Aachen: Mordkommission: „Wenn ich von Leichen träume, höre ich auf."

Aachen : Mordkommission: „Wenn ich von Leichen träume, höre ich auf."

Wenn im Fernsehen Krimis laufen, was ja am laufenden Band der Fall ist, dann schalten Klaus Thevis und Michael Fritsch-Hörmann gerne und oft ein. Zum Beispiel, wenn „Tatort“-Zeit ist. Trotz allem. Denn: „Nach ein paar Minuten würde ich am liebsten wieder abschalten. Ich rege mich jedes Mal auf“, lacht Fritsch-Hörmann. Was nicht etwa mit der Spannung zu tun hat.

Vielmehr hat beispielsweise in diesem Moment mal wieder ein TV-Kommissar Spuren vernichtet, weil er einfach in Alltagskleidung durch den Schauplatz des Verbrechens trampelt. Mit dem wirklichen Leben eines Mordermittlers hat das nichts zu tun. Kaum jemand weiß das besser als Thevis und Fritsch-Hörmann. Die beiden Ersten Kriminalhauptkommissare sind das, was man auf diesem Gebiet „alte Hasen“ nennt.

Beide haben enorme Erfahrung, wenn es darum geht, Mördern auf die Schliche zu kommen. Beide machen diesen Job seit Jahrzehnten im Aachener Präsidium. Klaus Thevis leitet das dafür zuständige Kriminalkommissariat 11 (KK11), Fritsch-Hörmann ist sein Stellvertreter.

Gerade in Sachen Mord haben sie im Moment mehr zu tun, als ihnen lieb sein kann. In relativ kurzer Folge sind zuletzt die Fälle auf ihrem Tisch gelandet. Da war der 23-jährige Syrer, der in Aachen auf offener Straße erstochen wurde. Da ist jene junge Frau im Kreis Heinsberg, die immer noch vermisst wird und bei der man davon ausgeht, dass sie nicht mehr lebt.

Da waren jene zwei Frauen in Aachen und Herzogenrath, die kurz nacheinander umgebracht wurden. „Diese beiden Fälle sind fast eine Blaupause, und trotzdem haben sie rein gar nichts miteinander zu tun“, sagt Thevis. In beiden Fällen sind die Lebenspartner der Frauen dringend tatverdächtig. Bei einem klickten die Handschellen, im anderen Fall wird der Mann immer noch gesucht, ist untergetaucht.

Jede Menge Arbeit. Und doch nur ein kleiner Ausschnitt dessen, womit sich das KK11 zu befassen hat. Drei Mordkommissionen, die aber nicht dauerhaft existieren, gehören zu der Abteilung. Gebildet werden sie erst, wenn es zu einer Tat gekommen ist. „Alltagsgeschäft“ hingegen sind sogenannte „Todesermittlungsverfahren“. Und davon gibt es fast 1000 pro Jahr.

In der Rechtsmedizin

Eingeleitet werden sie, wenn der Arzt am Fundort einer Leiche nicht zweifelsfrei einen natürlichen Tod attestieren kann. Diese Fälle landen beim KK11 und werden dann in der Rechtsmedizin untersucht.

In den seltensten Fällen ist ein Gewaltverbrechen der Hintergrund. Arbeit — vor allem bürokratische — macht das dennoch. Feuer gehört ebenfalls zu den Aufgaben des KK11. Die Ermittler sind dafür zuständig, Ursachen für Brände herauszufinden — von der brennenden Mülltonne bis zum Großbrand. Und auch bei gefährlicher Körperverletzung — Taten, bei denen Hieb-, Stich- und Schusswaffen eingesetzt wurden — ist das KK11 zuständig.

Um das alles kümmern sich in Aachen gerade mal zwölf Kripo-Beamte. Das klingt nicht nach viel. Und doch fügt Klaus Thevis ein „noch“ an. Denn in Zukunft könnten es Umstrukturierungsplänen zufolge noch weniger sein.

Dann würden Kollegen aus anderen Kommissariaten noch öfter hinzugezogen — so wie es bei Mordfällen zu Beginn der Ermittlungen ohnehin üblich ist. Dabei sind Mordermittler eine besondere Spezies unter den Kripoleuten. „Man muss von allen Fachbereichen etwas wissen und viele Hintergründe kennen“, beschreibt es Fritsch-Hörmann. Man muss außerdem „Leichen sehen können“.

Auch wenn sie seit Wochen in einer Wohnung liegen, längst im Zustand der Verwesung sind, man sich nur mit Atemmaske und Schutzanzug nähern kann. Man muss den körperlich anstrengenden Job abkönnen, es aushalten können, im stinkenden Dreck eines Brandschauplatzes zu waten und zu wühlen.

Man muss damit leben, mitten in der Nacht zu einem Tatort gerufen zu werden. Man muss es abkönnen, in der ersten und wichtigsten Zeit einer Mordermittlung 70, 80, 90 Stunden in der Woche vollgepumpt mit Adrenalin zu arbeiten und nicht wirklich Schlaf zu bekommen — egal, ob fast alle anderen Weihnachten, Ostern, Silvester oder was auch immer feiern.

Nicht oben auf der Wunschliste

Alles Dinge, weswegen der Job im KK11 nicht unbedingt ganz oben auf der Wunschliste eines Kriminalbeamten steht, wie Thevis sagt. Die Azubis kommen noch gerne. Doch die sind nur zeitweise diesen Belastungen ausgesetzt. Aber dauerhaft? Da winkt mancher schnell wieder ab. Dabei werden diese Spezialisten in den kommenden Jahren händeringend gesucht.

