Aachen: Mit frecher Kampagne auf Nachwuchswerbung für die Feuerwehr

Aachen: Mit frecher Kampagne auf Nachwuchswerbung für die Feuerwehr

Die Feuerwehr in Dormagen hat Nachwuchsprobleme wie alle Feuerwehren in Deutschland. Doch anders als andere Wehren hat sie es geschafft, mit ihrem Problem vor Ort in aller Munde zu sein und den Trend umzukehren — mit einer ungewöhnlichen Werbekampagne. Im Gespräch erzählt Dormagens Feuerwehrchefin Sabine Voss (47) nicht ohne Stolz vom Erfolg der Kampagne.

Ihre Kampagne mit Slogans wie „Wir haben die längsten Schläuche und wollen mehr als nur ein kurzes Abenteuer!“ ist durchaus schlüpfrig. Wer denkt sich so etwas aus, um Nachwuchs für die Freiwillige Feuerwehr anzuwerben?

Die vier nacheinander geschalteten Anzeigen der Feuerwehr Dormagen: Nach vier Wochen meldeten sich 25 Interessenten bei der Freiwilligen Feuerwehr. „Das ist ein gigantischer Erfolg für uns“, sagt Feuerwehrchefin Sabine Voss. Foto: Feuerwehr Dormagen

Voss: (lacht) Wir haben mit dieser Kampagne tatsächlich einen völlig neuen Weg beschritten, weil wir in den vergangenen Jahren festgestellt haben, dass die Kampagnen, die bundesweit, landesweit, kreisweit ausgerollt worden sind, nie Erfolg hatten. Diese Bettelei in „Mitleid“, „Wir suchen Dich!“ oder „Stell‘ Dir vor, Du drückst und alle drücken sich“ — bitte, bitte komm doch zur Feuerwehr, wir haben Nöte — hat überhaupt nichts gebracht. Dann haben wir uns in einer kleinen Gruppe zusammengesetzt — Feuerwehrleute, Verwaltungsleute und auch Externe — und haben entschieden: Wir probieren jetzt mal was Neues. Lasst uns doch mal wach machen und polarisieren!

Wollten Sie mit Sätzen wie „Wir haben die längsten Schläuche“ gezielt Männer ansprechen?

Voss: Dass Frauen bei der Feuerwehr unterrepräsentiert sind, ist kein Geheimnis. Die Quote liegt bei unter einem Prozent. Aber die Kampagne spricht offenbar sowohl Männer wie auch Frauen an. Unter 25 Rückmeldungen nach vier Wochen Anzeigenkampagne sind vier Frauen. Und die waren auch schon alle da und sind begeistert. Vom prozentualen Verhältnis her brauchen wir uns da nicht zu verstecken.

25 Neue — ist das ein Erfolg?

Voss: Wenn ich das mal ganz vorsichtig formulieren darf: Das ist ein gigantischer Erfolg für uns. Wir haben über die Jahre im Durchschnitt einen Zulauf von zehn Menschen, die zu uns finden. Wenn man dann innerhalb von vier Wochen 25 Menschen begeistern kann, ist das ein riesiger Erfolg.

Wie wollen Sie erreichen, dass die Interessenten dauerhaft bei der Feuerwehr bleiben?

Voss: Wir nehmen diese jungen Menschen jetzt an die Hand. Das heißt, die Löschzüge, zu denen die Interessenten gehen, werden sich intensiv um sie kümmern. Sie werden nicht nur mitlaufen. Sie werden individuell betreut. Wir werden sie recht schnell ausbilden und versuchen sie darüber sehr schnell zu integrieren. Wir müssen uns schon Mühe geben!

Bisher war das Klischee, das mit der Freiwilligen Feuerwehr verbunden wurde, die feierfreudige, trinkfeste Dorftruppe. Ersetzen Sie das mit Ihrer Kampagne nicht einfach durch das Klischee der Draufgängertruppe?

Voss: Wir wollten kein Klischee bedienen und wir müssen auch weg von diesem Klischee, dass die Feuerwehr trinkfest ist. Das ist nicht das, was wir wollen. Was wir erreichen wollten ist, dass wir mit einer Werbung wach machen, dass die Menschen über uns reden. Wir wollten zunächst einmal eine Plattform gewinnen, um unsere Botschaft rüberzubringen. Das ist uns offenbar gelungen. Denn ich kenn‘ in Dormagen keinen Bürger, der nicht weiß, dass die Feuerwehr Nöte hat, Nachwuchs zu bekommen. Dabei war uns schon klar, dass wir mit dieser Kampagne polarisieren.

Liegt der Erfolg an der Doppeldeutigkeit der Kampagne? Sie ist frech!

Voss: Letztlich bestimmt der Empfänger den Inhalt der Botschaft. Wir behaupten nichts, was nicht stimmt. Wir haben die dicksten Hupen und die längsten Schläuche. Kommen Sie zu uns und wir beweisen es Ihnen. Wir hören uns die Martinshörner an und wir gucken uns die Schläuche an. Jede andere Botschaft formulieren Sie. Das ist in Ihrem Kopf.

