Merzenich: Mit Kunst im Hambacher Forst friedlich gegen Braunkohle

Merzenich : Mit Kunst im Hambacher Forst friedlich gegen Braunkohle

Es ist still im Hambacher Forst. Zu still, meint Helge Hommes. Ist das die Ruhe vor dem Sturm? Der Künstler blickt misstrauisch umher. Die mächtigen Buchen in „Beechtown“ erheben sich wie Säulen einer Kathedrale, deren Kuppel von Baumkronen gebildet wird. Über den Köpfen der kleinen Gruppe, die am Dienstagmorgen im Halbkreis um ein Bild von gewaltigen Ausmaßen auf dem Waldboden sitzt, kleben Baumhäuser mitsamt einem Gewirr von Seilen und Hängebrücken wie Spinnennetze auf fast 30 Metern Höhe im Geäst.

„Dies hier“, sagt Hommes und zeigt auf die Wipfel, „ist das eigentliche Kunstwerk!“ Seine Frau Saxana nickt zustimmend und schließt die Augen, während sie mit den Fingern kleine Furchen in den trockenen Waldboden zieht.

Der Hambacher Forst: Für die Künstler Helge Hommes und Saxana (u.l.) ist er ein magischer Ort. Baumbesetzerin Benni (u.r.) kämpft für seinen Erhalt. Foto: Marco Rose

Seit zehn Tagen arbeitet das Künstlerpaar inzwischen täglich im Wald. Elf Gemälde sind in dieser Zeit entstanden, das Abschlusswerk misst drei mal vier Meter. Am heutigen Mittwoch werden die beiden ihre Arbeit abschließen. Zu diesem Anlass laden sie alle Interessierten in den Wald ein. Es soll ein improvisiertes Fest inmitten eines Krisenherdes werden. Eine Ausstellung möglichst in Aachen soll bald folgen.

BU. Foto: Marco Rose

Fast wäre es zu diesem Finale nicht mehr gekommen: Als Hommes vor knapp einer Woche mit den 1000 Euro teuren Utensilien für das Schlussbild in den Wald ziehen wollte, stoppte ihn die Polizei. Terpentinersatz, Ölfarben und Latten könnten von den Baumbesetzern zur Herstellung von Waffen verwendet werden, habe man ihm gesagt. Für den bundesweit bekannten Künstler, der zwölf Jahre lang in den ehemaligen Talbotwerken an der Jülicher Straße in Aachen lebte und arbeitete, „eine absurde Vorstellung“. Nach tagelangen Verhandlungen kehrte das Paar schließlich am Sonntag gemeinsam mit fast 500 Unterstützern triumphal in den Wald zurück — ein in den Sozialen Netzwerken oft geteiltes Video dokumentiert seine Verhandlungen mit den Polizeibeamten.

Dass die mittlerweile in Leipzig lebenden Künstler überhaupt den Weg in dieses umkämpfte Stückchen Wald fanden, ist einem alten Freund zu verdanken — dem ehemaligen Leiter des Aachener Ludwig-Forums, Prof. Wolfgang Becker. „Ich erzählte ihm von den Kämpfen um den Erhalt des Hambacher Forstes. Dieser Wald ist in hohem Maß politisch, weil die, die ihn beseitigen wollen, ein kränkelndes Argument verfechten: die Braukohlenindustrie braucht ihn nicht, diese Industrie ist ein Gewerbe des Untergangs für jeden, der dieser Erde noch eine kleine Chance geben will, weiter zu leben“, sagt Becker zur Begründung für sein Engagement. Für Hommes ist seine Kunstaktion vor allem ein Vehikel, um bürgerlichen Protest in den Wald zu tragen. „Sehen Sie sich doch um!“, sagt er.

Hambacher Forst ein Kunstprojekt

„Wo sind denn die Terroristen, von denen Innenminister Herbert Reul schwadroniert? Es gibt sie nicht! In diesem Konflikt geht es einzig und alleine um Bilder.“ Die Behörden seien bemüht, Vorwände zu konstruieren, um den Wald endgültig räumen zu können. „Und natürlich sollen Horrorgeschichten von aggressiven Linksextremisten dazu dienen, bürgerliche Demonstranten vom Wald fernzuhalten. Denn die könnte man nicht so einfach wegprügeln.“

Für die Baumbesetzer, die derzeit nahezu täglich mit einem Vorrücken der Polizei in den Wald rechnen, ist diese Unterstützung ein Geschenk des Himmels. Genau genommen sei dieser Ort auch ein Kunstprojekt, sagt Dave. Der Mittzwanziger hat nach eigenen Angaben Luft- und Raumfahrttechnik an der RWTH Aachen studiert, bevor er vor dreieinhalb Jahren in den Wald zog. „Dies ist ein gesellschaftliches Experiment — ein Ort, an dem Menschen ein selbstbestimmtes, friedliches Leben führen“, sagt er. „Natürlich provozieren wir auch. Diese Baumhäuser sind eine einzige Provokation.

Aber genau das ist wichtig, um das Thema Braunkohle ins Bewusstsein der Menschen zu bringen.“ Benni, Anfang 20, süddeutscher Akzent, spricht sanft und bedächtig. In einem anarchistischen Konzept gebe es „eine gewisse Bandbreite der Protestes“, sagt sie. Die überwiegende Mehrheit der Aktivisten distanziere sich jedoch deutlich von Gewalt.

Wolfgang Becker sieht einer Räumung dennoch mit Schrecken entgegen. „Das wird blutig enden“, fürchtet der 82-Jährige, der schon mehrfach den Wald besuchte. Er regt die Einsetzung unabhängiger Schlichter an, die in dem Konflikt vermitteln könnten. „Wenn der Wald am Ende schon sterben muss, dann sollten wir dafür kämpfen, dass der Abschied friedlich vonstatten geht.“

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