Aachen: Mordprozess gegen Lydia H. immer undurchsichtiger

Aachen: Mordprozess gegen Lydia H. immer undurchsichtiger

Längst sollte ein Urteil gefällt sein im Fall der Aachener Ärztin Lydia H (36), die in der Nacht zum 19. Februar 2011 ihren Ehemann Hermann H. (85) mit einer Überdosis Morphin hinterhältig und aus Habgier umgebracht haben soll. Doch der Fall wird mehr und mehr undurchsichtig.

Inzwischen ist er so undurchsichtig, dass der Vorsitzende der Aachener Schwurgerichtskammer, Richter Gerd Nohl, nach den bereits gehaltenen Plädoyers erneut in die Beweisaufnahme eintrat, zu vieles bedarf nach Meinung des Gerichts noch einer Klärung. Lydia H.s Strafverteidiger Reinhard Birkenstock (Köln) hatte im Schlussplädoyer Fragen aufgeworfen, die im Prozessverlauf zu kurz gekommen waren oder gar nicht gestellt wurden. So waren keine Spritzen sichergestellt worden, mit denen die Anästhesistin ihren Mann hätte töten können, sie wären jedenfalls ein Hinweis gewesen.

Auch Reste des schmerzstillenden Opiats Morphium waren von den Rechtsmedizinern nur im Blut des Toten gefunden worden, allerdings in tödlicher Dosis. Ob der Stoff in der Wohnung war, ist unbekannt. Wahrscheinlich fand sich auch deshalb nichts, weil niemand danach gesucht hatte. Der Leichenbeschauer fand vor Ort keine Anhaltspunkte für einen gewaltsamen Tod. So stellte Anwalt Birkenstock die These vom möglichen Selbstmord in den Raum. Durchaus eine Möglichkeit, wie am Montag die Zeugenaussagen der Mutter von Lydia H. und einer Nichte des Verstorbenen zumindest offen ließen.

Vor seinem Tod suchte er Lydia H.

Belastendes dagegen berichteten zwei Bibliothekarinnen der Uniklinik Aachen. Lydia H. sei aufgefallen, als sie ein Tagesschließfach der Bibliothek haben wollte. Dort werden Taschen deponiert. Sie nutzte es. Als sie nach einer Woche nicht wiederkam, habe man das Fach geöffnet. Und darin lagen eine Hand voll medizinische Ampullen, ihr Inhalt: Morphium.

Die entlastende Möglichkeit des Selbstmordes dagegen unterfütterte Elke J. (57), Mutter der angeklagten Ärztin. Die aus Stockach bei Überlingen stammende Zeugin berichtete, noch kurz vor der mutmaßlichen Tat mit der Tochter und gleichermaßen auch dem - erheblich älteren - Schwiegersohn telefoniert zu haben. Letzterer habe nach ihrer Tochter, seiner Ehefrau, gesucht, die inzwischen in Ulm eine Stelle als Ärztin bekommen hatte und gleichermaßen eine neue Beziehung führte, von der der Aachener Ehemann nur etwas ahnte, jedoch nichts Genaueres wusste.

Die damals 35-Jährige sei sein Lebensinhalt gewesen, hieß es. Wenn sie ihn verlasse, habe er zu verstehen gegeben, dann lohne sich für ihn die eigene Existenz nicht mehr. Ähnliches äußerte er auch in einem Telefongespräch mit dem Vater von Lydia H.

Der 76-Jährige sagte ebenfalls am Montag in Aachen aus. Lydia sei ein fröhliches, aufgeschlossenes Kind gewesen, nur als Teenager geriet sie in Drogenkreise, bedauerte der Vater. Auch ihn habe „der Hermann” vor den Geschehnissen angerufen, gefragt, wo sie sei. Er, der Vater, habe gewollt, „dass sich beide wieder verstehen”.

Der Prozess geht am 23. Februar weiter.