Haben sich schon andere Feuerwehren bei Ihnen gemeldet, die Ihre Kampagne übernehmen wollen?

Voss: Ich habe sowohl Anrufe von anderen erhalten und wir haben auf Facebook enorm viele positive Rückmeldungen bekommen, die sagen: Ja, genau so kann man die Menschen erreichen und auch wach machen für die Feuerwehr. Dieses große Interesse ist gut und macht mir die Türen sogar jetzt in Aachen auf für die Botschaft, dass die Feuerwehr Nöte hat. Denn ich will die Botschaft ja nicht nur für Dormagen rüberbringen. Das ist ja ein allgemeines Problem der Feuerwehr. Sonst würden wir ja nicht soviel Geld in diese Kampagnen bundesweit, landesweit, kreisweit stecken.

Was kostet Sie diese Kampagne für Dormagen?

Voss: Ganz kleines Geld. Wir haben vier Anzeigen von 10 mal 15 Zentimeter Größe geschaltet. Die Idee und die Umsetzung ist von uns. Am Ende hat mal jemand von außen auf das Ergebnis draufgeguckt, dafür aber kein Geld genommen.

Die Anzeige löst aber doch nicht alle Probleme. Zum Beispiel das, dass die Arbeitgeber die Mitarbeiter nicht freistellen wollen und die Arbeitnehmer im heute oft verdichteten Arbeitsalltag das Gefühl haben: Ich lass‘ ja meine Kollegen im Stich, wenn ich in den Einsatz muss.

Voss: Wir sind am Anfang unserer gesamten Werbekampagne. Die Anzeigen sind der Aufschlag bei den jungen Menschen im Alter von 16 bis 30. Wir haben aber selbstverständlich ein bisschen mehr in petto. In einem zweiten Schritt schreiben wir jetzt die Arbeitgeber an, um bei Ihnen dafür zu werben, dass sie die jungen Menschen freistellen. Zum anderen werben wir für die Doppelmitgliedschaft bei freiwilligen Feuerwehrleuten. Die dient Pendlern, die dort, wo sie arbeiten, auch in die Feuerwehr eintreten dürfen. Und wir informieren die Arbeitgeber darüber, was sie für Vorteile durch Feuerwehrleute in ihrer Firma haben.

Welche wären das?

Voss: Sie haben jemanden, der top ausgebildet ist in erster Hilfe und Brandschutz. Der also auch in ihrer Firma diese Themen vermitteln und anwenden kann. Die jungen Menschen sind sozial engagiert, haben eine vernünftige Freizeitgestaltung und sind bestrebt, sich weiterzubilden. Sie können also sehr gut lernen, weil sie in einem ständigen Lernprozess sind. Und die Arbeitgeber haben keinen Nachteil durch die Freistellung, weil alle Kosten von der Stadt erstattet werden. Verdienstausfall, Urlaub, Krankheitsgeld, Lehrgänge — da hat ein Arbeitgeber überhaupt keinen Nachteil, sondern unheimlich viele Vorteile. Wir zeigen den Arbeitgebern auch auf, wie oft es überhaupt zu Einsätzen kommt. Für Dormagen gilt, dass es 20 Einsätze pro Jahr sind. Das ist nicht viel.

Ist mit der Zeitungskampagne Schluss oder haben Sie noch andere Ideen?

Voss: Klar. Wir werden als nächsten Schritt auch innerhalb unserer Stadtverwaltung schauen, ob wir eine so genannte Verwaltungsstaffel auf die Beine stellen können, wie Sie das in ihrem Bereich aus Hückelhoven bereits kennen. Also ob Rathausmitarbeiter ein Feuerwehrfahrzeug besetzen können, das dann immer vor dem Rathaus steht. Außerdem wollen wir mit Arbeitgebern gemeinsam in Anzeigen werben, die schon positive Erfahrungen mit Mitarbeitern in ihren Reihen gemacht haben, die freiwillige Feuerwehrleute sind. Und darüber hinaus sind wir im Rheinland die erste Feuerwehr, die eine Kinderfeuerwehr eingerichtet hat, um früh Nachwuchs zu gewinnen. Wer einmal dabei ist, bleibt auch dabei. Ich kämpfe dafür, dass die Kinderfeuerwehr in das Feuerschutz- und Hilfeleistungsgesetz integriert wird. Da sperrt sich die Politik noch.

Warum?

Voss: Weil in ihren Augen zu viele Kosten entstehen und die Kinder mit Pädagogen betreut werden müssten. Unser Beispiel beweist aber, dass man da niedriger ansetzen und das mit eigenen Kräften stemmen kann. Kosten entstehen uns nur, weil wir das bislang privat versichern müssen. Wenn die Politik sich nicht hinter der Novelle des kompletten Gesetzes verstecken würde, wäre es eigentlich nur eine Unterschrift, dann könnte der entsprechende Passus in Kraft treten, damit alle Feuerwehren mit der Kinderfeuerwehr gesetzlich versichert umgehen könnten.

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