransporter zu binden? Was ist ihr Motiv, den Mann jeweils 500 Meter mit Vollgas über einen schottrigen Weg zu schleifen? Und warum lassen die Männer, die vorher noch nie auffällig wurden, den schwerverletzten 39-Jährigen achtlos liegen und machen sich aus dem Staub?

Vor der 1. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Aachen hat am Dienstagnachmittag der Prozess gegen die beiden Angeklagten begonnen. Staatsanwältin Melissa Hilger wirft ihnen versuchten Mord, schwere Körperverletzung, Freiheitsberaubung und gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr vor. Das Verfahren könnte am 14. November mit einem Urteil enden. Bis dahin wird es auch darum gehen, wieso Viktor B. und Jürgen Z,. so ausgeklinkt sind an diesem langen Tag.

Alles begann am 5. April in einer Kleingartenanlage in Euskirchen. Die Männer hatten sich zum Feiern verabredet, kauften am frühen Abend gemeinsam an einer Tankstelle Spirituosen ein. Alkohol floss reichlich, irgendwann kippte die Stimmung, weil Viktor B. und Jürgen Z., 36 und 37 Jahre alt, ihren Zechkumpan des Geld-Diebstahls bezichtigten. Und so nahm der geplante gemeinsame Abend ein grausames und ziemlich unbegreifliches Ende. Die beiden Männer rasteten völlig aus – folgt man der Anklage. Sie traten und schlugen das Opfer zunächst brutal mit einem Stock.

Dann wurde der 39-Jährige auf die geschlossene Ladefläche eines Kleintransporters gepackt. Viktor B. und Jürgen Z. machten sich auf dem Weg zur Urfttalsperre. Die Strecke ist 40 Kilometer lang, eine Stunde lang hätten die beiden Männer aus Bonn-Mechernich und Euskirchen Zeit gehabt, sich zu beruhigen. Stattdessen aber beschlossen sie, ihr Opfer weiter zu verletzten. Als sie am frühen Morgen etwa gegen 4.30 Uhr an der Kreisstraße 7 am Urftsee ankamen, zogen sie den 39-Jährigen aus dem Wagen und schlugen mit einem dicken Baumstamm auf ihn an. Es folgten weitere Tritte und Schläge gegen Kopf und Brustkorb. Dann banden sie ihm ein Tau um den Oberkörper, verbanden das Seil mit dem Transporter, und dann schleifte jeder der Männer – laut Anklage – sein Opfer 500 Meter lang über den Schotterweg.

Das Martyrium war immer noch für den Mann beendet, ihm wurden Geld, Handy und Kleidungsstücke abgenommen. Viktor B. und Jürgen Z. verließen den Tatort am frühen Morgen, sie kümmerten sich nicht um den lebensgefährlich Verletzten, sie nahmen seinen Tod in Kauf, steht in der Anklage. So wurde aus der schweren Körperverletzung ein versuchter Mord durch Unterlassen. Bevor sie das Gelände an der Urfttalsperre verließen, schüchterten sie ihr Opfer noch ein. „Wir kriegen dich, wenn du die Polizei informierst.“

Der Mann überlebte nur, weil ihn eine Passantin am frühen Morgen zufällig fand. Er war lebensgefährlich verletzt und unterkühlt und überlebte nur knapp. Durch seine Aussagen konnten seine Peiniger ein paar Tage später festgenommen werden.

Seitdem sitzen Viktor B., der selbstständige Dachdecker, und Jürgen Z., der selbstständige Tischler, in Untersuchungshaft. Bei einer Befragung haben beide versichert, dass sie keine Probleme mit Alkohol oder Drogen hätten.

Zu den Vorwürfen haben sie bislang weitgehend geschwiegen, und auch im Prozess wollen sie sich zumindest vorerst nicht äußern. Am ersten Verhandlungstag schlug einer der Anwälte ein Hintergrundgespräch mit allen Verfahrensbeteiligten vor. „Vielleicht liegen wir mit unseren Vorstellungen ja nicht so weit auseinander.“ Richter Roland Klösgen teilte ihm mit, dass es so nicht kommen werde. „Ich führe prinzipiell keine Verständigungsgespräche.“

Die Verhandlung wird am 22. Oktober fortgesetzt. Bei einer Verurteilung drohen Viktor B. und Jürgen Z. theoretisch lebenslange Freiheitsstrafen.

Mehr von Aachener Nachrichten