Maastricht/Brunssum: Mord an Nicky Verstappen: 4000 Briefe, sechs Abgabeorte, 100 Mitarbeiter

Maastricht/Brunssum : Mord an Nicky Verstappen: 4000 Briefe, sechs Abgabeorte, 100 Mitarbeiter

Wenn die niederländischen Ermittlungsbehörden ab dem 24. Februar tausende Briefe an Männer zwischen 18 und 75 Jahre verschicken und sie auffordern, einen Wangenabstrich zu machen, wohnen die Adressaten teilweise Hunderte Kilometer weit weg.

Sie haben aber nach Analyse des Bevölkerungsregisters aus 1998 einmal in Brunssum gelebt und können dazu beitragen, einen 20 Jahre zurückliegenden, unaufgeklärten Mord an einem Jungen im rund 30 Kilometer von Aachen entfernten Brunssum aufzuklären.

Die Behörden in der niederländischen Provinz Limburg haben, wie berichtet, jetzt mit der nächsten Phase von großangelegten DNA-Untersuchungen begonnen. Der elfjährige Nicky Verstappen war im Juli 1998 aus einem Ferienlager in der Brunssumer Heide verschwunden und kurze Zeit später in der Nähe in einem Tannenwald ermordet aufgefunden worden.

Zehn Jahre danach waren mit neuen Techniken DNA-Spuren an der Kleidung des Jungen sichergestellt worden, die wahrscheinlich von dem Täter stammen. Bis heute ist nicht geklärt, wie Nicky genau zu Tode gekommen und ob er sexuell missbraucht worden ist. Insektenspuren auf der Kleidung deuten darauf hin, dass der Junge in südliche Richtung mitgenommen worden ist.

Auswertung dauert bis zu einem Jahr

Zusätzlich zu den 4000 Briefen in die Niederlande, teilweise auch ins Ausland, werden in Brunssum, dem Ort des Verbrechens, und Heibloem, Nickys Wohnort, sechs Abgabestellen eingerichtet, wo weitere 17.500 Männer Spucke abgeben können. Dazu stellt die Polizei drei Wochen lang eigens 100 Mitarbeiter ab. Die Auswertung aller Speichelproben wird bis zu ein Jahr in Anspruch nehmen. Schließlich füllen die 20.000 Dokumente aus 20 Jahren Ermittlungen schon jetzt 120 Aktenordner, ohne dass die Tat bisher aufgeklärt werden konnte.

Um die Tat sicher aufzuklären, müssten eigentlich alle niederländischen Männer aufgefordert werden, mitzumachen. Das geht natürlich nicht. Selbst wenn man „nur“ die in einem Radius von fünf Kilometern Wohnenden berücksichtigen würde, käme man noch auf eine Zahl von 134.000 Männern — auch noch eine sehr hohe Zahl und mit vertretbarem Aufwand kaum zu bearbeiten. Durch Geoprofiling und Hinzuzuziehen verschiedener Wissenschaftler ist die Zahl dann auf 21.500 eingegrenzt worden, so trägt man der Tatsache Rechnung, dass die Täter in derartigen Fällen meist aus der Nähe stammen. Außerdem muss der mutmaßliche Mörder sich in der Gegend ausgekannt haben.

Einer der beteiligten Experten bezeichnet die größte DNA-Verwandtschaftsuntersuchung der Niederlande deshalb als eine wissenschaftlich untermauerte Wette. Stammt der Täter nicht aus dem Fünf-Kilometer-Umkreis, etwa ein ausländischer Fernfahrer, werde die Tat vermutlich nie aufgeklärt.

Es gibt noch Hoffnung

Doch zwei Fälle geben den Fahndern Hoffnung. In Friesland war eine 17-Jährige 1999 vergewaltigt und ermordet worden, der Täter hatte sich 2012 an einer großen DNA-Untersuchung beteiligt und wurde so unter 8000 Männern ermittelt.

Ähnlich brutal war 1992 eine 19-Jährige in Nordholland zu Tode gekommen. Ihr Mörder, ein 47-jähriger Vater von vier Kindern, wurde 25 Jahre später ebenfalls durch eine großangelegte DNA-Aktion aufgespürt. Er selbst hatte sich geweigert, daran teilzunehmen, aber die Fahnder kamen ihm durch einen Verwandten auf die Spur. Der 47-Jährige wohnte nur 500 Meter von seinem Opfer entfernt.

Erste DNA-Untersuchungen im Fall Nicky Verstappen haben schon stattgefunden, etwa von den Leitern und Teilnehmern des Ferienlagers, anderen bekannten Urlaubern oder Spaziergängern in der idyllischen Heidelandschaft. Im zweiten Schritt waren alle Personen, die im Polizeidossier vorkommen, gebeten worden, sich zu beteiligen: Diese Gruppe von rund 1500 Männern ist dem zu fast 90 Prozent nachgekommen.

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