Die erfahrenen Ermittler gehen gleich reihenweise. Klaus Thevis ist 60, in zwei Jahren ist Schluss. Fritsch-Hörmann ist 58 und somit auch nicht weit vom Ruhestand entfernt. Bis 2021 wird das halbe Kommissariat im Pensionsalter angekommen sein. „Da geht viel Fachwissen“, sagen sie. Das zu ersetzen, dürfte schwierig werden.

Und es ist längst nicht nur das Fachwissen. Es ist auch das über Jahrzehnte gewachsene Gespür für den Fall, die Hintergründe, die Psychologie eines Täters oder das Geschick bei der Vernehmung eines Tatverdächtigen. Wobei diese Vernehmung immer am Ende einer langen Kette von Gesprächen steht. Am Anfang einer Mordermittlung werden meist Dutzende Personen vernommen, um Fakten zu sammeln.

„Wenn wir zwei Wochen lang das Leben eines Opfers auf links gedreht haben, wissen wir mehr von ihm als seine Ehefrau“, sagt Thevis. Und wenn dann der Hauptverdächtige an der Reihe ist, gibt es im Grunde keine Faustregel, wie man ihn am besten zum Reden bringt. „Das Ergebnis zählt“, sagt Fritsch-Hörmann.

Häufig kommt es zum Beispiel vor, dass die Ermittler gar nicht so tief bohren müssen. „Viele Täter leiden selber und heulen hier Rotz und Wasser.“ Und manchmal kommt es auch auf scheinbar belanglose Kleinigkeiten an. „Einer fing mal an zu reden, nachdem wir ihm eine Currywurst besorgt haben“, erinnert sich Thevis. Das in vielen TV-Krimis beliebte Wechselspiel „good cop, bad cop“ (lieber Polizist, böser Polizist) findet in der Realität dagegen eher selten statt, erzählt Fritsch-Hörmann.

Überhaupt, diese Krimis ... „Die Vernehmungsräume, die man da immer sieht, sind wohl extra fürs Fernsehen gebaut worden“, schmunzelt der Ermittler. Im Aachener Präsidium gibt es sie — also etwa jene mit den Spiegeln, hinter denen Kollegen das Verhör beobachten — jedenfalls nicht. Da finden Vernehmungen in den Büros der Kommissare statt, und dort muss dann im Zweifel auch der wichtige Wirtschaftsboss antanzen. Und nicht umgekehrt. „Wir rennen den Leuten nicht hinterher und vernehmen sie in ihren Büros, wie das im Fernsehen oft zu sehen ist“, sagt Thevis.

Im Fernsehen ruckzuck

Und dann ist da noch die Sache mit dem Ermitteln der Telefon- und Verbindungsdaten. Im Fernsehen geht das immer ruckzuck, in der Realität kann es schon einmal ein paar Tage dauern — was gerade am Anfang einer Mordermittlung, wenn jede Stunde zählt, fatal sein kann. „Die Polizei hat ein Riesenproblem mit Daten, das ist nicht so wie im Tatort“, weiß Thevis. Die Anfrage muss begründet werden, die Staatsanwaltschaft wird eingeschaltet, ein Richter muss entscheiden: „Wir können nicht einfach auf einen Knopf drücken, und die Daten sind da.“

Dabei geben gerade Telefondaten oft entscheidende Hinweise. „Damit haben wir schon Dutzende von Morden aufgeklärt“, erinnert sich Thevis zum Beispiel an den Fall, als eine alte Frau in Herzogenrath in ihrer Wohnung umgebracht wurde — und der Täter noch aus dieser Wohnung heraus seinen Vater in Marokko anrief. Oder an einen Mord an der Vaalser Straße in Aachen, nach dem sich der Mörder per Handy ein Taxi an den Tatort bestellte ...

Über solch eine Naivität mancher Täter mag man schmunzeln, doch die Brutalität vieler Taten kann Ermittlern auch an die Nieren gehen. So gehört zu diesem Job auch die Robustheit, die Emotionalität eines Falles nicht zu sehr an sich heranzulassen. Klaus Thevis weiß das nur zu gut. Er leitete einst die Ermittlungen im Fall der Morde an den beiden Geschwisterkindern aus Eschweiler. Selbst da muss man professionell agieren. Thevis erinnert sich noch gut, wie er damals mit dem Hubschrauber zu der Stelle in der Eifel geflogen ist, wo das tote Mädchen gefunden worden war. Und wie er dort im Wald stand und dachte: „Wie soll ich solch einen Fall bloß aufklären?“

Mordermittler ist keine Maschine

Thevis und seine Kollegen klärten ihn auf, die beiden Mörder sitzen seitdem im Gefängnis. Aber ein Mordermittler ist keine Maschine. „Es gab Kollegen, die eingebrochen sind und diesen Job danach nicht mehr machen wollten“, sagt der KK11-Chef. Und er selber weiß auch: „Das nimmt man mit nach Hause, das lässt einen nicht einfach so los, wenn man das Büro verlässt.“ Sein langjähriger Kollege Michael Fritsch-Hörmann sagt dazu: „Ich habe mir geschworen: Wenn ich anfange, von den Leichen zu träumen, dann höre ich auf.“ Er hat bis heute nicht von ihnen geträumt.

Und schaltet trotz der vielen Fehler, die die Fernsehkrimis von der Realität unterscheiden, immer wieder die Glotze ein. Sogar einen „Tatort“-Lieblingskommissar hat er. „Den Faber, den Psychopathen aus Dortmund“, sagt Fritsch-Hörmann und schmunzelt. Was gut passt, denn auch der hat mit wirklicher Polizeiarbeit eher wenig zu tun, wie der erfahrene Ermittler weiß. „Der wäre bei uns längst rausgeflogen.“

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