Heidi Hetzers Riesen-Reise: Mit 79 Jahren im Oldtimer um die Welt

Heidi Hetzers Riesen-Reise : Mit 79 Jahren im Oldtimer um die Welt

Heidi Hetzers Rückkehr in die Heimat ist erstaunlich unspektakulär. Sanft tuckert ihr Oldtimer „Hudo“, als sie ihn von Raeren-Eynatten kommend über die letzten kleinen Erhebungen auf die deutsch-belgische Grenze im Aachener Süden zusteuert.

Zweimal lässt sie die Hupe röhren — ein ohrenbetäubend schräger Lärm, der in früheren Zeiten wohl einzig den Zweck hatte, jeden von der Straße zu vertreiben, der dem Auto in den Weg kam. Sie passiert das schlichte Schild, das die Grenze markiert, und bringt den Wagen vor dem ehemaligen Zollgebäude zum Stehen.

Es werden schwarz-weiß karierte Zielfahnen geschwenkt, und als sie aussteigt, nimmt Klaus Pavel sie in den Arm. Pavel, ALRV-Ehrenpräsident und brasilianischer Honorarkonsul, und seine Frau Gudrun sind sozusagen das zweiköpfige Empfangskomitee.

Es ist geschafft. Heidi Hetzer ist wieder in Deutschland.

Der wenig Aufsehen erregende Grenzübertritt steht in keinem Verhältnis zu dem großen Abenteuer, das Hetzer in den vergangenen zweieinhalb Jahren hinter sich gebracht hat. Quasi auf sich alleine gestellt, hat sie mit „Hudo“, ihrem Hudson Greater Eight, der 1930 in Detroit gebaut worden ist, die Welt umrundet. 80.000 Kilometer haben die beiden gemeinsam zurückgelegt; sie waren auf allen Kontinenten und allen Ozeanen unterwegs. Dabei feiert Hetzer im Juni dieses Jahres selbst ihren 80. Geburtstag.

„Noch bin ich 79! Schreiben Sie bloß nichts Falsches!“, sagt sie und lacht. Mit immer noch jugendlichem Elan klettert sie auf die Motorhaube ihres Oldtimers, um sich für ein Foto in Pose zu stellen. Ganz so, als wollte sie die eigentlich geringe Bedeutung ihres Alters noch mal hervorheben.

Fast drei Jahre später: Am 12. März 2017 wurde die Weltenbummlerin nach glücklicher Reise vor dem Brandenburger Tor von ihren Fans empfangen. Foto: dpa/Jörg Carstensen

„Hudo“ ist übrigens ein Name, den Hetzer vom Vorbesitzer des Wagens übernommen hat, einem inzwischen verstorbenen Herrn Schulz, Vorname Udo, der den Wagen 30 Jahre lang gefahren hatte. „Hudo“ ist schlicht zusammengesetzt aus Hudson und Udo. Nach dem Tod des Mannes sei der Wagen mehrere Jahre lang im Internet angeboten worden, niemand habe ihn haben wollen, sagt Hetzer. Als sie dann nach einem passenden Fahrzeug für ihre Reise gesucht habe, sei sie über „Hudo“ gestolpert. „Ich habe sofort gewusst: Das ist das Auto, was ich suche.“

Reicher Schatz an Anekdoten

Wie lässt sich solch eine Reise in Worte fassen? Wer Heidi Hetzer eine Frage stellt — und es ist zunächst einmal völlig unerheblich, welchen Inhalt die Frage hat —, der erhält nicht einfach eine Antwort, sondern der wird beschenkt mit Juwelen aus dem reichen Schatz an Anekdoten, den Heidi Hetzer auf ihrer großen Reise gesammelt hat.

Die Berlinerin ist mit der Schnauze gesegnet, die in ihrer Heimatstadt sprichwörtlich ist. Sie kann wunderbar erzählen, etwa davon, wie sie auf ihrem Weg durch Asien nicht wie geplant ihre Route durch die Mongolei nehmen konnte, weil dort schon der Winter eingebrochen war.

Gut gelaunt: Auf diesem Foto von 1995 posieren Rallyefahrerin Heidi Hetzer (links) und ihre Beifahrerin Elke Middeldorn mit ihrem Hispano Suiza, Baujahr 1929, auf dem Pariser Platz. Foto: dpa/Andreas Altwein

Also musste sie durch China fahren, hatte aber für „Hudo“ kein Visum mehr. Die chinesischen Grenzposten seien äußerst skeptisch gewesen und hätten sie für eine Rebellin gehalten. Als es nach fünf Wochen Wartezeit endlich weiterging, musste sie einen offiziellen Begleiter mitnehmen.

Oder wie sie in Australien einmal in schwärzester Nacht unterwegs war und sich einen Schlafplatz suchen musste. Plötzlich sah sie Campingwagen am Wegesrand. Sie stellte sich kurzerhand daneben — rückwärts eingeparkt, wie immer. Als es am nächsten Morgen wieder hell war, hat sie erst bemerkt, dass nur ein paar Meter weiter hinten ein steiler Abgrund war. Ja, sie hat in mancher Situation durchaus einen Schutzengel gehabt.

Seit den 50er Jahren fährt Hetzer Rallyes, etwa die berühmte Rallye Monte Carlo, die Mille Miglia von Brescia nach Rom und wieder zurück oder die Panama-Alaska-Rallye. „Da hat man immer die Stoppuhr auf dem Schoß“, sagt Hetzer. Zudem führte sie mehr als 40 Jahre lang ein Autohaus in Berlin. Auch in diesem Beruf kann man es nicht ruhig angehen — und Hetzer ist erst mit 75 Jahren in Rente gegangen.

Eine Weltumrundung mit einem Oldtimer ist dagegen ein entschleunigtes Unterfangen. Auf flachen Straßen macht „Hudo“ zwischen 60 und 80 Stundenkilometern. Aber wenn es hoch und runter geht, muss Hetzer oft anhalten, um den Wagen abzukühlen. Fast ständig zwingt „Hudo“ sie zu Unterbrechungen oder Improvisationen. Sie muss ständig Pausen einbauen, weil sie nie weiß, ob das Auto mitspielt.

Heidi und „Hudo“: eine Lovestory

„Das ist ja sozusagen mein Mann. Wir sind ein Team, und wir sind aufeinander angewiesen“, sagt Hetzer. „Aber ,Hudo‘ macht eben öfter mal schlapp.“ Das meint sie übrigens gar nicht vorwurfsvoll. Das ist nun mal so in diesem Alter. Heidi und „Hudo“, das ist so etwas wie eine Lovestory!

Aber wie Liebesgeschichten so sind, war die Reise mit „Hudo“ für Hetzer eben auch eine Charakterprobe. Es hat lange gedauert, bis sie „runtergekommen“ ist, sagt sie. Sie musste erst lernen, sich auf das ganz eigene Tempo ihrer Reise einzulassen.

Auf ihrer Reise um die Welt im Oldtimer „Hudo“ musste Heidi Hetzer ungezählte Abenteuer überstehen, etwa einen Überfalll in Südafrika. Foto: dpa/Britta Pedersen

Egal ob in Kirgisistan, China, Australien, Kanada, Argentinien, Südafrika oder erst kürzlich noch vor den Toren von Paris: Immer wieder musste Hetzer ihre Fähigkeiten als gelernte Mechanikerin einsetzen, um „Hudos“ Achtzylindermotor wieder auf Touren zu bringen. Oder sie musste eine Autowerkstatt finden, die mit solch einem alten Auto umgehen kann. „Eigentlich sollte diese Reise nicht ,Mit Heidi um die Welt‘, sondern ,Mit Heidi durch die Werkstätten‘ heißen“, witzelte sie einmal. Zwei Motoren hat „Hudo“ auf der Fahrt verschlissen.

Und dann gibt es da noch die kulturellen Hürden. „In den anderen Welten“ seien die Gesellschaften noch viel mehr von Männern dominiert. „Die wollten mich zum Teil gar nicht an den Wagen lassen“, sagt Hetzer. Erst als sie gesehen haben, dass sie auch Werkzeug habe — und auch als Frau damit umgehen könne —, sei sie akzeptiert worden. Aber schnell, schnell geht gar nichts. Als sie in Südafrika einmal einem Mechaniker klarmachen wollte, dass sie in Eile ist, hat der gesagt: „Sie haben zwar eine Uhr, aber ich habe Zeit.“

Als Heidi ihren Finger verlor: „Jetzt ist er eben weg“

Mit anderen Herausforderungen ging Hetzer hingegen erstaunlich gelassen und positiv um: Bei einer Reparaturarbeit im kanadischen London suchte sie unter der Hebebühne ein Öl-Leck. Der Lappen verfing sich im laufenden Motor, die Hand wurde eingezogen. Dabei verlor sie den kleinen Finger ihrer rechten Hand. „Na und?!“, sagt Hetzer, als ob es sich nur um einen Kratzer handelte. „Jetzt ist er eben weg.“

Auch eine Krebserkrankung, die in Florida diagnostiziert wurde, konnte Hetzer nicht aufhalten. Sie hat schlicht abgewägt: Wenn es eine schlimme Erkrankung ist, dann ist es sowieso die letzte Reise. Und wenn es nicht so schlimm ist, dann könne es ohnehin weitergehen. So oder so: „Den Panama-Kanal kann man sich doch nicht entgehen lassen!“ Trotzdem kehrte sie später — auch auf Drängen ihrer Tochter — von Lima aus für vier Wochen nach Deutschland zurück, um sich medizinisch versorgen zu lassen.

Inspiriert zu der Reise wurde Hetzer von Clärenore Stinnes, die von 1927 bis 1929 als erster Mensch die Welt mit einem Auto umrundete. Man könnte also meinen, Hetzer habe sich mit ihrer Reise einen Abenteurer-Traum erfüllt. Hetzer nennt das Quatsch: „Ich habe mein Leben lang nur gearbeitet, ich hatte überhaupt keine Zeit für Träume.“ Sie hatte immer gesagt, dass sie sich mal die Welt ansehen will. Dass sie das mit einem Oldtimer machen würde, ist eine Schnapsidee gewesen. „Mein Sohn hat gesagt: ,Wenn Du Dir jetzt nicht die Zeit nimmst, wann willst Du sie Dir dann nehmen?‘ Und er hatte Recht.“

Was für ein gewaltiges Unternehmen die Reise im über 80 Jahre alten „Hudo“ war, demonstrierte Heidi Hetzer vor ihrer Abfahrt auf der Routenkarte. Foto: dpa/Britta Pedersen

Was bleibt nach fünf Kontinenten, drei Ozeanen und 80.000 Kilometern? „Die Welt ist schön“, sagt Hetzer. Die Vielfalt der Natur sei bemerkenswert. Vor allem Neuseeland hat es ihr angetan, es sei das wundervollste Land der Welt. Am meisten beeindruckt hat sie aber die Freundlichkeit der Menschen. Ganze Busse hätten angehalten, um sie zu fotografieren, alle seien begeistert gewesen von ihrem Auto und der Sache. Und rund 50 Prozent der Übernachtungen habe sie bei Privatleuten gemacht, die sie einfach so für eine Nacht oder ein paar Tage aufgenommen hätten.

Seit der dreiwöchigen Schifffahrt von Afrika zurück nach Europa plagt sie ein wenig das Heimweh. Sie hat Sehnsucht nach ihrer Familie. Das jüngste ihrer fünf Enkelkinder kennt sie bis jetzt nur von Fotos. Nächste Woche Sonntag, am 12. März, will Heidi Hetzer ihr Ziel in Berlin erreichen: das Brandenburger Tor. Sie wird dann 959 Tage unterwegs gewesen sein.

Mehr über die Reise auf www.heidi-um-die-welt.com

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